Donnerstag, 11. August 2022
Ein Freiläufer

Die stechende Sonne treibt mich unter die Obstbäume am Hang. Im nächsten Dornengestrüpp jammert der Neun-töter, weil ich seinen Unterricht störe. Er bringt seinen flüggen Sprößlingen bei, »Schlachtbänke« anzulegen, behauptet die vogelkundliche Literatur. Die erbeuteten Hummeln oder Laubfrösche werden zwecks bequemer Zubereitung, manchmal auch aus Gründen der Vorrats-haltung, zwischen die Dornen geklemmt oder auf sie gespießt … und sorgsam mit Pökelsalz eingerieben.

Die Weidenröschenstauden am Bachufer jenseits der Viehweide erinnern stark an Himbeereis – leider nur im Fernglas. Mit den rotbraunen Milchkühen, die gemächlich grasen, schiebt sich ein auffallend wuchtiges, euterloses Exemplar an meinem Himbeerhorizont vorbei. Ich vermute den »freilaufenden Bullen« in ihm, vor dem die Schilder am Elektrozaun warnen. Er schleppt sich freilich besorgniserregend schwankend dahin; gleich wird er vor lauter Kraft auf seinen blitzenden Nasenring fallen. Ab und zu beschnüffelt er die Schwanzwurzel einer Kuh, dann rupft er wieder lustlos ein paar Grashalme.

Im Gegensatz zu sämtlichen Kühen zeigt der Koloß kein Gehörn, dafür aber einen gewaltigen Kehllappen. Nimmt man seinen berstend prallen Hodensack hinzu, der ihm bald auf den Hinterhufen schleift, ist der Taumelgang des Bullen schon erklärt. In einer Stierkampfarena dürften solche Wesensmerkmale ein echtes Handicap darstellen. Spanien sieht jährlich rund 2.000 Stierkämpfe, bei denen rund 40.000 Stiere daran glauben müssen – an was? An die Gerechtigkeit bestimmt nicht. Doch F. G. Jünger behauptet in Die Spiele, zwischen Stier und Matador herrsche Gleichheit. Strenge Spielregeln hielten Riesen-stärke und Zwergenscharfsinn in der Waage. Auch sei ja dieses bewegende Schauspiel ohne den Stier gar nicht denkbar. Am Ende, Degen im Schlund, werde er sogar eins mit dem siegreichen Matador.

Wäre aber vielleicht eine Welt ohne Matadoren denkbar? Dergleichen Fragen umgeht Jünger so elegant und vollständig wie die Qualen des Stiers. Selbst die Sozialistin Simone de Beauvoir bricht in Der Lauf der Dinge eine Lanze für den Stierkampf. Sie hat die Stirn zu betonen, allerdings dürfe kein Mensch zu diesem waghalsigen Kräftemessen gezwungen werden – etwa aus materieller Not oder angestacheltem Ehrgefühl. Demnach begibt sich der Stier aus freien Stücken in die Arena. Er kann es kaum erwarten – wie Jünger schreibt – des Kampfes »ruhender Pol« zu werden.

Der zeitweilige Spanienberichterstatter Ilja Ehrenburg bringt die Sache (in seinen Memoiren) auf den Punkt. »Der Stierkampf war mir stets zuwider. Wie oft habe ich darüber mit Hemingway gestritten! Die aufgeschlitzten Bäuche alter, ausgedienter Pferde, die Pfeile im Nacken kopfscheu gewordener Stiere, das Blut auf dem Sand der Arena – all diesen Dingen konnte ich überhaupt nichts abgewinnen. Ich fand sie schlichtweg abscheulich. Am allerabscheulichsten jedoch fand ich den Betrug: Der Stier kennt die Spielregeln ja gar nicht. Er läuft direkt auf den Feind zu, während dieser rechtzeitig um ein weniges zur Seite weicht.«

Der Mensch die Krone der Schöpfung? – Ja, als Verkör-perung der Hinterhältigkeit.
°
°