Donnerstag, 11. August 2022
Bugatti & Co

Einige LeserInnen sind vielleicht schon über das Schicksal der Tänzerin Lena Amsel unterrichtet, die sich 1929 bei Paris in einem Bugatti überschlug. »Monsieur Jean« Bugatti, seit 1936 Leiter der im Elsaß (bei Straßburg) gelegenen väterlichen Automobilfabrik, erwischte es 10 Jahre nach Amsel, als er unweit der Fabrik auf der Landstraße zwischen Duttlenheim und Entzheim im eigenen Testwagen einem angeblich »unvorsichtigen« Radfahrer ausweichen wollte. Sein Bugatti 57 C Tank hatte »weit über« 200 Sachen drauf!* In dieser Gemächlichkeit prallte der 30 Jahre alte Designer und Werksleiter (am 11. August 1939) gegen einen Baum. »Der explodierende Benzintank setzt den Baum und eine nahe Mühle in Brand, Monsieur Jean wird aus dem Rennwagen geschleudert und ist sofort tot.« Die baumlose Stelle sah sich später durch einen klobigen Stein getröstet, der das Gedenken an den vorbildlichen Verkehrsteilnehmer Jean Bugatti bis zum heutigen Tage wachhält. Die deutsche Wikipedia zeigt ein Foto davon. Sie weiß übrigens auch genau, der Radfahrer, dem Bugatti »ausweichen musste«, kam »plötzlich aus einem Feld« – so ein Schurke! Ich wette darauf, diese Ausschmückung ist frei zusammengelogen. Kommt sie jedoch gegen 200 Sachen an?

Die Fabrikation in Molsheim wurde 1963 eingestellt. Was blieb, war der legendäre Ruf, und siehe da, 1998, im Antrittsjahr des »rotgrünen« Kanzlers Gerhard Schröder, ging die Marke Bugatti auf das deutsche Volk beziehungsweise die Volkswagen AG über.

Da der September naht, schiebe ich rasch einen Amateur ein. Im Hauptberuf war der 1921 geborene Brite Dennis Brain Hornist. Für ihn hatten bereits prominente Komponisten wie Britten, Hindemith oder Malcolm Arnold Stücke geschrieben. Auch war er 1956 in der Londoner Royal Festival Hall am ersten Spezial-Auftritt des Spaßvogels und Tubaspielers Gerard Hoffnung beteiligt. In dessen dort präsentiertem Orchester soll Brain unter anderem eine Gummi-Schlauch-Pipe gespielt haben, die er sorgfältig stimmte, indem er sie mit einer Gartenschere beschnitt. Francis Poulenc schuf seine Elegie für Horn und Klavier in memoriam Dennis Brain naturgemäß erst Ende 1957, nachdem der humorvolle Hornist, der auch leidenschaftlicher Sportwagenfahrer war, am 1. September des Jahres nach einem auswärtigen Konzert (Symphonie Pathétique von Tschaikowski) versucht hatte, die 600 Kilometer von Edinburgh nach London mit seinem Triumph TR2 in weniger als vier Stunden zurückzulegen, wie ich einmal vermute. Der 36jährige kam kurz vor London von der Straße ab und prallte gegen einen Baum. Hätte Poulenc die Elegie auch dann geschrieben, wenn Brain in einen Pfadfinder-Trupp gerast wäre?

Poulenc zählt seit Jahren zu meinen Lieblingskompo-nisten. Unter anderem besitze und schätze ich eine CD mit Chamber Music (Deutsche Grammophon 1989), auf der, zum Klavier, verschiedene Blasinstrumente zu hören sind, vom Fagott bis zur Flöte. Vier von den fünf gebotenen Werken finde ich geradezu umwerfend, je nach Periode, frech, einschmeichelnd, feurig und ähnliches mehr. Am wenigsten gefällt mir aber ausgerechnet das mittlere Stück: just die Elegie zu Brains Gedenken. Es kommt mir gar zu programmatisch und zerrissen vor, bei dem Anlaß vielleicht kein Wunder.

Makabererweise ist zu lesen, Brain sei nicht der erste durchs Automobil bewirkte bewegende Verlust für den Franzosen gewesen. 1936 war nämlich Poulencs Landsmann, Berufskollege und Freund Pierre Octave Ferroud bei einer Ungarnreise verunfallt – gerade so alt wie später Brain, 36. Damals soll das Unglück zu Poulencs Hinwendung zum Katholizismus beigetragen haben. Vielleicht hätte er sich besser nicht zum Katholizismus hingewandt, sondern vom Kapitalismus abgewandt. Möglicherweise hätte ihm das sogar den Herzinfarkt erspart, der ihn mit 64 jäh dem Pariser Trubel entriß.

Bekanntlich war der deutsche Faschismus schon deshalb erträglich, wenn nicht gar segensreich, weil er die vielen Erwerbslosen, die sich der Kapitalismus (oft in Millionenhöhe) dauerhaft leistet, für immerhin ein Dutzend Jahre von der Straße holte – beispielsweise durch den Bau von Autobahnen. Auf ihnen konnte sich dann der Krieg unter den Volksgenossen, gegen die Natur und gegen Belgier oder Polen austoben – auf daß auch diese Barbaren »der Weltgeltung der deutschen Motoren- und Automobilfabrikation« inne würden, von welcher Bernd Rosemeyer, so Adolf Hitler beim Quasi-Staatsbegräbnis des wieder einmal tragisch Verunglückten, »einer der allerbesten und mutigsten Pioniere« gewesen war.

Im Gegensatz zum Führer war er sogar blond. Der 1909 geborene Sohn eines emsländischen Kleinfabrikanten hatte sich schon früh für Technik und insbesondere Zweiräder begeistert. Ab 1930 Motorradrennfahrer auf NSU und DKW, sattelte er 1935 endgültig auf vier Räder um und wurde Werksfahrer bei Auto-Union in Chemnitz und Horch in Zwickau. Er fuhr neue, schwer zu beherrschende 16-Zylinder-Mittelmotorwagen, und zwar erfolgreich. Schon 1936 wurde er Europameister, wobei auch sein Teamgefährte Hans Stuck das Nachsehen hatte. Im selben Jahr heiratete Rosemeyer die bekannte Fliegerin Elly Beinhorn, wodurch die deutschen Blätter »flächendeckend« in strahlendes Hochzeitslächeln getaucht waren. Doch zwei Jahre darauf verließ ihn das Glück. Am 28. Januar 1938 wird der 28jährige auf der vorübergehend gesperrten Reichsautobahn Frankfurt–Darmstadt beim Versuch, sich den Geschwindigkeits-rekord zurückzuholen (um 430 km/h), von einer Windböe erfaßt. Sein Audi Union Typ R (12-Zylinder-Motor mit 560 PS) überschlägt sich; Rosemeyer wird in ein nahes Kiefernwäldchen geschleudert und haucht sein Leben aus. Wiederholte Warnungen vor den Wetterverhältnissen, selbst von der Auto-Union-Rennleitung und seinem anwesenden Konkurrenten Rudolf Caracciola von Mercedes, hatte der blonde SS-Hauptsturmführer sozusagen in den Wind geschlagen.**

Angeblich besaß Rosemeyer den genannten Titel lediglich »ehrenhalber«, hatte also nie an Übungen in Polizei-schulen oder an Besuchen von jüdischen Kaufmannsläden teilgenommen. Rosemeyer wirkte unpolitisch – allein durch sein sportliches Vorbild. Zeitzeuge Victor Klemperer widmet dem »einprägsamsten und häufigsten Bild« des nazistischen Volksheldentums, nämlich dem mit Sturz-helm, Brillenmaske und dicken Handschuhen ver-mummten Rennfahrer, im Eingangskapitel »Heroismus« seiner LTI (1947) eine ganze Seite, wobei er sowohl den »Todessturz« Rosemeyers wie das Erinnerungsbuch von dessen flugbesessenen Gattin Elly Beinhorn Mein Mann, der Rennfahrer hervorhebt. Dieses Werk, noch im Todesjahr 1938 auf den Markt geworfen, erlebt bis heute Neuauflagen. Klemperer schrieb, mit den »muskelbe-ladenen nackten oder in SA-Uniform steckenden Kriegergestalten der Plakate und Denkmünzen« jener Jahre teilten die motorisierten Helden oder Heldinnen den »starren Blick, in dem sich vorwärtsgerichtete harte Entschlossenheit und Eroberungswille« ausdrückten.

Was Wunder, wenn dieser Blick, angesichts von ungefälscht um 10 Millionen deutschen Arbeitslosen, nach wie vor hoch im Kurs steht. Ein blühender Volkswagen-Zweig präsentierte der Welt 2000 die Designstudie eines Supersportwagens, der selbstverständlich Audi Rosemeyer getauft wird. Rosemeyers Heimatstadt Lingen hat zwar noch nicht ihren Bahnhof, aber schon einmal ihre Bahnhofsstraße geopfert, die seit geraumer Zeit Bernd-Rosemeyer-Straße heißt. Außerdem kann sie den MSC Bernd Rosemeyer vorweisen, der sich im Mai 2012 anschickte, »erneut den Mythos Bernd Rosemeyer aufleben zu lassen«, wie die lokalen Medien jubelten. Der Club richtete zu diesem Zwecke wieder ein Bernd Rosemeyer ADAC Oldtimer Treffen aus. Unter den Tausenden, die auf dem Marktplatz die rund 100 vorgeführten Edelkarossen bestaunten, befand sich auch der eigens aus München angereiste 74jährige Orthopäde und Sportmediziner Prof. Dr. med. Bernd Rosemeyer jun., »selbst begeisterter Oldtimerfan«. Elly Beinhorn, Jahrgang 1907, hatte ihn im November 1937 geboren. Sie wurde erstaunlicherweise 100 Jahre alt. Obwohl er seinen Vater nie kennenlernte, ist der Professor gleichermaßen auf beide Elternteile stolz, wie er 2014 dem ZDF erzählt. Sie seien besondere, idealistische, vorbildliche Menschen gewesen.*** Er selbst hat zwei Söhne. Der eine davon, Manager bei Audi, heißt auch wieder Bernd.

* Hans-Jörg Götzl, »Jean Bugattis Vermächtnis«, Auto Motor Sport, 16. Februar 2014: http://www.auto-motor-und-sport.de/fahrberichte/bugatti-typ-64-im-fahrbericht-jean-bugattis-vermaechtnis-1356005.html
** Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede, »Rekordjagd in den Tod«, Spiegel, 25. Januar 2008: http://www.spiegel.de/einestages/bernd-rosemeyer-a-949062.html
*** »Herzkino … / Interview mit Professor …«, zdf.de, 30. März 2014: https://presseportal.zdf.de/pm/herzkino-elly-beinhorn-alleinflug/

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