Mittwoch, 17. Dezember 2025
Pötterstein + Herkules
Verfaßt 2024

Täuschen mich mein Gedächtnis und mein Quellen-studium nicht, wohnte ich vor knapp 50 Jahren, im Sommer 1976, dem sogenannten »Durchbruch« der bald darauf weltberühmten Geschwister Pötterstein bei. Sie traten in einem Gastspiel des eher kleinen Zirkus Grübchen auf. Das Zelt stand auf dem damals noch ungepflegten Platz unweit des Anhalter Bahnhofs, auf dem inzwischen das Tempodrom ansässig ist. Die dreiköpfige Clown-Gruppe Geschwister Pötterstein war bis dahin noch wenig bekannt, wenn ihr auch KennerInnen eine große Zukunft vorhersagten. Die drei im einzelnen nannten sich Dag, Trick und Schlapp. Dag war sogar eine Frau, Ende 20, schon das war damals noch selten. Ferner wußte man auch im Straßentheater Kreuzberger Asphaltoper, dem ich gerade beigetreten war: diese Clowns treten stets unkostümiert und nur spärlich geschminkt auf, sprechen so gut wie nie und beherrschen von der Pantomime bis zum Flickflack so ungefähr alles, was den Zirkus anziehend macht. Also gingen wir geschlossen hin.
~~~ Wir hatten Glück. Die Geschwister Pötterstein hatten eine neue Nummer eingeübt, die mit dem Kinderwagen. Sie war damals noch kaum einem Zeitungsschreiber bekannt. Eben damit »brachen sie durch«. Dabei fing die Sache recht gemütlich an. Schlapp, ein Kleiderschrank mit Hängeschnauzer um 30, trat an der Seite der deutlich kleineren und hübscheren Dag aus dem Vorhang. Sie freuten sich sichtlich über das gute Spazierwetter und das zahlreich erschienene Publikum. Den erstaunlich unförmigen Kinderwagen schob Schlapp, der stolze Vater. Er steckte in einem lose geschnittenen hellen Sommeranzug, der mit seinem Schnauzbart um die Wette wackelte. Schlapp versäumte es nicht, ab und zu gestische Albernheiten in das Ausguckmaul der hochgeklappten Kinderwagenhaube zu werfen, seine Gattin auf verschiedene Sehenswürdigkeiten aufmerksam zu machen, seine Lust auf einen Zigarillo anzudeuten und so weiter. Während sie so durch die mit einem Teppich belegte Manege zogen, fragte man sich allerdings bald, wo eigentlich der Dritte im Bunde bleibe, Trick. Man muß dazu wissen: Trick war nicht nur der jüngste, sondern auch der körperlich kleinste der drei Clowns. Er maß nur knapp 1,54, hatte ich gelesen. Die Unförmigkeit des Kinderwagens wurde auch am Fußende betont, wo eine Art Federbett herauszuhängen schien. Vielleicht sollte es dem Baby nicht zu heiße werden. Auch das vermeintliche blauweiß karierte Federbett, das fast auf dem Boden schleifte, schaukelte sanft. Da flüsterte mir Roswitha plötzlich zu: »Ick gloobe, der Dritte steckt in det Monstrum von Kinnerwagen. Un weeste, wo er sinne Beene hat? Na, unter det olle Federbett ..!«
~~~ Sie sollte recht behalten. Und schon ging es los. Schlapp ließ jäh die Lenkstange fahren, um sich verdutzt in sein zerknittertes Gesicht zu fassen und dieses nach dem Zeug abzutasten, das ihm vom Hängeschnauzer troff. Es waren die Überreste einer faulen Tomate. Das fand er natürlich unerfreulich. Er sah mit Leidensmiene an seinem eben noch makellosen hellen Sommeranzug herunter. Als sich dann auch noch Dag an den Mund faßte, weil sie wohl kichern mußte, verabreichte ihr Schlapp erbost eine deftige Ohrfeige. Das ließ sie sich selbstverständlich nicht gefallen. Sie trat ihn so mächtig in den Hintern, daß er vornüber auf das vermeintliche Federbett kippte. Darauf kippte auch der Wagen, doch Trick, der den Säugling gespielt und die Tomate abgefeuert hatte, sprang noch rechtzeitig heraus. Jetzt kam er sofort seiner Mutter zur Hilfe. Allerdings war Schlapp kein Glockenstrick, und so tobte die Schlacht über mehrere Minuten, wobei die drei Artisten mit Scherensprüngen, Überschlägen vor- und rückwärts, Stemmen des Kinderwagens und was sonst noch allem glänzten. Das Publikum jauchzte, die Kapelle schmetterte. Schließlich hatten Dag und Trick den empörten Vater überwältigt und mit dem Gürtel von Tricks geblümtem Bademantel gefesselt. Diesen ließ er nun fallen, sodaß er nur noch in einem flotten Trikot steckte. Er klaubte ein paar rote Dinger aus dem Kinderwagen und fing gemeinsam mit Dag zu jonglieren an. Es waren sieben feste Tomaten. Jeweils einen Fuß auf den besiegten Schlapp gesetzt, warfen sie sich diese »Bälle« von zwei Seiten aus tatsächlich in enormer Geschwindigkeit zu, ohne daß auch nur eine Tomate auf den Teppich beziehungsweise auf Schlapp gefallen wäre. Rauschender Beifall! Das bewog nun Schlapp dazu, sich aus dem Bademantelgürtel zu befreien und sich mit weiteren fünf Tomaten an diesem Akrobatenstückchen zu beteiligen. Man stelle sich vor: drei im Dreieck aufgepflanzte Leute jonglieren gemeinsam in beachtlichem Tempo mit 12 Tomaten!
~~~ In der Westberliner Presse hieß es anderntags, sowas hätte »die freie Welt« noch nie gesehen. Naja, wir befanden uns in der Frontstadt. Schließlich ließen die Geschwister Pötterstein am besagten Abend ihren Kinderwagen im Stich und schritten auch noch jonglierend in Dreiecksform auf den Vorhang zu. Den hielt ihnen der Direktor persönlich mit Verbeugung auf. Der Zirkus tobte.


Um denkbaren Mißverständnissen vorzubeugen: die Pöttersteins hat es nie gegeben. Dafür ist der im folgenden vorgestellte Circus Herkules nicht von mir erfunden. Im Jahr 2006 zählte er zu den »mittelgroßen« Zirkusunter-nehmen, und wie mir Direktor Klaus Bachmann (Mitte 50) damals verriet, gastiert er pro Saison (März bis November) in mindestens 70 zumeist mitteldeutschen Städten. Stammsitz ist Kassel. Rechte Hand des Chefs ist nicht Herkules mit der Keule, vielmehr der durchaus muskel-bepackte, ungefähr 50 Jahre alte Rudolf Janäczek vom Prager Trio Venus. Stapft der blondmähnige Hüne über den versengten Rasenplatz, den Blick gedankenverloren vor seine Glocks geheftet, ahnt man, auf welchem brüchigen Boden die Artisten wandeln. Jederzeit drohen Sturz, Streit, Pleite.
~~~ Bachmann reist in der Regel erst zur ersten Vorstellung am Gastspielort an. Mit Hilfe von sieben Zugmaschinen ist seine rund 20köpfige Truppe imstande, einen Platzwechsel bis zu 100 Kilometer ohne Ausfalltag vorzunehmen, doch wird sie zuweilen auch von einer Terminlücke zum Warten gezwungen. Die meisten Artisten leben in eigenen, modernen Campingwagen, die ihnen den üblichen Komfort, etwa Dusche und Klimaanlage, bieten. Für Wasser- und Stromanschluß sorgt der Chef. An jedem zweiten Wagen kläfft mich irgendein groteskes Hündchen an, das ich bequem in meine Umhängetasche stecken könnte.
~~~ Im Hauptzelt hat jemand Konservenmusik angeworfen. Wegen der drückenden Sommerhitze sind die Seitenwände hochgerollt. Deshalb sieht »Rudi Junior« seine weißen Keulen auch ohne Scheinwerferlicht gut genug. Der hochgewachsene 17jährige, der gern sein langes, braunes Haar wirft, jongliert mit bis zu sieben Stück, meistens im Affentempo. Verfehlt er eine Keule, bückt er sich nicht etwa; er schlenzt sie wie ein Fußballspieler mit Spann oder Ferse in seine Hand. Manchmal schleudert er zwei oder drei Keulen bis unter die Kuppel des 4-Mast-Zeltes, um während ihrer Rückkehr Saltos zu schlagen oder Pirouetten zu drehen. Dann fängt er sie wieder auf. Ist das Zelt ausverkauft, klatschen rund 800 Leute. Tatsächlich kann Rudi auch mit fünf schwarzweiß gefleckten Fußbällen in rasender Geschwindigkeit jonglieren. Er trainiert täglich drei oder vier Stunden, was »Rudi Senior« – sein Vater – nicht mehr nötig hat. Mit diesem und seiner Mutter Clara bildet er das Trio Venus, das mit sogenannten Stirn-Perchen arbeitet. Meistens ist es Rudi Senior, der die mit Trittstäben versehene drei oder vier Meter lange Stange vertikal auf seinem wuchtigen Schädel balanciert. Frau oder Junior klettern hinauf, um noch allerlei Kunststückchen zu vollführen.
~~~ Man könnte sich natürlich fragen, ob es die Menschheit erheblich beglückt, wenn einer ihrer Angehörigen im Affentempo Keulen kreisen läßt oder auf einer schwankenden Stirnperchenplattform von der Größe eines Frühstückstabletts in fünf Meter Höhe einen Salto schlägt. Lohnt es die Sturzbäche an Schweiß und den Abrieb der Bandscheiben, von Genickbrüchen einmal zu schweigen? Das Gleiche könnte man natürlich die Erfinder von Guillotinen, Limousinen, Schreibmaschinen fragen. Insofern spiegelt Zirkus lediglich die Ahnung, die Menschheit sei grundsätzlich verrückt.
~~~ Wer Klaus Bachmann sieht, will es kaum glauben. Der Herr Direktor wirkt unaufdringlich, ja fast bieder. Er war ursprünglich Bankkaufmann. Schon vor 30 Jahren (1976) begann er seinen Circus Herkules aufzubauen. Er organisiert, führt durchs Programm, zeigt Dressuren mit einigen Pferden und Exoten. Wohlweislich sitzt er auch selber im Kassenhäuschen. Seine Truppe scheint ihn zu schätzen. Er hält die vielen Gegensätze und Absonderlichkeiten unter einem Hut. Vielleicht schlichtet er auch gelegentlich, wenn Liebeshändel drohen oder Vater und Sohn aufeinander krachen. Rudi Junior hat bereits einen eigenen Campingwagen. Die Artistengruppen haushalten getrennt, laden sich aber öfter gegenseitig ein, zu gegrillten Thüringer Bratwürsten etwa nebst Budweiser Bier. Ist nichts los, hat jeder seine Satellitenschüssel.
~~~ Stallmeister Sascha Prehn aus Lübeck, der Bachmanns Tiere betreut, ist erst 25. Wie man Stallmeister werde? Da rutsche man so rein. Schon mit 16 entflammte ihn der Zirkus. Zwei Jahre lang sammelte er als Tierpfleger in einem Zoo Erfahrung. Auch Prehn preist das vergleichsweise ungebundene Zirkusleben, stets an der frischen Luft, Miete bleibt ihm und seiner Frau erspart. Für die Kätzchen seiner ebenfalls jungen Kollegin Carmen Zander ist er übrigens nicht verantwortlich. Die Berliner Tierlehrerin führt sie im eigenen Käfigwagen mit sich. Es handelt sich um fünf bengalische Tiger, die mit ihren sieben Monaten noch als Kinder gelten, obwohl sie schon länger sind als der gefällte Rudi Senior, falls er mal stolpern sollte. Um ihre Katzen zu nähren, muß Zander Tag für Tag 100 Kilogramm Fleisch bereit halten. Aus der Not eine Tugend machend, führt die Dompteuse mit Hilfe der Erläuterungen des Zirkusdirektors im Manegenkäfig vor, wie sich Raubkatzen geduldig erforschen und schließlich abrichten lassen. Dabei sei es unerläßlich, ihre jeweiligen Vorlieben, Begabungen, Charaktere zu berücksichtigen. Mit den Artisten scheint es sich ähnlich zu verhalten, wie Klaus Bachmann im Gespräch andeutet. Engagiere er, habe er mit viel Fingerspitzengefühl darauf zu achten, ob die Künstler(gruppen) auch zusammen-paßten. Ein Querulant könne das ganze Betriebsklima vergiften. Außerdem verlangt er selbstverständlich Professionalität. BewerberInnen müssen ihm Videos unterbreiten. In jedem Frühjahr bleiben nur wenige Tage am Ort des ersten Gastspiels, um die verschiedenen Nummern aufeinander abzustimmen. Dann steht die Show.
~~~ Keinen geringen Anteil an dieser hat das Trio Breslau, was ihm außerhalb des Zeltes kaum anzusehen ist. Die drei polnischen Musiker, nicht mehr blutjung, wirken eher wie Pantoffelhelden. Thronen sie aber an Schlagzeug, Keyboard und Saxophon/Posaune einen knappen Meter über der Manege, beeindrucken sie mit ihrem perfekten Schmiß. Mit jeweils rund 800 Euro netto pro Monat fühlen sie sich offenbar auch gut bezahlt. Die Eintrittspreise liegen zwischen 7 und 14 Euro, also im Schnitt vielleicht bei 10. Bachmann sagt, um auf seine Kosten zu kommen, benötige er einen Zuschauerschnitt von 200, den er eigentlich immer überbiete. In der Saison 2005 zog Circus Herkules rund 40.000 Leute an. Bachmann betont, im Gegensatz zu Opernhäusern oder Theatertruppen bekämen deutsche Zirkusse keinerlei Subventionen.
~~~ Nach Schmalhans riecht auch die Pause. Ich wähne den beleibten Schnauzbart vom Schlagzeug zunächst bei illegalem Futterhandel zu ertappen, doch er verkauft die Tütchen für die Tierschau offiziell. Die zwei Euro Eintritt zu den Gehegen kassiert der Chef wieder eigenhändig. Am Vormittag brütet der Schlagzeuger mit entblößtem Oberkörper in seinem winzigen Campingwagen vorm Fernsehgerät neue Trommelwirbel oder alte Tanzpalastpläne aus, während Rudi Junior die Keulen fliegen läßt. Dessen Vater, der schon seit über 30 Jahren mit stets ähnlichen Kraftakten imponiert, behauptet, durch diese Berufswahl sei ihm die Fabrik erspart worden. Bei der rasanten Rationalisierung dürfte sich das Problem für seinen Sohn, den »Tempo-Jongleur«, erübrigt haben. So hält sich der Junior an seinen Keulen fest.
~~~ Dagegen tritt Clown Darek neuerdings mit einem tropfenden Köfferchen auf. Er kräht, er müsse verreisen. Der Zirkusdirektor staunt. Während er seinem Clown das Reiseziel zu entlocken sucht, schnüffelt er neugierig, hält ein Gläschen unter die Tropfen, nimmt den ersten Schluck und schwärmt, es sei prima Wodka. Der Clown beteuert allerdings, es handle sich um reinrassigen Whisky. Schließlich springt das Köfferchen auf – und heraus hüpft eines der erwähnten Hündchen.
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