Donnerstag, 1. September 2022
Frau Tamm, Frau Voigt

Als der berühmte, wie Mehrfruchteis schillernde Fürst von Pückler-Muskau erst fünf gewesen war, Anfang 1790, hatte ihn seine Mutter dem neu eingestellten Hofmeister Andreas Tamm (1767–95) anvertraut. Ihr Vertrauen schwand jedoch rasch. Schon im Oktober mußte der junge Jurist aus Leipzig und Zeitz, Sohn eines Merseburger Pastors, seinen Dreispitz nehmen. Die gnädige Frau schob ihn auf den Stuhl des »Rektors« der Muskauer Stadtschule ab, der ihn und seine Familie (Heirat 1792) allerdings kaum ernähren konnte. Das kursächsische Städtchen Muskau hatte damals lediglich um 700 EinwohnerInnen. In der Schule waren weit über 100 Kinder aller Altersstufen in derselben Stube zusammengepfercht. Der einzige Lehrer war der »Rektor«. Damit kam Tamms Posten einer schäbig bezahlten Sisyphosarbeit auf Kosten seiner Würde und seiner Gesundheit gleich. Dennoch verfaßte er in dieser Zeit einige wichtige sozialkritische Arbeiten. 1794 warf Tamm das Handtuch und kehrte in seinen ursprünglichen Beruf zurück, Jurist. Er ließ sich in Görlitz, rund 50 Kilometer weiter südlich gelegen, am Untermarkt als Advokat nieder. Aber es war zu spät. Bereits im nächsten Jahr, mit 28, zogen ihn Krankheit und Entkräftung ins Grab.

Was sollte nun aus seiner Frau und den inzwischen drei Kindern werden? Nichts Erfreuliches, wie sich einer lehrreichen Pionierarbeit* über Tamm von Bernd-Ingo Friedrich aus Weißwasser entnehmen läßt. Bar aller Unterstützung, flüchtet sich Charlotte Tamm geb. Strenge in ihr Heimatstädtchen Muskau zurück. Sie war eine Tochter des dortigen Stadtrichters, bei dem sie vermutlich nun Unterschlupf fand. Dort erlitt sie 1797, erst 23, einen haarsträubenden häuslichen Unfall. Als sie mit einem »Licht« in die Küche ging und es auf dem Herd absetzte, um einen Topf mit heißem Wasser aus dem Ofen zu nehmen, fing ihr Halstuch an der Kerze Feuer. In ihrem Schreck lief sie aus der Küche um Hilfe. Durch den Luftzug wurde sie freilich sofort in eine lodernde Fackel verwandelt und zog sich schwerste Verbrennungen zu, bis man ihr die Kleider vom Leib gerissen hatte. Nach qualvollen drei Wochen war sie tot. Die Kinder kamen in die Obhut der Großeltern.

Friedrich zeigt Tamm als einen für seine Zeit und seine Provinz ungewöhnlich kritischen und freisinnigen Geist, ein echter Aufklärer. Mit dieser Haltung hatte er sich sicherlich auch bei der Gräfin auf dem Muskauer Schloß unbeliebt gemacht – von all den anderen Grundherren ringsum nicht zu schweigen. Noch Etwas über Leibeigenschaft, Erbuntertänigkeit und Laßgüter in der Lausitz heißt eine wichtige Arbeit Tamms, die er 1792 in der Lausitzischen Monatsschrift veröffentlichen konnte. Die ihm berufsfremde Pädagogik übte er, im Geiste Rousseaus, trotz vieler Widrigkeiten mit Begabung und Geschick aus. Pückler versicherte seinem Vater später (1803) in einem Brief, »hätte ich den braven Tamm behalten können, vieles wäre jetzt anders; der gute Mann hatte aber den Fehler, zu sagen was er dachte; Damen wollen lieber geschmeichelt sein, meine Mutter konnte sich nicht mit ihm vertragen, und er – ging.«

Einen kleinen Sprung nach Dresden werden Sie vielleicht noch verkraften. Überall steht, die sächsische Schwim-merin Helga Voigt, geboren 1940, sei bereits in sehr jungen Jahren eine erfolgreiche Leistungssportlerin gewesen. In der DDR! Ihre Eltern waren Wirtsleute. Sie betrieben die spätere Dresdener HO-Gaststätte Luisenhof, wo sie auch wohnten. Dadurch entgingen dem dunkelschopfigen, hübschen Mädel die vielen olympischen Medaillen, die es noch errungen hätte – wie überall versichert wird. Denn in der Nacht des 27./28. September 1956 bricht in dem beliebten, weiläufigen Ausfluglokal am Hang ein Feuer aus, das sich rasch ausbreitet. Wahrscheinlich hatte in einem hölzernen Abfallkasten des Geschirrspülraums ein Zigarettenstummel geglimmt. Der Restaurantchef und der Pförtner entdecken den Brand und klingeln bei der Familie Voigt im Obergeschoß Sturm. Während die Löschzüge anrücken, können sich die Voigts und andere Angestellte ins Freie retten – nur Helga nicht. Sie kämpft vergeblich mit dem Rauch, der zumindest teilweise durch den Schacht des Speiseaufzugs nach oben stieg.** Ein Feuerwehrmann findet die wohl schon bewußtlose knapp 16jährige, aber im Krankenhaus ist sie nicht mehr zu retten. Ihre Schwester Eva überlebt.

* Bernd-Ingo Friedrich: Johann Andreas Tamm, Cottbus 2007
** Lars Kühl, »Tödliches Feuer im Luisenhof«, Sächsische Zeitung, 23. September 2016: https://www.saechsische.de/plus/toedliches-feuer-im-luisenhof-3501072.html

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