Donnerstag, 11. August 2022
Schaulust und Abstumpfung

Sollten entsprechende Statistiken und Studien vorliegen, dürften sie meine Befürchtung untermauern, Schaulust und Abstumpfung hätten in der Postmoderne eine Vormachtstellung errungen, gegen die wahrscheinlich nichts und niemand mehr ankomme. Aber ich finde derzeit nichts dergleichen. Ich kann nur mit einigen sprechenden Fällen dienen, die ich hier und dort schon gestreift habe.

Im LdF schrieb ich neulich zum italienischen Unfallopfer Alfredo Rampi (1975–81): Im Juni 1981 waren Scharen von Rettungskräften unter lebhafter Anteilnahme von geilen Rudeln der Medien bemüht, Alfredo in Frascati (bei Rom in den Albaner Bergen) aus einem Brunnen zu bergen, in den er gestürzt war. Der Brunnen war 80 Meter tief, aber nur 30 Zentimeter breit. Ungefähr auf 30 Meter stecken geblieben, rutschte der sechsjährige Junge zu allem Unglück während der Rettungsversuche noch tiefer. Alle Versuche mißlangen. Alfredo starb nach rund drei Tagen schrecklicher Gefangenschaft. Soweit ich sehe, war der Brunnen nicht oder nur mangelhaft abgedeckt, weshalb man den Grundstückseigentümer später zur Verantwortung zog. / Was die Rudel der sogenannten Massenmedien angeht, sprach F. G. Jünger bereits um 1950 (in Die Perfektion der Technik) von fliegenhafter Zudringlichkeit. Ihre Rechtfertigung war nie glaubhaft. Was trug das völlig überzogene Aufsehen zu Alfredos Rettung bei? Nichts. Was hatten die Vorbeugung, was »die Wahrheit« oder »die Geschichtsschreibung« davon? Nichts. Was hier allein profitierte, waren die Konzerne und ihre journalistischen HandlangerInnen, die sich enorm in ihrer Bedeutung gehoben sahen. Sie waren vor Ort. Sie waren mitten drin. Aber der »unausrottbare Gegenwartsstolz« (Ernst Kreuder) ließ natürlich auch ihr Millionenpublikum wieder ein paar Zentimeter wachsen. Heute hat der Fernsehkonsument schon fast die Höhe seines ungefähr garagentorgroßen Bildschirms erreicht. Er ist dabei. Nichts entgeht ihm – nur das, was er nach Auffassung der MacherInnen besser nicht sehen soll. Er bekommt alles mit, ohne sich auch nur von der Stelle zu rühren. Jetzt erlebt er, wie die Bohrkräne über dem tückischen Kerker des Knaben auffahren. »Ach wie gut, daß unsere Kleinen in Corona-Quarantäne sind!« nicken sich zwei Nachbarinnen in Brüheim an der Nesse erleichtert zu. »Ihnen kann so etwas nicht passieren.«

Im selben Manuskript behandele ich Kevin Carters (1960–94) berühmtes »Geierfoto«, das dem südafrika-nischen Bildjournalisten 1994 den Pulitzer-Preis einbringt. Ein etwa zweijähriges dunkelhäutiges Kind ist, wohl vor Entkräftung, im Sand des Sudan zusammengebrochen. Wenige Meter hinter ihm hat sich ein Geier niedergelassen, der es lauernd beobachtet. Carter will seinerseits noch bis zu 20 Minuten darauf gelauert haben, ob der Aasjäger womöglich auch noch wirkungsvoll seine mächtigen Schwingen ausbreiten würde. Das tat er nicht. In der ganzen Zeit hätte Carter das Kind beispielsweise aufheben und zur nahen Ausgabestelle der UN-Hungerhilfe tragen können, mit deren Flugzeug er an diesem Tag eingetroffen war. Immerhin scheint er durch sein über Nacht berühmtes Foto sowohl unter Freunden wie seitens der Öffentlichkeit einiges Befremden geerntet zu haben, das ihm arg zusetzte. Manche KritikerInnen drückten dies recht treffend mit der Bemerkung aus, Carter habe wohl früher oder später geahnt, auf dem Foto seien zwei Geier zu sehen; einer davon sei er selber gewesen. Noch im Erfolgsjahr brachte sich der 33jährige (in Johannesburg) um, aber wohl aus vermischten Motiven.

In meinem 2006 veröffentlichten Aufsatz Klappe zu, Affe tot (gegen Fotografie und Verbilderung überhaupt) erwähnte ich ein ähnliches Beispiel abgebrühter Beobachtungstätigkeit aus England. In einem Sheffielder Fußballstadion ist eine Panik ausgebrochen. Wir sehen die verzerrten Gesichter der Fans, die am Schutzgitter erdrückt zu werden drohen. Sie werden auch erdrückt. Der Fotograf Soundso schreitet nicht ein oder reißt sich, weil keine Leiter zur Hand ist, vor Verzweiflung die Haare aus; vielmehr setzt er geistesgegenwärtig einen Schnappschuß, der sogleich durch alle Zeitungen geht und später auch noch einen wichtigen Preis ergattert. Indem sie starben, machten ihn die Fans unsterblich. Seine Verdauung ist in Ordnung, und auch die Chefredakteure und PreisrichterInnen schlafen gut. / Inzwischen nehme ich an, es war die »Hillsborough-Katastrophe« vom 15. April 1989, die fast 100 Todesopfer und rund 750 Verletzte forderte. Die Welt zeigt davon Bilder, darunter wohl auch das von mir gemeinte Foto vom Schutzgitter.* Den Namen des betreffenden Fotografen kann ich nicht finden. Im selben Text spreche ich, zusammen gezogen, von der Mühe- und Schamlosigkeit des Fotografierens. Kein Mißgeschick ist vor dem Druck auf den Knopf sicher, aber immer wird das Motiv so tadellos dargestellt, daß nichts zu meckern bleibt. Für eine neue Videokamera warb Canon einmal mit dem Spruch, nie sei Perfektion so leicht gewesen. Warum sich im Training mit langen Pässen a lá Günter Netzer auf Erwin Kremers oder am Klavier mit Etüden abplagen, wenn man dies alles schön vergrößert und eingerahmt an die Wand hängen beziehungsweise als Konserve in den Recorder stecken oder am Computer mit einem Mausklick abrufen kann? Dabei Bier und Pizza, wahlweise Reis-Risotto.

In GA 8 habe ich kürzlich an Wang Yue erinnert.** Am 13. Oktober 2011 in der Millionenstadt Foshan (Provinz Guangdong, Südchina) zweimal von Autos überfahren, ließen sowohl beide Fahrer wie geschlagene 18 Passanten das blutende zweijährige Mädchen für rund sieben Minuten auf der Gasse liegen, bis sich eine ältere Müllsammlerin um »Yue Yue« kümmerte. Es starb nach einer Woche im Krankenhaus.

Damit zum jüngsten, nicht unähnlichen Fall. Der dunkelhäutige, aus Nigeria stammende 39 Jahre alte Alika Ogorchukwu, Bürger der mittelitalienischen Küstenstadt Civitanova und verheirateter Vater eines Kleinkinds, hatte aufgrund eines Unfalls seine Arbeitsstelle verloren und betätigte sich seitdem als Straßenhändler. Er mußte sich nun mit einer Krücke behelfen. Er stand immer in einer belebten Einkaufstraße. Er galt als freundlich und friedlich. Prompt brach ein 32jähriger italienischer Kunde am hellichten Tag (29. Juli) aus sehr wahrscheinlich nichtigem Anlaß einen Streit vom Zaun. Rasch zu Raserei gelangt, entwand er Ogorchukwu die Krücke, schlug ihn damit nieder, hockte sich auf ihn und erwürgte und erdrückte ihn – tot. Dann stahl er das Handy seines Opfers und flüchtete. Die Polizei faßte ihn. Sie behauptet, er habe keine rassistischen Beweggründe gehabt. La Repubblica, Junge Welt und ähnliche Blätter sehen das anders. Die Gegend ist für Haß und Gewalttaten gegen Ausländer bekannt. Ein Rechtsanwalt reklamierte pflichtschuldig »psychische Probleme« des Täters.

Nun ist aber zu beachten: Der ganze Streit einschließlich Totschlag trug sich unter den Augen etlicher Passanten zu. Niemand von denen griff ein. Stattdessen hätten viele von ihnen die Szene mit ihrem Smartphone gefilmt, versichern mehrere Quellen, darunter auch die Webseite The Nigerian Voice.*** Es habe allenfalls einige Zwischenrufe gegeben. Dieser Tatbestand ist sicherlich ähnlich niederschmetternd wie der Mord.

Andere Rechtsanwälte werden vielleicht einwenden, diese neuartigen Bild-Dokumentationen von Verbrechen seien doch geradezu Glücksfälle. Schließlich erleichterten sie die Überführung und Bestrafung vieler TäterInnen. Und damit liegen diese Rechtsanwälte gut im Trend. In der Postmoderne scheint es viel wichtiger zu sein, Verbrechen zu bestrafen als Verbrechen zu verhindern. Das trifft sich wiederum mit der anschwellenden Schaulust der Massen. Die Massen verlangt es nach Sensationen. Sie möchten den Totschlag sehen, die Richter in den Roben, die zusammenbrechende Braut des Täters und dann möglichst auch noch dessen Hinrichtung. Dies alles bei Bier und Pizza, wahlweise Schokoladeneis.

* https://www.welt.de/sport/gallery126879507/Die-Katastrophe-von-Hillsborough.html
** https://siebenschlaefer.blogger.de/stories/2850078/
*** 31. Juli 2022: https://www.thenigerianvoice.com/news/310723/how-a-nigerian-citizen-was-beaten-to-death-in-italy.html

°
°