Donnerstag, 11. August 2022
Jesus Loves Even Me

Zur Zeit der Licksfits, genauer am 29. Dezember 1876, kämpfte sich der Pacific Express weiter nördlich von Erie aus durch die verschneiten Bundesstaaten Pennsylvania und Ohio. Aber der Schnee war noch nicht das Schlimmste. Vor dem Städtchen Ashtabula, damals 2.000 EinwohnerInnen, führte eine erst vor rund 10 Jahren errichtete schmiedeeiserne Fachwerkbrücke über die Schlucht des Ashtabula Rivers, Spannweite 47, Höhe im Schnitt 20 Meter. Als der mit rund 150 Personen besetzte Zug sie befuhr, brach sie aufgrund von Konstruktions- und Baufehlern, wie sich später herausstellte, zusammen und riß den Zug mit sich in die Tiefe. Wegen der Öfen in den Waggons ging er sofort in Flammen auf. Die Hitze des Infernos ließ selbst die Eisdecke des Flusses schmelzen; etliche in den Trümmern eingesperrte Insassen ertranken. Andere verbrannten oder brachen sich das Genick.

Im ganzen wurden wahrscheinlich 92 Menschen getötet, über 60 verletzt. Den für Bau und Wartung der Brücke verantwortlichen Chefingenieur der Lake Shore & Michigan Southern Railway, Charles Collins, fand man drei Wochen später mit einer tödlichen Schußwunde am Kopf in seinem Bett auf. Man sprach von Selbstmord aus Gewissensnot. Allerdings wiesen der Tatort und andere Umstände einige offensichtliche Ungereimtheiten auf, die die New York Times noch knapp zwei Jahre später veranlaßten, ein »foul play« zu vermuten, also einen vertuschten Mord.* Vielleicht wollte jemand Racheengel spielen oder Enthüllungen vor dem amtlichen Untersuchungsausschuß verhindern. Collins' Vorgänger Amasa Stone, Mitkonstrukteur der Brücke und dann zum Direktor der Eisenbahngesellschaft aufgestiegen, brachte sich 1883, knapp sieben Jahre später um. Beide Männer – juristisch nie belangt – sollen in der Tat stark an Schuldgefühlen und Selbstzweifeln gelitten haben.

Zu den Todesopfern aus dem Zug zählten der 38jährige Komponist und Evangelist Philip Paul Bliss und dessen Frau Lucy Jane, geb. Young, 35. Mister Bliss aus Pennsylvania, ein Sohn der Unterschicht, hatte sich in seiner Jugend ziemlich zeitgleich für Musik und Religion erwärmt. Nun zog er schon seit etlichen Jahren mit methodistischen oder presbyterianischen Erweckungs-predigern im Nordosten umher, schrieb viele fromme Lieder, teils auf eigene Texte. Als sein Waggon über die Brücke ratterte, hatte er vielleicht gerade über so etwas wie »Eine feste Burg ist unser Gott« nachgedacht. Den Gospelsong »Hold the Fort«, von Erzählungen des Majors Daniel Webster Whittle aus dem Bürgerkrieg angeregt, hatte er bereits geschrieben. Oder er beugte sich im Abteil gerade zu einem Kind vor, deutete mit dem Daumen auf seine eigene Brust und erklärte dem Kind unter Kopfnicken: »Jesus Loves Even Me«. So der Titel eines anderen Bliss-Liedes. Dann krachte es.

* NYT, 24. November 1878: http://query.nytimes.com/mem/archive-free/pdf?res=990CEED9153EE63BBC4C51DFB7678383669FDE
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