Mittwoch, 5. August 2026
Eine Zier namens Bescheidenheit
ziegen, 10:58h
Wer den französischen Denker Alain nicht kennt, wird zunächst verblüfft sein, wenn er ihn in seinem Hauptwerk Lebensalter und Anschauung (deutsch Berlin 1932, S. 458/59) die Bescheidenheit bestimmen hört. Der Tierarztsohn geht sie, wie fast alles, physiologisch an. Die Bescheidenheit beruhe hauptsächlich auf einem gelösten, unverkrampften Zustand, somit auf der Freundschaft mit sich selbst. Gymnastik und Musik sei schon die halbe Miete. Am Schluß des Kapitels läßt er jedoch die Katze aus dem Sack. Der Bescheidene setze auf die Weisheit der natürlichen und menschlichen Ordnung. Ihr gliedere er sich gerne ein. Im Vergleich zu ihr seien die wünschens-werten und möglichen Veränderungen immer nur winzig. Folglich bleibt auch der Philosoph gleich aus freien Stük-ken Zwerg. Wenn das keine Einladung zu Opportunismus und Unterwürfigkeit ist, fresse ich seine Zipfelmütze.
~~~ Nach landläufiger Vorstellung handelt es sich beim Bescheidenen um einen Mitmenschen, der sich nicht einbildet, etwas Besonderes oder besonders wichtig zu sein. Er ist sozial, tolerant, verträglich gestimmt. Was ihm mißfällt, sind Eigensinn, Stolz, Ehrgeiz und Machtstreben. Soweit kann man ja durchaus zustimmen. Allerdings weiß man auch, daß die Menschheit ein Pack aus Betrügern und Verstellungskünstlern ist. Von daher wird auch oft nur der Anschein von Bescheidenheit erweckt. Schließlich gilt sie als Zier, erweist sich jedoch häufig als idealer Deckmantel für Schweinereien. Deshalb bemerkte Alains Landsmann Jules Renard am 2. Dezember 1895 in seinem Tagebuch recht spöttisch, die Bescheidenheit stehe den Großen gut zu Gesicht. »Aber nichts darstellen und gleichwohl bescheiden sein, das ist sehr schwer.«
~~~ Hier spielt der Schriftsteller auf die vielen Ohnmäch-tigen an, und in der Regel werden die Ohnmacht und ihre nicht seltenen Konsequenzen, nämlich Minderwertigkeits-gefühl und Aufbegehren, bereits in der Kinderstube gezüchtet. Gewiß bleiben manche Kinder auch zeitlebens schüchtern. Das hat freilich nichts mit Bescheidenheit zu tun. Ihnen fehlt einfach der Mut zur »Freundschaft mit sich selbst«, wie man jetzt höhnen könnte, nämlich zu Rebellion und Befreiung. Warum er ihnen fehlt, läßt sich wahrscheinlich nie genau beantworten. Es mag an den Erbanlagen, es mag an günstigen oder ungünstigen Umständen liegen. Mein Heranwachsen in der Gärung der antiautoritären Schüler- und Studentenrevolte war insofern ohne Zweifel günstig. Andererseits hat mich schon oft der Verdacht beschlichen, ich hätte mich, ob als Politiker, Künstler oder Liebhaber, vielleicht nur deshalb so gern ans Licht gedrängt, weil ich dann besser oder gar glänzender wahrnehmbar sei. Herkömmliche Laufbahnen mit guten Standplätzen waren mir schließlich verschlossen.
~~~ Ich wäre nicht verblüfft, wenn führende Bolschewiken wie Bucharin, Sinowjew, Kamenew, Radek oder Kolzow, die der saarländische Schriftsteller Gustav Regler um 1935 in Moskau sah oder traf, mit ähnlichem Hauptantrieb auf ihre Posten gekommen wären. Zur Strafe wurden sie erschossen. Stalin und seine Günstlinge waren die Stär-keren. Was man auch anpackt, man landet beim Krieg.
∞ Verfaßt 2025. Zu Alain, dem französischen Philosophen, empfehle ich meine Korsischen Räuberpistolen, in denen er wiederholt gerupft, ja sogar als Schöndünster enttarnt wird.
°
°