Montag, 12. September 2022
RetterInnen

Wie mir kürzlich bei Formatierungsarbeiten für meine Reihe »Fortsetzungsroman« aufging, verdankt sich die thüringische Zwergrepublik Konräteslust in beträcht-lichem Maße einer geistesgegenwärtigen, freilich auch nicht ganz ungefährlichen Lebensrettung. Judith Lämmerhirt hechtet sich (im März 1991) vom Brücken-geländer in die Hochwasser führende Nesse, weil das kaum des Laufens mächtige Söhnchen des Landrats Wenken-möller in den Fluß gefallen ist. Ohne das Hochwasser hätte sich die junge Frau wahrscheinlich schon durch den Hechtsprung den Schädel an einem Stein im Flußbett eingestoßen, gleicht doch die Nesse in Konradslust eher einem Bach als einem Fluß. So aber fischt sie das Unfallopfer heraus, kommt mit einer Erkältung davon und geht nebenbei als Heldin in die Republikgeschichte ein.

Ich nehme diese Entdeckung zum Anlaß, ein paar weitere RetterInnen vorzustellen. Sie finden sich überwiegend in meinem aufgelösten Lexikon der Frühverstorbenen. Der in Fürstenfeldbruck stationierte US-Bürger Richard W. Higgins (1922–57) war Jäger-Pilot und dreifacher Familienvater. Am Vormittag des 5. Aprils 1957 hatte er über der bayerischen Stadt einen Triebwerkschaden an seinem Jagdflugzeug. EinwohnerInnen sahen die Maschine mit Rauchfahne im Schlepp in anfänglich nur 300 Meter Höhe über die Dächer preschen, während sie weiter an Höhe verlor.* Statt gemäß der Anweisungen vom Kontrollturm des nahen Luftwaffenstützpunktes sofort »auszusteigen« (Schleudersitz), bugsierte der 34jährige aber seine Maschine noch über freies Feld, um ein Inferno in der Stadt zu vermeiden. Dort zerschellte er mit ihr. Seine offensichtliche, mit eigenem Kopf oder Herzen gefällte befehlswidrige und uneigennützige Entscheidung hatte er ohne Zweifel in Sekundenschnelle treffen müssen. 10 Tage später beschloß der Stadtrat, Higgins durch Benennung einer Straße zu ehren. Zum Beschluß, den Fliegerhorst zu schließen, wo die Freunde aus den USA unter anderem westdeutsche Kampfpiloten zur Abwehr der bolschewistischen Gefahr ausbildeten, konnte man sich leider nicht durchringen. Bleibt noch zu hoffen, die Achse München–Bonn–Washington hat uns mit ihrer Version des Absturzgeschehens nicht einmal mehr an der Nase herumgeführt.

Der Nachname dieses aus Massachusetts stammenden »Helden von Fürstenfeldbruck« weckt meine Erinnerung an einen fesselnden, erstmals 1975 erschienenen und alsbald verfilmten Roman des Briten Jack Higgins: Der Adler ist gelandet. Dieser »Bestseller« dreht sich um den tollkühnen Versuch einer deutschen Fallschirmjäger-gruppe, Winston Churchill (1943) bei einem Truppenbesuch aus der Höhle des englischen Löwen zu entführen. Der Coup unter Oberstleutnant Kurt Steiner mißlingt wahrscheinlich nur, weil die gleichfalls erfolgreich eingedrungenen Soldaten Sturm und Brandt bei einer dem Dorf vorgespielten Übung der Royal Army zwei vom morschen Steg gefallene Kinder aus dem reißenden Mühlbach retten, indem sie sie ans Ufer werfen. Sturm wird dabei im Mühlrad zermalmt. Brandt kann seine Leiche bergen, macht aber den Fehler, bei ihrer Untersuchung einen Teil von Sturms Zweit-Uniform zu enthüllen – es ist die von der deutschen Wehrmacht. Das bekommen die dankbaren Dörfler entsetzt mit. Gleichwohl ist Steiner später auch noch so großherzig, sie alle, die Geiseln waren oder sein könnten, aus der Dorfkirche abziehen zu lassen, wo sich das aufgeflogene Kommando verschanzt hat. Er und seine Leute seien nicht die Hunnen, als die man die Deutschen beschimpfe.

Das ist genau Higgins' Programm. Er nimmt die übliche Verherrlichung von Gewalt, Krieg und Heldentum unter dem Deckmantel des fairen oder ehrenvollen Kampfes, der unbedingten Kameradschaft und eines stillen oder schnoddrigen »Antifaschismus« vor, der die »Männer« selbstverständlich nicht daran hindern kann, ihre gottverdammte Pflicht zu tun, also sich fleißig und durchaus brutal fürs sogenannte Vaterland zu schlagen. Für dieses Programm setzt Higgins leider seine große dramaturgische und stilistische Begabung ein. Da er natürlich auch gebildet ist, garniert er es mit skeptischen Äußerungen seiner Helden – nicht etwa über den politökonomischen oder sozialpsychologischen Sinn des Blutbades, sondern über den Sinn des Daseins schlechthin. Eine billige Melancholie: sie kostet nichts, man muß sein Leben nicht ändern.

Man halte sich einmal vor Augen, wie jung die Kindergärtnerin Nelly Pütz (1939–59) selber noch war. Wieviele Lebens- und Heiratspläne, wieviele Blütenträume vom persönlichen Glück muß sie gehegt haben! Sekunden der »spontanen« Entscheidung, und dies alles ging gleichsam den Bach hinunter. Die knapp 20jährige aus Düren war an einer Sommerfreizeit der Kindergruppe der Aachener Arbeiterwohlfahrt im belgischen Nordseebad Middelkerke als Betreuerin beteiligt, wofür sie sogar eigens Schwimmen gelernt hatte.** Am 22. Juli 1959 erspähte sie an einer fürs Baden gesperrten Stelle belgische Kinder, die in der Brandung offensichtlich um ihr Leben kämpften. Zwei von ihnen konnte sie an den Strand bringen, bevor sie, beim dritten Versuch, selber von der tückischen Strömung erfaßt wurde und ertrank. Nach Pütz sind mehrere pädagogische Einrichtungen benannt. Der belgische König ehrte sie. Drei Kinder kamen mit ihr ums Leben.

Den schwäbischen Fußballer Otto Schmid (1922–63) ziehe ich aus meiner Unfall-Akte, war er doch »schon« 41, als er seine Tierliebe mit dem Leben büßte. Eher klein, aber sprungkräftig, hatte er langjährig das Tor des VfB Stuttgart gehütet. Zeitweise war er außerdem Spielführer des Clubs, mit dem er 1950 immerhin den Titel des »Deutschen Meisters« errungen hatte. Zwei Jahre darauf hängte Schmid seine Torwarthandschuhe an den Nagel und übernahm das Amt des Jugendtrainers. Sohn Peter erwähnt***, damals habe es als Meisterschaftsprämie pro Kopf 500 DM plus Sachgeschenke gegeben, während es 1992 schon 50.000 DM gewesen seien. Schmids Mannschaftskamerad Erich Retter, ein Verteidiger, berichtigt allerdings, es seien 1950 letztlich 2.000 DM gewesen, die just unter Schmids Anführung bei der Clubleitung herausgeschunden wurden.**** Jedenfalls dürften die damaligen Ballkünstler noch keine »Vollprofis« und Millionäre gewesen sein. Schmid etwa war hauptberuflich als Bauingenieur im städtischen Hochbauamt angestellt. Zum Zeitpunkt seines Todes (am 16. März 1963) war er laut Nachruf in den VfB-Vereinsnachrichten (Nr. 68, März–Mai 1963) schon seit längerem als Bauleiter im Stuttgarter Vieh- und Schlachthof stationiert. Einzelheiten deutet Sohn Peter auf der erwähnten Webseite an: »Eine Halle brannte, er ließ die Tiere heraus und bekam nicht mehr genügend Luft, ein Hirnschlag beendete sein kurzes Leben.« In die lokale Poesie war der 41jährige zweifache Vater bis dahin längst als »Der Gummi-Schmid, der Gummi-Schmid / hält besser noch als Glaserkitt« eingegangen … Schmid galt allgemein als heiter und hilfsbereit. Sohn Peter schildert ihn als streng, aber gerecht. Ob das herausgelassene, eigentlich zum Abmurksen bestimmte Vieh in die Wälder entkam, ist nirgends zu erfahren.

Am 5. Oktober 1982 wurde die Überwachungskamera in der Sparkasse am Koblenzer Schenkendorfplatz durch zwei furchterregende Räuber aus ihrer Langweile gerissen. Der eine von ihnen soll in jüngeren Jahren auch noch »Superbulle« in der polizeilichen Elitetruppe SEK in Köln, also eigentlich auf der falschen Seite gewesen sein. Nun nahm das Ganoven-Gespann für fast 15 Stunden neun Geiseln und erpreßte dadurch eine Beute von 1,2 Millionen DM. Um auch noch ein flottes Fluchtfahrzeug gestellt zu bekommen und die Zusicherung auf »freies Geleit« zu erlangen, schoß einer der Räuber dem 19jährigen Detlef Becker (1963–82), Bankkaufmann im heimgesuchten Geldinstitut, aus 10 Zentimeter Entfernung in die Kniekehle. Laut Spiegel***** hatte sich der blutjunge Mann »freiwillig« als Objekt der brutalen Einschüchterung angeboten, laut deutscher Wikipedia anstelle einer ursprünglich dafür vorgesehenen weiblichen Geisel. Ich nehme an, in der Mitmach-Enzyklopädie war wieder einmal ein kurzentschlossener Dichter am Werk, der die Geschichte etwas farbenfroher und herzergreifender machen wollte. Im Spiegel heißt es lediglich, die Gangster hätten »mehrfach« gedroht, »jemanden ins Knie zu schießen«. Gemeint war wohl »wiederholt« oder »mehrmals« gedroht, aber wir wollen nicht päpstlicher sein als Karl Kraus. Das falsche Mehrfachen habe ich ja erst kürzlich behandelt.

Nun war der junge Bankkaufmann, den vermutlich niemand zu seiner Berufswahl gezwungen hatte, jedenfalls angeschossen. Während ihn ein Vermittler (Pfarrer) nach draußen zum Krankenwagen schleppte, durften die Räuber aufgrund dieses Warnschusses in Begleitung von zwei Geiseln den bereitgestellten BMW besteigen. Immerhin überstanden diese Geiseln, zu denen sich unterwegs anscheinend noch ein Postbeamter zu gesellen hatte, die Flucht unbeschadet. Becker dagegen, der sich womöglich in der Tat aus freien Stücken zum Krüppel hatte schießen lassen, erntete für seine Selbstlosigkeit sogar den Tod: nach knapp zwei Wochen erlag er im Krankenhaus einer Thrombose und einer Lungenembolie. Während die Räuber bald nach dem Überfall gefaßt und später zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden, kam Beckers Verwandt-schaft, soweit ich sehe, mit einer Klage wegen eines ärztlichen »Kunstfehlers« nicht zum Zug. Becker war das einzige Kind seiner Eltern gewesen. Man verlieh ihm posthum das Bundesverdienstkreuz.

Der schweizer Skispringer Markus Gähler (1966–97) starb als Feuerwehrmann. Möglicherweise hatte er allerlei wahnsinnigen Fliegern zumindest im uniformierten Nebenberuf einen sinnvollen Mut voraus. Im Mai 1997, rund fünf Jahre nach seinem Rücktritt als aktiver Halsbrecher-Sportler und inzwischen 31, wurde Gähler bei einem Wohnhausbrand in Walzenhausen (AR) als eingesetzter Feuerwehrmann von einer einstürzenden Zimmerdecke begraben. Laut Rolf Niederer, Lutzen-berg******, hatte der gelernte Schreiner Gähler »bereits als Kindergärtler einen in den Feuerweiher im Weiler Haufen gefallenen Kameraden vor dem Ertrinken« gerettet.

* Michael Volpert, »Vor 50 Jahren starb Richard Higgins bei einem Flugzeugabsturz«, Webseite Fürstenfeldbruck, April 2007: https://archive.is/20120801063239/http://www.fuerstenfeldbruck.de/ffb/web.nsf/id/li_blat7stc67.html
** Nelly-Pütz-Berufskolleg des Kreises Düren: http://www.nelly-puetz-bk.de/wir-%C3%BCber-uns/
*** https://web.archive.org/web/20070927095014/http://www.hefleswetzkick.de/VFB/VFB_Inside/Die_Personen/grosse_Maenner_des_vfb/Alle_Spieler/S/Schmid_Otto.htm,
Juni 1992
**** http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.legende-des-vfb-stuttgart-im-interview-trainer-wurzer-war-besser-als-jeder-arzt.8f8e50b1-0dc0-4c6e-be6c-8b74b31c1716.html, 22. September 2013
***** »Zack, rein und weg«, Nr. 18/1983, online 1. Mai 1983: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14022625.html
****** »Markus Gähler, Lutzenberg 1966–1997«, Appenzellische Jahrbücher, Band 125 (1997): https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=ajb-

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