Donnerstag, 6. März 2025
Erfolg
Verfaßt im Frühjahr 2025

Will einer vorbildlich wirken, genügt es nicht, beispiels-weise dem sogenannten Erfolg – Ehrgeiz und Ruhm-streben eingeschlossen – unmißverständlich in hübschen Essays abzusagen. Sondern er muß ihn aus Überzeugung verschmähen. Ja mehr noch, er muß sich ihm verweigern, weil er ihn nicht mehr nötig hat. Sein Verzicht darf also kein Opfer sein. Und er darf nun nicht etwa aus seiner Verweigerung Anerkennung beziehen, die ihn vielleicht doch noch berühmt macht. Das war möglicherweise ein Hintergedanke von Alan Sillitoes Langstreckenläufer, der seinen Sieg wenige Meter vor dem Ziel in Höhe der gefüllten Tribünen verschenkt. Somit muß der Vorbildliche selbst dann an seiner moralischen Leitlinie festhalten, wenn es kein Schwein mitbekommt.
~~~ Dieser Weg behagte Symeon Stylites gar nicht. Der fromme Christ erklomm (um 400) eine Säule in der Wüste und blieb die nächsten 30 Jahre oben. Jetzt konnte jeder sehen oder hören: Ja, dieser Mann ist konsequent, ein echter Märtyrer. Symeon gilt als Stammvater der sogenannten Säulenheiligen.
~~~ Auch Schopenhauer macht sich über die vielen Anerkennungssüchtigen lustig. Unser Dasein in der Meinung anderer werde viel zu hoch angeschlagen, obwohl doch schon die leichteste Besinnung lehre, wie sehr es, »an sich selbst«, für unser Glück unwesentlich sei, bemerkt er in seinem späten Werk Aphorismen zur Lebensweisheit [Ausgabe Kröner Verlag Stuttgart 1974]. »So unausbleib-lich, wie die Katze spinnt, wenn man sie streichelt, malt süße Wonne sich auf das Gesicht des Menschen, den man lobt, und zwar in dem Felde seiner Prätension [eingebildeten Berufung], sei das Lob auch handgreiflich lügenhaft.« Erstaunlich dagegen, »wie sehr jede Verletzung seines Ehrgeizes, in irgendeinem Sinne, Grad oder Verhältnis, jede Geringschätzung, Zurücksetzung, Nichtachtung ihn unfehlbar kränkt und oft tief schmerzt.« [57] Immerhin widerspricht sich der leidenschaftliche Eigenbrötler aber einige Seiten später [70] selber, wenn er betont: »Der Mensch für sich allein vermag gar wenig und ist ein verlassener Robinson: nur in der Gemeinschaft mit den andern ist und vermag er viel.« Das glauben bekanntlich auch anarchistische Kommunen oder Republiken. Man muß freilich noch weiter gehen und Schopenhauer versichern: »an dir selbst«, guter Mann, bist du von Hause aus erst einmal gar nichts. Du kannst deine Schwächen und Stärken nur im Rahmen jenes verspotteten Kampfes der Meinungen erkennen oder ausbilden. Ohne gefordert und gefördert zu werden, wirst du, bei deiner Kinderstube, stets ein aufgeblasener Wicht bleiben. Du wirst kein Selbstvertrauen entwickeln, das Hand und Fuß hat.
~~~ Gewiß kann diese Art von Gesellschaftlichkeit, statt zu unserer Klärung, auch zu unserer Verstörung, Verwirrung, ja sogar Abirrung führen. So viele Leute erzählen dir beispielsweise, die Konjunktion daß müsse mit Doppel-s geschrieben werden, und ein Rechtschreibroboter im Hause erspare den Zimmermann. Er mache dem angehenden Schriftsteller in beträchtlichem Ausmaß die Hände für die Inhalte frei. Daß und warum die jüngste »Rechtschreibreform« ein Riesenbetrug war, habe ich an anderer Stelle ausführlich dargelegt. Jetzt erzählt mir freilich selbst der angeblich linke Verleger Z.: wenn Sie endlich doch mal wieder ein Buch herausbringen und einen Erfolg landen wollen, Herr R., können Sie unmöglich darauf bestehen, ich möge Ihre überholte Rechtschreibung nicht antasten. Ich persönlich gebe Ihnen ja sogar recht! Aber ich bin von der Kundschaft, dem Markt, den Trends abhängig, sonst gehe ich pleite. Der Kunde wünscht eben die heute übliche Rechtschreibung. Selbst mein Setzer wird argwöhnen, mit Ihnen hätten wir einen alten Starr-kopf an Land gezogen, der eigensinnig auf seine Grillen poche, weil er sie nun schon seit Jahren treu und brav gefüttert habe. Die Konkurrenz wird die hohlen Köpfe schütteln, dürfte sich allerdings gleichzeitig, unter dem Tisch, auch die Hände reiben. Und auf der nächsten Frankfurter Buchmesse werde ich das Gespött des Jahres sein.
~~~ Nebenbei bemerkt, dürfte eine Buchveröffentlichung inzwischen auch aus etlichen anderen Gründen für einen wirklich kritischen Autor klebrig wie ein Fliegenfänger-band sein. Die Buchmessen sind kostspielige »events«, bei denen eigentlich Kotztüten ausgegeben werden müßten. Auch die ganze restliche Werbung frißt den Verlegern und Autoren die letzten Haare vom Kopf und der Volkswirt-schaft nichts als Löcher in den Bauch. Zusätzlich entwickeln sie unweigerlich Ansprüche an den sogenannten Lebensstandard, die in der Freien Republik Ümmershand als hirnrissig gelten. Das Buch selber ist kaum noch mehr als der hinterlistig ersonnene Umschlag, der es zusammenhält. Man lebt eben in der »Freien Marktwirtschaft«, und jener wirklich kritische Autor sollte dieselbe eigentlich meiden, so oft und so weit es nur geht.
~~~ Mit alledem will ich keineswegs behaupten, eine Veröffentlichung im Internet sei besser. Nein, sie dürfte sogar schlechter sein. In meinem Fall ist sie nicht mehr als eine Notlösung. Man hofft ja doch noch darauf, irgendwann stelle sich eine nennenswerte Anerkennung durch sachkundige Menschen ein – und worauf sonst sollten sie ihr Urteil gründen, wenn nicht auf meinen Blog? Auf die erwähnten Meinungen können sie jedenfalls nicht bauen. Von mir hat niemand eine Meinung.
~~~ Wie sehr man die voraussichtliche Meinung anderer berücksichtigt, merke ich in diesen Tagen auch beim Nachdenken über die Alternative Selbstmord. Sie läßt sich ja geschickt verwerfen, indem ich argumentiere: Bringst du dich jetzt um, werden jede Wette ein paar Leute behaup-ten, er tat es, weil er sich verkannt fühlte. Das hielt er nicht mehr aus. Somit war er ein eitler Feigling ...
~~~ Von meiner Empfindung darüber einmal abgesehen, ist eine breite Mißachtung meines literarischen und musi-kalischen Werkes immerhin eine kaum zu leugnende Tatsache. Gibt es eigentlich gute oder verständliche Gründe für sie? Da kann ich natürlich nur mutmaßen. Hier und dort habe ich das schon früher getan. Jetzt zähle ich zwanglos das folgende auf.

• Der einfachste, womöglich auch hauptsächliche Grund liegt auf der Hand: breite Mißachtung (nebenbei: fast ein Paradox!), weil mich kaum einer kennt.
• Mißachtung, weil ich selbst im schmalen Lager der Linken oder Alternativen zu viele Leute vor den Kopf stoße. Der »spirituell« Gestimmte, der Hundeliebhaber, der Autofahrer, der Rechtschreibreform- oder Corona-mitläufer, ferner die zahmen Linksliberalen, verbissenen Kommunisten, eingebildeten AkademikerInnen, einge-fleischten Pazifisten, Avantgardisten aller Art, Verteidiger-Innen des Berufskünstlertums, Gefangenen des Größen-kults – sie alle und noch viel mehr müssen mich igno-rieren, vielleicht sogar schikanieren.
• Das führt gleich zum nächsten Punkt: so mancher Kollege, ob Journalist oder Erzähler, muß mich schneiden, weil ich gar keiner bin. Vielmehr bin ich Konkurrent. Schließlich leben wir in der Freien Marktwirtschaft. Und sollten sie sogar spüren, sie wären meinen Argumenta-tionen oder meinen Darstellungskünsten nicht gewachsen, müssen sie mich hassen.
• Zuletzt vermute ich, es werde wohl auch ein paar LeserInnen geben, die sozusagen unspezifisch verärgert sind. Sie nehmen ein paar Stichproben, verziehen das Gesicht und knurren: Das ist doch kein weltanschauliches Gebäude, das der uns hier vorsetzt! Das kommt von einem verschrobenen Alten in seiner morschen Gartenhütte, wo er die paar Grillen pflegt, die zufällig bei ihm Unterschlupf gesucht haben! Diese Meinung dürfte gar nicht so einfach zu widerlegen sein. Dazu müßte ein Dritter schon das ganze Werk studieren, um mögliche Grundzüge zu erfassen – und dann hätte er auch noch die Mühe, es Schritt für Schritt zu verreißen. Alles zusammen würde ihn mindestens mehrere Monate Zeit kosten. Und wer sollte ihm die bezahlen?

~~~ Man könnte mich allerdings trösten: Wenn du es dir nachweislich mit so vielen Strömungen und Persönlich-keiten verdirbst, ist es doch auch beachtlich. Wem gelingt das schon? Folglich müßte man dich eigentlich bewundern.

Nachtrag Frühjahr 2026

Vielleicht sollte ich noch einmal unterstreichen, was ich Schopenhauer nur indirekt unter die Nase gerieben habe. Es geht um die fachliche Anerkennung. Auf sie ist auch der Verächter des Erfolgs angewiesen, sonst droht er zeitlebens über sein künstlerisches und philosophisches Kaliber unsicher zu bleiben. Ohne nennenswerte fachliche Anerkennung hält er sich 180 mal im Jahr für einen Berufenen und 180 mal für eine Niete. Er wird in seiner Selbsteinschätzung schwanken wie Pascals Schilfrohr, bis der zukrachende Sargdeckel Mus aus diesem macht. Das Dumme liegt freilich darin, ohne einen gewissen Erfolg sind die Urteile der Fachwelt – etwa von Redakteuren, Lektoren, Berufskollegen – kaum zu haben. In meinem Fall schon deshalb nicht, weil die liebe Fachwelt über-wiegend null Ahnung von meiner Existenz hat.
~~~ Normalerweise sollte man in solch einer Lage versuchen, durch Artikel in der mehr oder weniger alterna-tiven Presse bei ein paar Fachleuten Neugier und ein Nachbohren zu erwecken. Etliche entsprechende Vorstöße zeigen mir allerdings, die alternative Presse hustet mir was. Für Fundamentalismus und Verstocktheit hat sie keinen Bedarf, zumal ich seit einigen Jahren auch noch auf der Beibehaltung meiner altmodischen Rechtschreibung bestehe.
~~~ Somit bin ich der Möglichkeit festzustellen, ob man vielleicht anderen – oder gar »der Gesellschaft« – zu Diensten war oder eine Freude gemacht hat, weitgehend beraubt. Dazu fehlt es entschieden an Echo. Deshalb habe ich mich gefragt, mit welchem Kniff einer von meiner Sorte unter Umständen seine völlige Demoralisierung verhindern könnte. Die Lösung ist verblüffend einfach, wenn auch etwas paradox. Die Rettung liegt in der Religion. Er muß jenes Wechselbad ins Leere laufen lassen, indem er sich endlich einmal für eine Seite entscheidet. Er hat sich also einzureden, sein literarisches und musikalisches Wirken sei durchaus weder unwichtig noch ohne Belang. Er muß an sich, seine Berufung, ja selbst an seine Mission glauben. Wer sonst verträte denn heute seine krassen Randfigurenstandpunkte? Wer hätte schon den Mut dazu? Wer hätte das Zeug für seine nicht wenigen Entdeckungen und für seine Kunstfertigkeit, sie auch noch überzeugend und unterhaltsam dazulegen? Niemand, sage ich. Nur ihm ist das gegeben, und deshalb hat er seiner Berufung treu zu bleiben bis zum bitteren Ende.
~~~ Eine andere Frage ist natürlich, ob ihn dieser Glaube nicht verstiegen und letztlich für jeden vernünftigen Menschen ungenießbar macht. Diese Gefahr sehe ich aber bei meinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr. Die Verführer, Heiligen und MenschheitsbeglückerInnen werden in jungen Jahren ins Licht gerückt. Gandhi kam nicht erst als Greis zu Ehren und Bräuten. Mein Glaube ist auf ein buntes Leben und auf gesunde Skepsis gebaut. Deshalb kann ich nur hoffen, er reicht bis zur letzten Stunde. Ich werde mir noch ein paar trickreiche Gedanken für meinen Abschied zurechtlegen müssen. Zum Beispiel könnte ich an meinen Großvater Heinrich denken, den Lehrer an der Bettenhäuser Volksschule. Ich erwähnte ja schon hier und dort, als junger Mensch habe ich ihm manches Ungemach bereitet. Jetzt versichere ich Ihnen jedoch, inzwischen zöge er eher seine schwarze Baskenmütze vor mir.
~~~ Vielleicht sollte ich noch von einer wohltuenden Ausnahme bei meinem jüngsten Vorstoß berichten, meine Arbeit Jazz richtig geschrieben von Ende 2025 unterzubringen. Sie »feiert« das 20jährige Jubiläum der sogenannten Rechtschreibreform von 2006. Ich schrieb mindestens ein Dutzend Redaktionen an, und so gut wie alle verschmähten mein »Textangebot«, indem sie es wie Luft behandelten. Vermutlich mißfiel ihnen das abseitige Thema oder jene Bedingung, die Rechtschreibung des Dokuments nicht anzutasten, oder meine krankhafte Bissigkeit oder die heute unerwünschte Länge, die ein Zahnstocher-Häppchen deutlich übertrifft, oder auch alles zusammen. Dabei hatte ich sogar versichert, wegen all dieser Zumutungen würde ich freiwillig auf Honorar verzichten. Aber gerade dazu sagte man sich vielleicht, was nichts kostet, kann nichts taugen.
~~~ Die einzige Antwort kam von einem erst unlängst gegründeten ostdeutschen Blatt. Als ehrliche Haut hatte ich ihm verraten, der Text stehe bereits an versteckter Stelle in meinem Blog, den sowieso kein Schwein lese. Damit lieferte ich diesem Blatt eine bequeme und witzige Ausrede, wie ich glaube. Es antwortete mir, eine Zweitveröffentlichung komme grundsätzlich nicht infrage. Man könne diesbezüglich keine Ausnahme machen, »weil unsere Abonnenten tatsächlich einen Anspruch auf Exklusivität haben.« Damit wußte ich also, man hält heute im Osten nicht mehr das Volkseigentum hoch, vielmehr die Exklusivität.
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