Donnerstag, 11. August 2022
Peperoni

Um 2007 schenkte mir ein Gartennachbar hübsche leuchtend bunte Peperoni. Ich wusch sie in meiner Vogeltränke und dachte über das Pfannengericht nach, das ich mir vielleicht zubereiten könnte. Dabei rieb ich mir wohl unwillkürlich irgendeine Mißempfindung aus einem Augenwinkel, wie man es sicherlich dutzende Male am Tage tut. Aber schon meinte ich, in Flammen zu stehen. Ich knickte zusammen, wälzte mich im Gras und sah meinen Garten nur noch bruchstück- oder nebelhaft. »Wasser! Wasser!« durchfuhr es mich immerhin. Glücklicherweise mied ich die Vogeltränke, tappte stattdessen stöhnend zu meinem 5-Liter-Kanister auf der Hütten-Veranda, der noch halb voll war. Ich goß ihn nach und nach in meine Schüssel und wusch mir in den nächsten Minuten halbwegs das brennende Auge aus. Nach einer Viertelstunde hatte ich den Eindruck, mein Auge sei gerettet.

Seit diesem Denkzettel fällt mir die »Empathie« mit Einäugigen leichter – was es jedoch bedeutet, von Geburt an völlig blind zu sein und nicht schon als Knabe zu sterben, wie Kolja Herzen, übersteigt nach wie vor mein Vorstellungsvermögen. Jacob Bolotin (1888–1924), Sohn von polnischen Einwanderern in Illinois, USA, erkämpfte sich damals, um 1900, sogar eine medizinische Ausbildung und, als erster nichtsehender US-Bürger überhaupt, die Zulassung als Arzt. Er soll sich große Verdienste erworben haben, schon durch sein Vorbild, ferner durch seine teils verblüffend treffenden Diagnosen, viele Vorträge, auch die Schaffung und Leitung einer ausschließlich aus blinden Knaben bestehenden Pfadfindergruppe.

Sein auffälliges Frühsterben scheinen die meisten Quellen zu übergehen. Selbst Deborah Kendricks Bemerkung dazu in ihrer Besprechung* einer Biografie riecht nach Ausflucht. Der blinde Mediziner habe sich offenbar buchstäblich totgearbeitet – »maintaining such a rigorous schedule of seeing patients and giving speeches that his body wore out.« Zu Bolotins Liebesleben, falls vorhanden, sagt sie nichts. 5.000 Leute seien zu seiner Beerdigung erschienen. Vielleicht war Bolotin, mit 36, weder an Tuberkulose, Herzfehler, »Überarbeitung«, vielmehr an der Verzweiflung über das ihm verordnete Schicksal gestorben, für das es noch nicht einmal einen Hauch an Rechtfertigung gibt. Vielleicht versagten seine krampf-haften Selbstbeschwichtigungen, nicht seine Organe.

* »The Blind Doctor«, Braille Monitor, Januar 2008: https://www.nfb.org//images/nfb/publications/bm/bm08/bm0801/bm080105.htm
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