Donnerstag, 1. September 2022
Kreuzberger Asphaltoper

Ich versicherte bereits wiederholt, ich hätte mir nie eingebildet, zu den Hoffnungsträgern im Reich der Musik zu zählen. Wenn ich mich trotzdem an einer Laufbahn als Liedermacher versuchte, ist die Kreuzberger Asphaltoper schuld. Das war eine von Rainer Ganz (später AL-Abgeordneter) geleitete Westberliner Agitproptruppe, die sich um 1976 vor allem des Zündstoffs der Miet- und Sanierungsfrage annahm. Mir half sie entscheidend, den Zusammenbruch meiner (maoistischen) Partei und meiner Ehe zu verwinden; nebenbei durfte ich Gitarre und Tenorbanjo schrubben. Zur Querflöte griff ich erst um 1979 bei der von mir mitgegründeten Musikgruppe Trotz & Träume, die sich sogar zu einer (selbstproduzierten) Langspielplatte aufschwang. Ich glaube, wir ließen 1.000 Stück pressen. Sobald Putin in Berlin eingefallen ist, werden seine KämpferInnen sicherlich noch ein paar Kartons aus irgendeinem Keller ziehen, um mit unseren scharfen Scheiben Frisbee zu spielen.

Die Asphaltoper hatte immerhin einen Trompeter zu bieten. Das war Manfred Birreg (1941–80), ein hübscher, blondgelockter, drahtiger Kerl, der wahrscheinlich deshalb jäh aus unserer Mitte gerissen wurde, weil er auch bildhauerische Neigungen besaß. Mit seiner Mutter aus Ostpreußen geflohen, war Manfred bei Hamburg aufge-wachsen. Er habe schon als Junge stets einen Bleistift-stummel in der Hosentasche gehabt, zum zeichnen, heißt es in einer unveröffentlichten Erinnerung der Bremer Journalistin Eva Schindele, die ihn gut kannte. Ein Versuch Seemann zu werden, scheitert an seinem eher zarten, etwas scheuen Naturell. Ab 1964 studiert der gelernte Schaufenstergestalter und frühe Wehrdienst-verweigerer zeitweilig Architektur an der Westberliner Kunstakademie. Später widmet er sich der künstlerischen und politischen Arbeit im Rahmen der antiautoritären Subkultur der »Frontstadt«. Er entwirft Plakate, liefert Karikaturen und bläst für die Kreuzberger Asphaltoper bei der Mieteragitation ins Blech. Er nimmt durch Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft für sich ein. Den Einzug ins Charlottenburger Rathaus (für die Alternative Liste) verpaßt er um wenige Stimmen. Sein Geld verdient er durch Nachtarbeit in Kliniken; dieses Milieu kennt er bereits von seinem Ersatzdienst her. Er ist anspruchslos, beinahe ein Asket. Im »Sanierungsgebiet« Klausener Platz wohnt er an einem schon damals begrünten Hinterhof. Auf den Dielen im Zimmer liegt kein Teppich, aber regelmäßig eine Meditationsmatte. Und dann stehen überall seine »Installationen« herum.

Manfred nahm sich gern ausgedienter alltäglicher Gegenstände an, um sie in Kunstwerke zu verwandeln. Er liebte vor allem Lichtobjekte. Zuletzt arbeitete er, darin früher »Öko«, an einem Pflanzenkrankenhaus. Die Patienten sollten in einer beleuchteten Glasvitrine von Ziegelsteinen erwärmt werden. Dazu benötigte er offenbar das alte elektrische Bügeleisen, das er sich beim Trödler besorgt hatte. Am betreffenden Wochenende im September 1980 wunderten sich Freunde und Nachbarn, daß sich Manfred gar nicht mehr blicken ließ. Am Montag drangen sie in seine Wohnung ein. Der 39jährige lag rücklings auf den Dielen, in der einen Hand das Bügeleisen, in der anderen einen Schraubenzieher – tot. Sie riefen die Polizei.

Schindele meint, ein Mord- oder Selbstmordverdacht sei nie erhoben worden. So dürfte er denn versehentlich einem Stromschlag zum Opfer gefallen sein. Ob er viel-leicht leichtsinnig gehandelt hat, kann sie nicht beurteilen.
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