Dienstag, 10. Februar 2026
Wie es zum Trio Lilo kam

Ein Leserbrief an die Vesseler Post

In der letzten Sonntagsbeilage bringen Sie einen heimat-kundlichen Beitrag über nordhessische, überwiegend durchaus stattliche Gutshöfe. Sie heben unter anderem das »mit wunderschönen Acker-, Kutsch- und Reitpferden bestückte« Karlskirchener Gut Gleim hervor. Das mit den Gäulen stimmt schon; nur übergehen Sie den betrüblichen Umstand, daß Gut Gleim während unserer faschistisch aufgezäumten Jahre leider nicht mehr mit der Familie Gleim »bestückt« war. Die örtlichen Nazis hatten diese freidenkerisch gestimmten Gutsleute nämlich nach Adolfs Staatsstreich zügig hinausgeekelt, dafür einen strammen Parteigenossen hineingesetzt, den sogenannten Major von Solzleben. Und dieser sorgte im Herbst 1935 für den mehrwöchigen Ferienaufenthalt der blondgelockten, nebenbei aufreizend vollbusigen Oberschülerin Lilo im vergitterten Teil des Karlskirchener Amtsgerichtes, wie ich von meiner seligen Mutter Hannelore weiß. Man warf das freche Mädchen vom Acker weg in eine Arrestzelle. Meine Mutter konnte es nicht verhindern, stammte sie doch lediglich aus der hiesigen Lehrerfamilie Hempel. Lilo dagegen war immerhin eine Enkelin des angesehenen Karlskirchener Verlagsbuchhändlers Alois Stubenrauch. Man war gut miteinander befreundet. Von daher kam natürlich Genugtuung auf, als das Verfahren gegen Lilo, das ihr wahrscheinlich mindestens ein ganzes Jahr im Knast eingebracht hätte, noch am ersten Prozeßtag platzte. Lilo wurde damals überraschend befreit. Von diesem Coup und dessen Hintergründen erlaube ich mir im folgenden, Ihrer werten Leserschaft so knapp wie eben möglich Bericht zu erstatten.
~~~ Lilo ging auf unser einziges Gymnasium. Nun hatten der braune Schulrat und Vom Solzleben einen reichlich seltsamen »Wandertag« ausgeheckt. Es sollte just auf die abgeernteten Äcker der hiesigen Großbauern und natürlich auch des Gutshofes gehen. Zweck der Übung war Steinelesen. Lilos Unterprima kam zum Gut. So hatten sie sich in auseinandergezogener Reihe hinter mehreren Pferdefuhrwerken aufzubauen, um bei herrlichem Sonnenschein in unzähligen Bücklingen über die ausgedehnten Solzlebener Ländereien »zu wandern«. Jeder Stein war sofort auf den nächstgelegenen, im Schritt fahrenden Pferdeanhänger zu werfen; Ordnung muß sein. Nicht nur Lilo soll bald vor Wut gekocht haben. Meine Mutter meinte, Lilos Freundin Sophie habe ihr später davon erzählt. Wenn sie auf dem Gut eine schicke Kommune aufmachen dürften, würde sie sich ja keineswegs gegen das Steinelesen sträuben, habe Lilo geschimpft. Aber unter diesen Umständen? Dem Wanst und dem Glanz des Majors zuliebe ..? Nie und nimmer.
~~~ Es kam, wie es kommen mußte. Lilo lästert, Lilo trödelt, und schließlich trifft sie sogar mit einem faust-dicken Stein „aus Versehen“ die Gäule statt die Ladefläche – wie sich versteht, gehen die Gäule erschrocken durch. Da hatten sich so manche MitschülerInnen das Lachen zu verkneifen. Leider lief aber auch gleich eine vernagelte BDMlerin hinter den wiehernd trabenden Gäulen her, um Lilo beim Major, der gerade persönlich und hoch zu Roß die Aufsicht führte, zu verpetzen. Damit »wanderte« unsere widerspenstige Blondine zuletzt, wie schon erwähnt, schnurstracks auf die Polizeiwache und in die Amtsgerichtszelle.
~~~ Erfreulicherweise drang die Kunde von dem Unglück schon anderntags bis auf Schloß Akkrobatt, wie es gewöhnlich kurz genannt wurde. Offiziell hieß die Einrichtung »Hochschule für Akrobatik, Tanz und Musik auf dem Essekopf«. Der lag nördlich von Vessel bei Hofgeismar. Die Schule galt als linke Hochburg Hessens und war bislang, aufgrund ihrer Prominenz und ihrer vielen ausländischen Studenten und Lehrkräfte, noch nicht von den Nazis dichtgemacht worden. Es war ihnen noch nicht einmal gelungen, wenigstens einen Spitzel ins Schloß zu schmuggeln. Akkrobatt lag in gut 500 Meter Höhe auf einem vorwiegend kahlen Berg, der übrigens zum Teil für Segelflug genutzt wurde. Im Segelflug hatten die Nazis durchaus überall ihre Finger drin. Mit Segelflug hatten die künftigen Akrobaten, TänzerInnen und MusikerInnen allerdings nichts am Hut.
~~~ Zu den rund 80 Hochschülern zählten Klaus und Werner, die Lilo sogar flüchtig persönlich kannten. Sie hatte die beiden Recken, beide Anfang 20, nach deren Auftritt beim jüngsten Sommerfest auf dem Karlskirchener Untermarkt »angebaggert«, wie man später dazu gesagt hätte. Seitdem brannte sie darauf, auch einmal zum Gegenbesuch auf den Essekopf zu kommen. Das ließ sich jetzt überraschenderweise machen. Klaus und Werner war sonnenklar, wegen früherer Aufsässigkeiten drohte ihrem fernen Goldschatz jede Wette eine empfindliche Gefängnisstrafe. Wie sollte sie das, bei ihrer Mannstollheit, aushalten? Somit keine Frage, unsere beiden gut trainierten Akrobaten würden Lilo raushauen.
~~~ Als der Gerichtstermin gegen Lilo angesetzt war, hatten sie ihren Plan bereits ausgefeilt. Nun packen die beiden ein langes Tau, zwei gefälschte Kfz-Nummern-schilder und etwas Elektrokleinwerkzeug in ihre Rucksäcke und fahren am Vortag, über Vessel und Grifte, mit der Eisenbahn nach Karlskirchen. Mit einem Schulfahrzeug hätten sie sich natürlich gleich verraten. So streiften sie als Touristen durch das Städtchen, guckten sich dabei ein hübsches, flottes Auto aus – das sie, nach der Übernachtung bei einem guten Bekannten von Sophie, im Morgengrauen kurzerhand stahlen und umnum-merierten. Rotschopf Klaus, ein stämmiger gelernter Automechaniker, übernahm den Posten im Fluchtwagen. Dafür enterte der biegsame lange Werner kurz vor Prozeßbeginn das Dach des Amtsgerichts von der Rückfront aus, die auf einen verwilderten Obstgarten zeigte. Wie sich versteht, sah und hörte ihn keine Maus; gelernt ist gelernt. An einem bestimmten Schornstein eingetroffen, zog er das Tau aus seinen Knickerbockern und band es narrensicher fest. Sein Genosse hatte um die Ecke in der Gasse »Hinterm Amtsgericht« geparkt. Der Gerichtssaal lag im ersten Stock und ging auf den Holzweg. Mit der Gefangenen war per Wurfzettel verabredet worden, sie möge punkt 11 Uhr 30, bald nach dem Verlesen der Anklageschrift, einen Schwäche- oder Angstanfall vortäuschen und die Erlaubnis zum Frische-Luft-Schöpfen an dem zweiten Saalfenster von der Vesseler Straße aus gesehen erwirken. Sie bekam sie auch, was nebenbei bereits auf ihre schauspielerischen Talente vorauswies. Kaum hatte sie das Fenster geöffnet, pfiff sie gekonnt wie ein Pferdeknecht auf zwei Fingern. Prompt fiel ein Tau vor dem Fenster herab, während Klaus mit dem geklauten Wagen aus der Gasse fegte, bremste und schon einmal zwei Seitentüren aufstieß. Als Erste sauste natürlich Lilo an dem Tau zum Holzweg hinab. Sie hatte sich in Windeseile Taschentücher um die Handteller geknotet. Dann folgte Werner mit Lederhandschuhen vom Dach aus. Beide hechteten sich ins Fluchtfahrzeug – und ab ging die Post. Das Tau ließen sie im Stich. Die Presse sprach anderntags von einem ziemlich nutzlosen Geschenk an die Strafverfolgungsbehörden.
~~~ Der Rest dieser Geschichte läßt sich wohl extrem abkürzen. Ein Mitstudent von Akkrobatt hatte ein Schulauto bei Fritzlar im Kellerwald geparkt und war dann mit der Eisenbahn zurückgefahren. Jetzt kam das später so genannte und sogar berühmte Trio Lilo auf einigen Umwegen zu dieser Stelle. Nachdem sie den gestohlenen Wagen etwas abseits in einen versteckten Teich gefahren hatten, bedienten sie sich des Schulautos, um nahezu legal, wenn auch mit kühnen Einlagen der erotischen Art garniert, zum Essekopf zu gondeln. Sie spielten einfach einen nächsten Schulausflug, das war ja nicht verboten. Sophie habe ihr versichert, Lilo sei nach den zwei oder drei Wochen Knast derart »ausgehungert« gewesen, daß sie auf diesem Rückweg gleich beide Recken, die sie befreit hatten, »auf einmal vernascht« hätte, verriet mir meine Mutter unter Kopfschütteln. Das war von meiner Mutter verdammt mutig – und von den Dreien sicherlich schon ganz schön akrobatisch.
~~~ Auf dem Schloß eingetroffen, werden Lilo zunächst einmal neue Papiere verpaßt. Dann wird die nun 21jährige gleich in die Hochschule aufgenommen. Jetzt üben die Drei auch andere, zirkusreife Nummern ein. Die präsentieren sie allerdings ab 1937 nicht mehr im faschistischen Deutschland, vielmehr auf Welttournee.

Gez. Ignaz Hempel, Karlskirchen
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