Dienstag, 2. August 2022
Schlecht beraten

Eingeweihte kennen Walter Brandorff (1943–96) als wichtigen österreichischen »Fantasy«-Autor, Hauptfach Horror. Die Webseite seines Verlages preist »ein Werk voller Gräßlichkeiten und Boshaftigkeiten, schnörkelloser Humor vom Feinsten«. Trifft das zu, hatte Brandorff natürlich völlig recht, wenn er sich weigerte, im Bett zu sterben. Er verbrannte vor 26 Jahren in der Nähe seines Wohnhauses in einem Hubschrauber. Das war sein letztes Gruselstück.

Robert N. Bloch zufolge* liegt das Haus abgeschieden an einem Hang bei Wolfsberg in Kärnten – der kleinen Stadt, in der Brandorff, Sohn eines Vermessungsingenieurs, auch aufwuchs. Seine Mutter war wenige Tage nach der Geburt gestorben. Der Halbwaise besucht eine heimische, zuchtvolle Klosterschule und studiert Jura. Zwar geht er nebenbei den unterschiedlichsten, möglicherweise eindrucksstarken Hilfsarbeiten nach, doch am Ende steht, teils in der Landeshauptstadt Klagenfurt, eine Bilderbuchkarriere des »Doktors« als Gerichts- und Finanzbeamter. 1980 hat er es bereits zum Leiter des Wolfsberger Finanzamtes gebracht. 1991 ernennt ihn der Bundespräsident zum Wirklichen Hofrat. In das alte, jedoch instandgesetzte Bauernhaus am Hang zieht Brandorff mit Frau und Sohn 1993. Zwischenzeitlich überwindet er eine lebensbedrohliche Krebserkrankung – nüchtern wie er war, hatte sich der (heimliche) Horror-Schriftsteller bereits von seinen Kollegen im Amt und der Welt überhaupt verabschiedet, aber er wurde geheilt. 1995 ließ er sich pensionieren. Allerdings war er noch, neben dem Schreiben, »im Vorstand einer Privatstiftung« tätig, so Blochs Bezeichnung. Den Aufgabenbereich der angeblichen Stiftung erfahren wir nicht. Jedenfalls seien öfter »Inspektionsflüge« angefallen, und so auch am 8. August 1996, als sich bei Wolfsberg, kurz nach dem Start, wegen Nebels der angedeutete Hubschrauberabsturz ereignet habe. Die Presse habe ausführlich über den spektakulären Unfall berichtet. »Man sieht Fotos der Verunglückten. Nur einer fehlt: Walter Brandorff. Noch im Tod bleibt er unnahbar.«

Soweit Bloch, soweit es den Unfall betrifft. Die Anzahl der Verunglückten nennt er nicht. Aber die Sache mit den Fotos stimmt. Jedenfalls trifft es auf die vielgelesene österreichische Kronen Zeitung zu, die mir freundlicher-weise zwei Artikel geschickt hat, die am 9. und 10. August 1996 erschienen. Nach dieser Darstellung herrschte am Unglückstag im Bezirk Wolfsberg in der Tat dichter Nebel, überdies starker Regen. Um seine fünf Fahrgäste, eine Abordnung der in St. Andrä ansässigen Firma Kostmann, plangemäß ins östliche Ungarn zu befördern, riskierte der Pilot des Hubschraubers offenbar einen Blindflug, geriet dabei schon im engen Lavanttal zu tief, schlug unweit der Südautobahn, der Stadt Wolfsberg und deren großer Nachbargemeinde St. Andrä eine 100 Meter lange Schneise in den Wald und endete in einer »Flammenhölle«, wie das Blatt schreibt. Von den im ganzen sechs Insassen starben fünf, darunter der Pilot der Klagenfurter Firma Goldeck-Flug, die mit der Firma Kostmann verbandelt sei. Der Pilot habe als erfahren gegolten. Die Abordnung bestand aus Spitzenmanagern und Geschäftsfreunden des Bau-, Rohstoff- und Transportunternehmens Kostmann. Es beschäftigte damals immerhin 180 Leute. Der mißglückte Flug nach Ungarn galt, laut Kronen Zeitung, einem »firmeneigenen Schotterwerk«. Ja, um Schotter scheint es in der Tat nicht unwesentlich zu gehen, werden doch die beiden Mitverstorbenen Hubert Wiesenbauer (67) und Dr. Walter Heinz Brandorff (53) ziemlich unmißverständlich als »Finanzberater« bezeichnet. Der einzige Überlebende, wenn auch schwerverletzt, war Ingenieur.

Ich lasse dahingestellt, wem oder welchen Beweggründen wir Blochs »objektiv« schonende Darstellung der Unglücksumstände zu verdanken haben. Immerhin scheint sie dem Wesen seines Gegenstandes zu entsprechen. Bloch zufolge muß der Finanzbeamte und Schriftsteller aller Welt gegenüber, Frau und Sohn eingeschlossen, ein wahres Buch mit sieben Siegeln gewesen sein. Seine Frau A., laut Bloch eine Malerin, versichere allerdings, sie habe die Wortkargheit und Verschlossenheit ihres Mannes nie gestört. Sie nennt ihre Ehe mit Brandorff »glücklich«. Von seinem Schreiben weiß sie angeblich so gut wie nichts. Sogar Fotos sind kaum vorhanden – was Wunder, wenn selbst die Kronen Zeitung in dieser Hinsicht ins Leere griff … Einmal sieht man Brandorff unscharf als Urlauber an einem Biertisch: mit Kinnbart, wohlgescheitelt, goldran-dige Sonnenbrille, Zigarette rauchend – ein Spießbürger wie all die anderen Wolfsberger SpießbürgerInnen, deren Geheimnisse ihm freilich als Finanzamtsvorsteher bestens bekannt waren, wie sogar Bloch anmerkt. Darin liegt schon ein erheblicher Unterschied.

Bloch schätzt Brandorff als mißtrauischen Zeitgenossen ein, der sich selbst – und seine ihn bedrückenden bitteren Erfahrungen oder Alpträume – lieber in literarischem Gewande einer anonymen Leserschaft vorstellte, als sich handfester Nähe und Geselligkeit auszusetzen. Kommerzielle Interessen habe er dabei nicht verfolgt. Wahrscheinlich sei er noch nicht einmal auf »Publicity« und Nachruhm aus gewesen. Das würde ihn denn von Berufskollegen wie Stephen King unterscheiden, den Brandorff anscheinend schätzte. Aber in sonstiger moralischer Hinsicht dürften ihn keineswegs Welten von dem Großverdiener und Zyniker aus den USA getrennt haben. Oder von unseren Ministern, die ihre Entlassungs-urkunden regelmäßig noch am selben Tage in die Stechuhren von Unternehmen der Privatwirtschaft stecken, mit denen sie sowieso schon seit Jahren zu tun hatten, in ihrem Öffentlichen Amt.

* »Walter Brandorff – ein bitterer Erzähler des Grauens«, Beitrag im ARCANA. Magazin für klassische und moderne Phantastik, Nr. 1 (2002), Lindenstruth-Verlag, Gießen
°
°