Montag, 12. September 2022
Fußballkrieg

Nachdem mit Uwe Seeler (85) der berühmteste Kanonier des deutschen Wirtschaftswunders von uns gegangen ist, greife ich zielsicher Ihr größtes Spiel aus meinem Bücher-schrank. Die Wiederlektüre lohnt sich, denn Alexander Borstschagowski, der Autor, ist meines Erachtens ein ausgezeichneter Erzähler. Ich besitze die Ostberliner Ausgabe seines Romanes von 1960, Übersetzung Willi Berger. Leider verrät das Internet so gut wie nichts über Borstschagowski, der vermutlich Sowjetbürger war. Allerdings geht es in seinem Werk gegen die Deutschen. Die hatten nämlich 1941 die Ukraine überfallen und besetzt und damit auch den heimischen Fußballbetrieb zerstört. Die von Borstschagowski verwertete Begebenheit soll im Kern historisch verbürgt sein. Einer gut 20 Jahre alten Darlegung* des Sportjournalisten Werner Skrentny zufolge hatten sich in der hauptstädtischen Brotfabrik 1 verschiedene begabte Fußballer zusammengefunden, vor allem von Dynamo und Lokomotive Kiew. Nach langer Erörterung erklärten sie sich bereit, an der neuen Stadtliga von Nazignaden teilzunehmen. »War es nicht Kollaboration, wenn man an dem unter der Besatzung organisierten Wettbewerb teilnahm, der in Kriegszeiten Normalität vorgaukeln sollte? Aber da war auch der Stolz auf Dynamo, die Liebe zum Sport und die Chance, die Moral der Einheimischen zu verbessern.« Der neue Club nennt sich Start. Anfang Juni 1942 debütiert er mit 7:2 gegen den streng antibolschewistisch gestimmten Rivalen Rukh. Es folgen etliche Siege, darunter auch gegen die bis dahin ungeschlagene deutsche Flakelf. Die zerknirschten BesatzerInnen halten sich zunächst zurück, um keine »Märtyrer« zu schaffen, doch mit der Siegesserie der »Roten« und der Verschärfung des Krieges schwillt die Verfolgung an: Schon auf dem Rasen Benachteiligung und Brutalität, ferner Prügel, Folter, Lagerhaft, Erschießungen. Bis Februar 1943 sind, laut Skrentny, nachweislich vier Start-Leute ermordet, darunter Torwart Nikolai Trusevich, der Kopf der Mannschaft. Er soll vor dem Hinrichtungs-schuß »Rotsport wird nie sterben!« ausgerufen haben. Nach dem Krieg setzten Ehrungen und Legendenbildung ein.

Borstschagowski eröffnet seine Geschichte mit der Chance einiger hinter Stacheldraht darbenden, mehr oder weniger kommunistisch geprägten Fußballer, für ein Jubiläums-spiel gegen eine aus Deutschland eingeflogene Spitzenmannschaft zumindest vorübergehend freigelassen zu werden. Man gewährt ihnen, kaserniert und bewacht, einen Monat fürs Training. Sie lassen sich darauf ein – flüchten können sie immer noch, denken sie. Nebenbei verschaffen sie dadurch angeblichen »Ersatzspielern« die Möglichkeit zur Flucht. Wie sich versteht, soll das Match den Besatzern zur Imagepflege und zum Nachweis der deutschen allseitigen Überlegenheit gereichen. Peinlicherweise liegt Legion Kondor zur Halbzeit mit 2:3 zurück. Die Deutschen auf den östlichen Rängen des großen Stadions (40.000 Plätze) murren; einige Offiziere schießen in ihrem Gram bereits auf die Anzeigetafel. Die ukrainisch oder russisch besetzten westlichen Ränge schöpfen Hoffnung, sofern sie nicht über Fragen der politischen Moral streiten. Hier fiebern auch der Ingenieur Rjasanzew, einst ein guter Stürmer und Trainer, und seine kleinen Söhne mit. Er ist kein Widerstandskämpfer, hat sich vielmehr in einer miesen Werkstatt vergraben, zumal er ernsthaft lungenkrank ist. Doch dann geschieht zweierlei. Der junge Torschütze Pawlik muß verletzt ausscheiden, und in der Umkleidekabine pflanzen sich zur Halbzeitpause die zuständigen Nazichefs auf um den Roten einzuschärfen, sie sollten sich einen Sieg gefälligst abschminken. Gingen sie nicht als Verlierer vom Platz, würden sie allesamt erschossen. Das spricht sich in Windeseile auf allen Rängen herum. Nun gibt es für Rjasanzew kein Halten mehr: Er schnürt sich Pawliks Fußballstiefel um und läuft als dessen Ersatzmann auf. Mehr noch, gelingt dem so oder so todgeweihten Ingenieur nur wenige Minuten vor dem Abpfiff sogar das Siegtor, wohl zum 5:4. Die Roten verlassen das Stadion von deutschen Soldaten flankiert – sehr wahrscheinlich Richtung Erschießungsplatz.

Der Autor stellt die russische Mannschaft keineswegs als einmütiges, in der Augustsonne glänzendes Helden-denkmal hin. Manche Spieler wären wohl bereit gewesen, die verlangte Niederlage zu liefern. Verteidiger Sedoi wird sogar als ausgesprochener Hasenfuß gemalt. Für andere wiederum stellt ein Spiel auf Sieg die berüchtigte Ehrensache dar. In der siebten Minute läßt Torwart Nikolai Dugin trotz Hechtsprung den ersten Treffer der Deutschen durch. Platt am Boden liegend, überflutet ihn brennende Scham. Der Blondschopf lugt unter dem Mützenschirm hervor, sieht »die reglosen Gestalten der Spieler, den grünen flauschigen Rücken des Fußballfeldes und die Tribünen, die tief eingesunken schienen wie ein Schiff auf hoher See.« Könnte man Iltis, den Schützen, kurzerhand vergessen – ja, die Deutschen überhaupt! Könnte man einfach »auf der Erde liegenbleiben, an eine Stelle kriechen, wo das Gras dichter war, sich auf den Rücken drehen und in den hohen, gewaltigen Himmel schauen!« Tatsächlich aber mausert sich Dugin im Lauf des Spiels zum sprichwörtlichen Rückgrat des roten Sieges. Weiter vorne machen vor allem Eisenbahner Sokolowski und der junge Mischa Skatschko Dampf. Diesem hatte man erst kürzlich die Braut genommen, Sascha. Um daraus Schärpen für die Spieler zu nähen, hatte sie in der Textilfabrik ein paar Meter roten Satins entwendet und sich um den Bauch gewickelt. Sie wurde beim Schichtwechsel ertappt und noch im Fabrikhof erschossen.

Mir selber geht das Heldentum wahrscheinlich mehr als Borstschagowski ab, zumal ich weder Bolschewist noch Anthroposoph bin, also nicht an Wiedergeburt glaube. Ich hätte mir und meinen Kameraden gesagt: Auf den Rängen wissen doch sowieso alle, welches Faulspiel hier läuft. Die Einheimischen werden es uns wohl kaum krumm nehmen, wenn wir unseren Frauen den Ernährer und dem Widerstand ein paar Maulwürfe retten. Also spricht nichts dagegen, wenn Dugin am Ende notfalls einen strammen Fernschuß oder einen Elfmeter durchgehen läßt, damit uns die Faschisten – vielleicht – verschonen … Hasenfuß Sedoi versuchte es übrigens. Er zitterte um sein Leben. Folglich nahm er den Ball im Getümmel vorm eigenen Tor sogar mit der Hand auf, wodurch er den Deutschen zu einem Strafstoßtor verhalf. Aber bald darauf schlug Rjasanzew zu. Ihm gelang »ein gewaltiger Schuß aus etwa zwanzig Meter Entfernung, ein Schuß in die Torecke, knapp unter die Latte.« Dagegen waren selbst die Bakterien in seiner ausgepumpten Lunge machtlos.

* »Tödliches Spiel«, Tagesspiegel, 8. November 2001: https://www.tagesspiegel.de/sport/toedliches-spiel/269270.html
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