Donnerstag, 11. August 2022
Schiffbrüche und Possen

Vor die Wahl gestellt, wer mir als Vater lieber gewesen wäre, hätte ich dem Schriftsteller Walter Brandorff wahrscheinlich Alexander Herzen vorgezogen. Dieser russische, später in Westeuropa lebende Berufskollege wurde nicht viel älter als der Horrorspezialist aus Kärnten; er starb 1870 mit 57 Jahren. Mit dem berühmten Russen als Vater hätte ich aber womöglich tief in die Scheiße gegriffen, um es einmal ungewählt auszudrücken. Damit spiele ich auf Herzens Sohn Kolja an, der 1843 zur Welt kam. Das erste schlimme Unglück traf den Sprößling bereits bei der Geburt: er war völlig taub, wie seine Eltern nach ungefähr einem Jahr entsetzt bemerkten. Gleichwohl galt er als lebhaftes Kind und guter Schüler. Man hatte ihn in die Obhut seiner Großmutter Louise Haag gegeben, die sich in Zürich niederließ, weil dort eine Taubstummen-schule zur Verfügung stand. Vater Herzen schreibt*, Kolja habe sich schon als Fünfjähriger mit großer Begabung einen Spaß daraus gemacht, alle möglichen BesucherInnen des Elternhauses »bewußt karikiert nachzuahmen«, wodurch er viel Gelächter geerntet habe (S. 201). Vielleicht wäre er ein beachtlicher Clown geworden? Das zweite schlimme Unglück, das ihn mit Acht traf, war natürlich gar nicht lustig. Die Eltern wohnten damals in Nizza, das zu Italien (Piemont) gehörte. Kolja, seine Oma und sein Lehrer Johann Spielmann hatten sich, von Paris kommend, Mitte November 1851 in Marseilles eingeschifft, um mit einem Mittelmeer-Raddampfer nach Nizza zu fahren. Spielmanns Alter ist nirgends zu erfahren; aus verschie-denen Anhaltspunkten schließe ich aber, er war kein Opa, eher ein junger Mann.

Das Unglück ereignete sich nachts, als die meisten Fahrgäste schliefen. Zwischen der Insel Hyères und dem Festland stieß der Raddampfer, trotz guten Wetters, mit einem anderen Schiff zusammen. Laut Stephan Reinhardt (Georg Herwegh, 2020, S. 366) sank der Raddampfer rasch: von ungefähr 100 Passagieren seien die meisten ertrunken, darunter die Drei aus Paris. Deren Leichen bleiben allerdings verschollen. Der Vorfall wird natürlich auch in Herzens Memoiren erwähnt (S. 349–57). Von einer amtlichen Untersuchung ist mir nichts bekannt.

Herzen schreibt (357), seit diesem Schlag sei Koljas Mutter Natalja Alexandrowna (1814–52) nie mehr gesund geworden. Das ging von einer Brustfellentzündung bis zu einem Wochenbett, das weder sie noch der Säugling überlebte. Doch der dickste Hammer muß die Groteske mit Georg Herwegh gewesen sein – fast ein Komödienstadl, wäre sie nicht, für Natalja, tödlich ausgegangen. Der zugleich ehrgeizige und eher farblose, wenig zupackende »Dichter« hatte sich in sie verliebt, und streckenweise war sie im Begriff, darauf einzugehen. Das spielte sich vor allem in Nizza ab, ehe Herwegh es vorzog, der Schmach zu fliehen. Nun hockt der Gatte in dem gemieteten, mit Dienerschaft gespickten Haus am Meer und ist tief verstört. Er schont sich in selbstkritischer Hinsicht kaum, aber er macht, wie alle, nicht die geringsten Andeutungen, ob bei dem Dreiecksdrama vielleicht auch Sexualität eine Rolle gespielt hätte. Ich vermute stark: Pustekuchen. Diese erlauchten Revolutionäre waren über viele Monate hinweg von Hirngespinsten gejagt. Streckenweise wurden Duelle, Ehrengerichte und immer wieder Mordanschläge erwogen. Herzen macht den Widersacher keineswegs völlig schlecht; mir mißfällt jedoch, wenn er im Kampfe sogar aus privaten Briefen Herweghs zitiert. Natalja entscheidet sich schließlich für Herzen und die Kinder – bloß stirbt sie da auch schon, ungefähr 38 Jahre alt (380/81).

Im allgemeinen sind Herzens Erinnerungen durchaus genießbar und aufschlußreich verfaßt, aber zu unausgewogen und mit manchen Längen. Im ganzen drei Bände, da hat er viel hineingepackt. Herzens Ausdruck ist oft köstlich treffend, doch er liebt auch das fruchtlose Schwenken verschiedener Bänder oder Gartengeräte, was er vielleicht für Poesie hielt, während er andererseits mit Vergnügen in den Verästelungen der Politik herumturnt und dabei die Grundfragen aus dem Blick verliert: Eigentumsverhältnisse, Volksbildung und vor allem Selbstorganisation. Möglicherweise stand es in dieser Hinsicht um Freund Bakunin etwas besser. Was der Vielschreiber und vielfache Vater Herzen freilich lieber überging, war sein Früchtchen Lisa Herzen. Irre ich mich nicht, hieß sie offiziell Jelisaweta Alexandrowna, 1858–75. Nach einem jüngeren Zeitungsartikel** war Lisa in London einer Affäre Herzens mit der Gattin (Natalja A. Tutschkowa) seines engsten Mitstreiters Nikolai Ogarjow entsprungen. Mit 17 soll sich das Mädchen schon wieder umgebracht haben – Chloroform-Vergiftung, angeblich wegen Liebeskummer. Neben Lisa habe die Affäre sogar noch ein Zwillingspaar hervorgebracht. Da hat die gute Tutschkowa anscheinend den einen stämmigen Vollbart gegen den anderen stämmigen Vollbart getauscht, wenn mich Fotos nicht täuschen. Der Artikel merkt genüßlich an, Herzens Lage sei heikel gewesen. Nun habe er sich jäh »in der Situation seines Erzfeindes Herwegh« befunden, »der sich vom politischen Kampfgefährten zum erotischen Verräter gewandelt hatte. Deshalb tabuisierte Herzen diese zweite Dreiecksaffäre vollständig und verlor in seiner Autobiografie kein Wort darüber.«

Was Lisa angeht, fühlte sie sich vermutlich schon als kleines Mädchen in einen Irrgarten gepflanzt, über dem zu allem Überdruß auch noch der Londoner Nebel hing. Die Silberstreifen ihres radikaldemokratisch gesinnten Erzeugers hatten sich als Vogelscheuchen-Flitter erwiesen, und 20 andere Krähen zerrten sie in 20 verschiedene Richtungen. Dostojewski, so die NZZ, habe Lisas Liebesenttäuschung nur als den Vorwand erachtet, ihren eigenen Lebensweg gar nicht erst antreten zu müssen. Wer wollte ihr das verdenken, falls es stimmt? Glücklicher waren womöglich die erwähnten Zwillinge daran, die bereits als Kleinkinder gestorben sein sollen.

* Mein Leben. Memoiren und Reflexionen, Band 2 der Ostberliner Ausgabe: Aufbau-Verlag 1963
** »Zwischen Barrikade und Salon«, NZZ, 7. April 2012: https://www.nzz.ch/zwischen-barrikade-und-salon-1.16321322

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