Dienstag, 14. Juli 2026
Goldrausch am Bello

Bekanntlich löste sich der mehr oder weniger anarchistisch gestimmte korsische Zirkus Rennbahn um 1980, nach 10jährigem Wirken, aus eigenem Antrieb wieder auf. Im Text teile ich mit, auf der Rennbahn von Porto Canto hätte sich dann ein Kollektivbetrieb der Fertigung und des Verkaufs von Wohnwagen etabliert, da man ja solche, vom Zirkus her, ohnehin schon in größeren Mengen hatte. Ex-Kriminalkommissar Petru Belmosto habe sich nicht an dem neuen Unternehmen beteiligt, da er nach Latein-amerika auszuwandern gedachte. Zu dieser Wendung fiel mir jedoch neulich eine Alternative ein. Ich will sie nun keineswegs weitschweifig entwickeln, doch der Kern dieser neuen Geschichte ist vielleicht der Rettung wert, weil er eine Form der kollektiven Gefangenschaft vorstellt, die es wohl bis dahin noch nie gegeben hatte. Sie diente der anarchistischen Rechtspflege.
~~~ Ein wenig muß ich natürlich noch ausholen. Wie man sich erinnert, war Petru mit dem vermögenden, wohltäte-risch gestimmten »Grafen« befreundet, bei dem er auch eine Zeitlang gewohnt hatte. Kurz vor dem Auflösungs-beschluß verriet der hagere Greis dem Ex-Polizisten unter hübscher Geheimnistuerei, er habe gerade eine überraschende, ohne Zweifel interessante Mitteilung von Jaques Vigeaud erhalten. Das war ein Förster, der in den Blauen Bergen ein beträchtliches Waldgebiet betreute, das dem Grafen gehörte. Ein Mitarbeiter von Vigeaud sei im Bett des Bellos rein zufällig auf goldhaltiges Geröll gestoßen! Der Bello war ein Gebirgsbach. Sie hätten sich die Fundstätte dann unter Beiziehung eines Experten, der schon seit Jahren nach Gold suchte und mit Gold handelte, angesehen. Danach schien der Bello mitten in des Grafen Wald auf mindestens 12 Kilometern Strecke goldhaltiges Geröll zu bieten. Der Fachmann habe ein systematisches Schürfen empfohlen. Der Goldpreis steige ja ohnehin dauernd an, weil der Dollar verfalle. Man müsse nur die richtigen Leute für das Schürfen finden, die nicht gleich mit jeder erbeuteten Unze stiften gingen.
~~~ Die Warnung war nicht unbegründet, wie wir noch sehen werden. Petru trug die schillernde Nachricht ins Zirkusplenum, und es bedurfte keiner langwierigen Debatten, um einem Löwenanteil der Truppe ein neues Nahziel zu geben. Bald darauf zogen rund 30 ehemalige Zirkusleute mitsamt ihrer Wohnwagen in des Grafen Hochwald. Die Wagen wurden in dem reizvollen, wenn auch eher engen Bergtal des Bello aufgefädelt. Da man flußabwärts zu schürfen gedachte, behielt man zwei Schlepper, um die Wagen bei Bedarf umstellen zu können. Ungefähr in der Mitte der goldhaltigen Strecke bauten Zimmerleute der Rennbahn in Windeseile ein rundes Gemeinschaftshaus mit Küche und Kompostklos. Förster Vigeaud hatte für Strom- und sogar Telefonanschluß gesorgt. Wie sich versteht, hatte man neben Sieben und Schaufeln auch hohe, gefütterte Anglerstiefel erworben, war der Bello doch auch im Hochsommer recht kühl. An einem Tag Ende Mai fischten die Goldjäger die ersten glitzernden Klümpchen aus dem Bach.
~~~ Der Graf war ihnen bekannt großzügig entgegen gekommen. Die Bellokommune könne den Erlös jeder erbeuteten Unze, die sie zur Stammbank des Grafen am Hauptmarkt in Porto Canto trugen, für sich behalten. Die Kommune hatte eine – wie sie glaubte – diebstahlsichere vorübergehende Aufbewahrung ihrer täglichen Ausbeute ausgeheckt. Das Gold wanderte in einen Ledersack, der jeden Tag in einem anderen Wohnwagen versteckt wurde. Die Reihenfolge der Verstecke überließen sie kurzerhand, an den Nachnamen der Kommunarden orientiert, dem Alphabet. Diese Reihenfolge hatte natürlich jeder Kommunarde im Kopf; Fremde dagegen konnten sie unmöglich kennen. Ungefähr wöchentlich wurde der gefüllte Ledersack zur Bank gefahren. Gewiß sprach sich die neue Erwerbstätigkeit der Zirkusleute in der Stadt allmählich herum – doch welche Gaunerarmee wollte Ihnen in dem Privatwald des Grafen schon auflauern? Förster Vigeaud war ohnehin mit von der Partie, und für Notfälle hatten er und seine Gehilfen Flinten. Er hatte vorsichtshalber sogar auf beiden Bachseiten Warnschilder aufstellen lassen: Bleiben Sie bitte zurück! Hier wird gesprengt und nicht lange gefackelt.
~~~ Wenn alle Stricke rissen, konnte die Kommune sogar ein eng mit ihr befreundetes Sicherheitsunternehmen aus Porto Canto alarmieren. Bis zur Schürfstelle fuhr man von der Hafenstadt aus keine 20 Kilometer. Im Gegensatz zur blutjungen Akrobatin Julia Siebenschuh (die mit dem Geparden) hatte sich Petru Belmosto nicht der Bellokommune angeschlossen, vielmehr gemeinsam mit seinen alten Kumpels Rino Prat, Schumolia und Zach die Firma Anarchofuchs gegründet. Sie wurde bereits regelmäßig von der anarchistisch geprägten Stadtregierung beschäftigt, nebenbei auch subventioniert. Fernziel war, in der ganzen Balagne die Polizei und die Gerichte überflüssig zu machen.
~~~ Was die Bellokommune betraf, war noch kein Fernziel festgelegt worden. Die Frage, was man denn mit dem vielen Zaster beginnen wolle, wurde selbstverständlich vielerörtert. Man mußte freilich auch abwarten, welche Summe am Ende unter dem Strich stehen würde. Einige hofften, sie genüge, um der Familie Siebenschuh die immer schlechter gehende hafenstädtische Emma-Schreibmaschinenfabrik abzukaufen, um in deren Gebäuden ein Zentrum des Snookersportes einzurichten. Dummerweise sah sich jene Summe allerdings an einem späten Augusttag erst einmal jäh um einen nicht mickrigen Batzen geschmälert. Johanna G., eine frühere Mitbetreu-erin der Zirkuspferde, platzte um Mittag in das Gemeinschaftshaus und rief erbost: »Der Sack ist weg! Jemand muß ihn geklaut haben.«
~~~ Man brauchte nicht lange, um sich gegenseitig zu versichern, hinter diesem dreisten Diebstahl könne nur ein Mitglied der Kommune stecken. Nun wurde die Betreten-heit immer größer. Ein Verräter in den eigenen Reihen! Ob vielleicht der und der ..? Das Gift des Mißtrauenes begann in die Kieferndielen des Gemeinschaftshauses zu sickern, obwohl sie ohnehin schon mit Leinöl getränkt waren.
~~~ Die Frage, wie man die Beute zurückbekäme, vor allem jedoch weitere Diebstähle verhindere, wurde eine Stunde lang ergebnislos erörtert. Dann meinte Julia, Petru müsse her. Nach rund 20 Minuten traf gleich die ganze vierköpfige Firma Anarchofuchs ein. Wortführer Petru schloß sich zunächst der Einschätzung an, der Dieb oder die Diebin seien eigenes Gewächs. Im übrigen hatte das Quartett auf der Herfahrt bereits einen Plan entwickelt. Petru erkundigte sich zunächst, ob die Kommune voll-ständig sei, also niemand fehle. Das wurde bejaht. »Dann sehen wir keine andere Möglichkeit als die folgende …«
~~~ Die Kommunarden sollten in ihrem Gemeinschafts-haus eingesperrt und von den vier Anarchofüchsen bewacht werden. Die Küche werde verrammelt. Widerstand einzelner werde mit Kampfkunstgriffen, Versuch des Massenausbruchs mit Schüssen in die Beine gebrochen. Es handle sich also unter anderem auch um Psychoterror und Hungerblockade, gaben die Füchse unverblümt zu. Die ganze Kommune habe mit dem gesuchten Verräter zu leiden, bis dieser die Kraft oder die Nerven verliere und sich zu erkennen gebe. Oder ob sie etwa eine alternative Lösung wüßten?
~~~ Das war nicht der Fall. Es war 15 Uhr. Die folgenden rund 18 Stunden wären sicherlich ein gefundenes Fressen für manche psychologisch orientierte Krimiautoren gewesen, doch wir übergehen sie. Bemerkenswert ist, daß sich die Bewacher von der sich ankündigenden Wende zunächst täuschen ließen. Morgens gegen Neun war das Wimmern der Kommunardin Esther nicht mehr zu überhören. Sie habe zunehmend Magenkrämpfe und Herzbeklemmungen, stöhnte die recht hochgewachsene und kräftige, schwarzhaarige Frau. Sie war um die 40. Ob man sie vielleicht einmal freundlicherweise in ihr Wohnwagenbett lassen und einen Arzt benachrichtigen könne? Prat und Schumolia, die hereingekommen waren, führten Esther, die anscheinend nur noch mühsam gehen konnte, hinaus. Kaum hatten sie Esthers Wohnwagen-treppe erreicht, riß sich die Todkranke los, griff nach einem Knotenstock, der neben der Treppe lehnte, und mähte ihre beiden Begleiter mit dessen Hilfe glatt von den Füßen. Prat und Schumolia schrieen verständlicherweise auf, während Esther offensichtlich vorhatte, mit ein paar Sätzen im Wald zu verschwinden. Doch Petru hatte aufgepaßt. Er hatte dem Grüppchen nachgeblickt, und nun schoß er Esther aus knapp 40 Metern Entfernung gleichsam waidwund. Er traf sie am rechten Oberschenkel; sie fiel auf die Nase. Der ehemalige Polizeichef von Porto Canto eilte zu ihr und legte ihr erst einmal Handfesseln an.
~~~ Nachdem allen drei Verletzten Erste Hilfe geleistet worden war, wurde im Gemeinschaftshaus Kaffee gekocht und eine Beratung eröffnet, wie nun mit Esther zu verfahren sei. Viele sprachen dabei etwas undeutlich, weil sie sich bereits mit Eßwaren aus der Küche vollstopften. Andere ermahnten sie allerdings: wenn sie jetzt zu viel Essen herunterschlängen, erginge es ihnen wie der armen Esther. Die kochte natürlich. Sie schimpfte auf die Scheißkommune und ließ durchblicken, sie hätte schon in der letzten Zirkuszeit die Schnauze vom sogenannten alternativen Leben gestrichen voll gehabt. Dagegen weigerte sie sich erwartungsgemäß, die Namen der »Freunde« preiszugeben, bei denen sich der geraubte Ledersack befand. Sie sprach nur davon, sie wohnten in der Hafenstadt.
~~~ »Also gut«, sagte Petru Belmosto nach rund 20 Minuten. »Mein Vorschlag ist der folgende. Statt uns endlos mit der Fragerei nach dem Sack mit Gold aufzuhalten, sollten wir ihn heldenhaft verschmerzen. Der Bello wird der Kommune noch genug Ausbeute liefern. Wir sind sogar so hochherzig, Esther nach Porto Canto mitzunehmen und am Kreiskrankenhaus abzusetzen. Ab diesem Punkt soll sie uns freilich am Arsch lecken. Wir vergessen sie. Sollte sie die Frechheit besitzen, hier noch einmal unangemeldet aufzutauchen, wird sie allerdings als Freiwild betrachtet. Wir werden Vigeaud und seine Leute entsprechend ins Bild setzen. Übrigens, da hinten kommt er schon angetrabt. Wahrscheinlich hat er meine Schüsse gehört … Mit anderen Worten: hat Esther Pech, wird sie am Ort ihrer Sünde erschossen … Was haltet ihr davon?«
~~~ Der Vorschlag wurde nach kurzer Debatte angenommen. Die Anarchofüchse gönnten sich noch ein paar Schluck frisch aufgebrühten Kaffee, dann trugen sie die am Bein verbundene und geschiente Genossin Esther in ihren Firmenwagen.
°
°