Mittwoch, 5. August 2026
Werner Best und der Boxheimerhof

Für meinen Brockhaus ist nur das berühmte Dokument interessant, das der führende hessische Nazi Werner Best 1931 von Parteigenossen auf dem nahe Bürstadt gelegenen Boxheimerhof erörtern ließ. Darin hatte Best seine Vorstellungen vom Umsturz und den anschließenden drakonischen antikommunistischen »Maßnahmen« niedergelegt. Als die Öffentlichkeit davon Wind bekam, beeilte sich die Parteileitung erfolgreich, von einem privaten Alleingang Bests zu sprechen. Man werde sich selbstverständlich an die demokratischen Spielregeln halten. Ein »Hochverratsverfahren« gegen Best wurde im Herbst 1932 eingestellt.
~~~ Der Boxheimerhof soll im frühen Mittelalter Kloster-gut gewesen sein. Näheres zu erfahren, hindern mich die neuartigen »Bezahlschranken« im Internet. Also schreibe ich (am 11. Dezember 2023) das Bürstädter Stadtarchiv an. Die Antwort? Nicht etwa eine Gebührenordnung, vielmehr gar nichts. Ich könnte mir allerdings denken, es wäre den Verantwortlichen nicht so lieb, die Leute, die zu Bests Zeiten das Gut betrieben und das vielleicht auch heute noch tun, in Verlegenheit zu bringen. Schließlich dürften es damals, 1931, mindestens Bekannte der Nazis, vielleicht sogar Kameraden gewesen sein, die sich durch solch eine geheime Tagung geehrt fühlten. Also ließen mich die lieben Stadtbediensteten lieber ins Leere laufen, nehme ich an. Um 1997 streifte ich das abgeschieden am Waldrand liegenden Anwesen einmal ferienweise mit dem Fahrrad. Täuscht mich meine Erinnerung nicht, beeindruckte es mich nicht sonderlich. Es gab lediglich eine witzige, winzige Gutskapelle, die ich gern besichtigt hätte, aber sie war verrammelt. Inzwischen hat man sie offensichtlich aufgehübscht* und vermutlich gleichfalls mit einer Bezahlschranke versehen.
~~~ Ich kehre zu Werner Best zurück. Der Jurist und SS-General brachte es im »Dritten Reich« zu einem noch deutlich höheren Tier. Er gilt, neben Himmler und Heydrich, als Hauptorganisator der Geheimen Staats-polizei. An der mörderischen Judenverfolgung war er auf unterschiedlichen Posten stark beteiligt. So hat er zahlreiche Polen auf dem Gewissen. Zuletzt wirkte er als Reichsbevollmächtigter im besetzten Dänemark. Ein Kopenhagener Gericht verurteilte ihn nach Kriegsende zunächst zum Tode, doch das angelsächsich-bundes-deutsche Verzeihungswunder sorgte für Abmilderung: Umwandlung in Haftstrafe, vorzeitige Entlassung bereits 1951. Im folgenden warb Best unermüdlich für »Generalamnestie« aller NS-TäterInnen und half vielen Beschuldigten aus der Patsche. »Demokratische« Firmen und Parteien beschäftigten ihn als juristischen Berater. Seine eigene Bestrafung konnte er mit den üblichen Schlichen und mit Hilfe der Bereitschaft der westdeut-schen Justiz, sich verarschen zu lassen, bis zum letzten Atemzug unterbinden. Der Südhesse starb 1989 mit knapp 86 Jahren in Mülheim an der Ruhr.
~~~ Allerdings wird behauptet, selbst der kühn kalku-lierende Intelektuelle Best sei kein unangreifbares Ungeheuer gewesen. 1947 von seiner Gattin Hilde in der dänischen Haft besucht, habe er Beruhigungsmittel geschluckt, sich an Gesprächszettel geklammert, in wiederholten Weinkrämpfen von Selbstmord als der besten Lösung gejammert, lese ich im Spiegel 23/1996. Hilde habe ihn jedoch angeherrscht, er habe die Haft »hart und biegsam wie Stahl« durchzustehen. Da scheint auch ein bewährter Dialogschreiber aus Hollywood im Besuchszimmer gesessen zu haben.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:B%C3%BCrstadt,_Kapelle_Boxheimerhof.jpg
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