Dienstag, 2. August 2022
Rita packt aus

Nur wenige Tage nach Uwe Seeler starb eine vergleichs-weise unbekannte Sizilianerin – wenn auch 30 Jahre früher. Täuscht mich der Eindruck nicht, den mir Petra Reskis mutiges und überdies ausgezeichnet geschriebenes Buch* über Rita Atria (1974–92) vermittelt, scheinen die Leute auf Sizilien eine erschreckende, wenn auch gleichsam natürliche Neigung zu Roheit, Gefühlskälte, gnadenlosem Clandenken und hollywoodreifer Heuchelei zu besitzen. Vielleicht erklärt sich diese Verfassung zumindest teilweise aus der Unerbittlichkeit des ausgedörrten Landstrichs, dem sie ihr Auskommen und ihr Glück abzuringen haben. Da liegt es womöglich nahe, dem erfolgreicheren Nachbarn die Kehlen seiner drei Dutzend Schafe durchzuschneiden, den Fiat eines »singenden« Abtrünnigen mit Maschinengewehrfeuer zu durchsieben, die Verweigerung von »Schutzgeld«-Zahlung mit ein paar Messerstichen zu quittieren, den erlebnishungrigen Jugendlichen in den öden Kleinstädten Haschisch oder Heroin anzudrehen. Zum häuslichen Altar heimgekehrt, dankt man dann der Jungfrau Maria für ihr gnädiges Geleit.

Rita, bis zu einer Abmagerungskur, die sie sich in Rom verordnen wird, ein etwas »pummeliges« untersetztes Mädchen, wuchs im westlichen Winkel der Insel in Partanna auf. Das Städtchen war von zwei mehr oder weniger miteinander verfeindeten Mafia-Clanen geprägt. Ritas Familie zählte durchaus dazu. Als die Händel jedoch dazu führten, daß zunächst Ritas Vater Vito, dann, 1991, ihr wohl 27 Jahre alter Bruder Nicola Atria stummgemacht wurden, entschloß sich die Jugendliche, wie schon ihre nun verwitwete Schwägerin Piera, bei den Behörden »auszupacken«. Sie hatte beide Männer, Vater und Bruder, heiß geliebt. Von seiten ihrer Mutter dagegen hatte sie unter der erwähnten Gefühlskälte und schlicht unter Tyrannei gelitten. Diese verschiedenartigen Verluste hielt sie einfach nicht mehr aus.

Durch ihre Erzählungen von den heimischen Mafia-Machenschaften den Staatsanwälten in den nahen Küstenstädten Marsala oder Palermo gegenüber war Rita natürlich plötzlich selber höchst gefährdet, zumal dies schon bald zu Verhaftungen führte. Selbst der Junge, mit dem sie »geht«, zeigt ihr jäh die kalte Schulter. Man nahm sie deshalb ins »Zeugenschutzprogramm« auf, bewachte sie und hielt es zum Jahresende 1991 sogar für angebracht, sie heimlich aus Sizilien fortzuschaffen. Sie durfte nach Rom zu ihrer Schwägerin und deren Töchterchen ziehen, denen man dort bereits eine Wohnung unter falschem Namen besorgt hatte. Ihre Schulausbildung im Hotelfach durfte sie per Fernunterricht fortsetzen. Zum Glück verstand sie sich mit Piera gut. Auch der Großstadttrubel gefiel Rita. Die Frauen bekamen sogar staatlichen Unterhalt. Allerdings mußten sie ständig auf der Hut sein und in den nächsten Monaten wiederholt umziehen, aus Sicherheitsgründen. Dazu litten sie selbstverständlich unter der für sie neuen Entwurzelung. Wurden sie alle paar Wochen zu weiteren Aussagen vor den sizilianischen Staatsanwälten geflogen, geschah es unter strenger Geheimhaltung und Bewachung. Hin und wieder geleitete man Rita sogar zu ihrem Elternhaus in Partanna, aber diese Begegnungen mit der Mutter waren eher eine Qual. In den verblendeten Augen der Mutter war sie zur Verräterin geworden. So verblüfft es wenig, wenn die matronenhafte Frau Atria vier Monate nach Ritas Beerdigung auf den Friedhof von Partanna marschiert, einen Hammer aus ihrer Handtasche zieht und in »rasender Wut«, wie Reski behauptet (S.19 & 234), das auf Ritas Grabstein eingelassene Foto zertrümmert, das ihre nie geliebte Tochter zeigt. Diese Tat bringt Giovanna Atria später durch das Urteil einer örtlichen Amtsrichterin zwei Monate und 20 Tage auf Bewährung ein – was ja immerhin beweist, daß Partannas Justiz nicht mehr völlig in der Hand der Mafia war.

Engster Betreuer und zugleich Freund der beiden jungen Frauen war in jenen Monaten vor Ritas Tod ein »hohes Tier«, nämlich Richter und Oberstaatsanwalt Paolo Borsellino, der zwischen Sizilien und Rom hin- und herpendelte. Er und Giovanni Falcone waren damals die prominentesten »Mafia-Jäger«, die in Italien jedes Kind kannte. Bei vielen staatlichen Stellen machten sie sich durch ihren unbestechlichen Eifer eher unbeliebt. Borsellino war ein stattlicher grauhaariger Mann mit einer »rauchigen« Stimme, um die ihn mancher Mafioso beneidet hätte. Er zeigte insbesondere für die »kleine« Rita mit dem kastanienbraunen Haarschopf viel Verständnis, machte ihr Mut, ging auf ihre Wünsche ein. Er hatte selber zwei Töchter, außerdem einen Sohn. Er war im Herbst 52 Jahre alt geworden – und zum Entsetzen vieler Menschen schaffte er das nächste Lebensjahr nicht mehr. Zu allem Unglück war sein Mitstreiter Falcone bereits Ende Mai 1992 Opfer eines Anschlages geworden. Und nun, am 19. Juli, flog in Palermo auch Borsellinos Auto, trotz höchster Vorsichtsmaßnahmen, in die Luft. Offenbar war der Arm der Mafia länger als der italienische Stiefel, sodaß er bis in etliche staatliche Behörden reichte. Neben dem Richter starben fünf Mitglieder seiner Begleitmannschaft.

Nun kommt wieder einmal einiges zusammen. Makabererweise hatte Rita gerade eben ihren Wunsch durchgesetzt, in Rom eine eigene Wohnung zu bekommen. Fünf Tage nach Borsellinos Ermordnung hilft ihr Piera beim Umzug in die Via Amelia (S. 192). Zwar hat Rita kürzlich einen »Märchenprinzen« kennengelernt, Gabriele, doch der junge Mann muß gegenwärtig eine Wehrübung in Albanien ableisten. Bei aller Verliebtheit: durch den Mord ist Rita in übelster Verfassung. Das geht auch aus ihren Tagebüchern hervor, die Reski wiederholt zitiert. Gleichwohl schlägt Rita den Vorschlag aus, ihre Schwägerin und die kleine Vita Maria per Flugzeug zu einem Besuch bei Pieras Eltern in Sizilien zu begleiten, der vielleicht Ablenkung, Linderung gewährt. Rita läßt sich auch nicht umstimmen. Ihre neue Wohnung liegt im siebten Stock. Zwei Tage später – eine Woche nach Borsellinos Ende – stürzt sich Rita aus einem Fenster gleichfalls in den Tod.

Die ErmittlerInnen schließen jede »Fremdeinwirkung« aus (201). Sie hat sich umgebracht. »Jeder macht sich Vorwürfe«, schreibt Reski. Aber der krasse Schritt kam letztlich überraschend, weil Rita teils als lebenslustig, neugierig, frech, teils als abgebrüht galt. Sie sei keine normale 17jährige gewesen, meinte Piera zu Reski. »Sie verhielt sich wie eine reife Frau, wie eine 40jährige.« (227) Aber im Grunde habe sie sich wohl allein gefühlt. Der Tod von Borsellino dürfte ihr dann den Rest gegeben haben. An eine Zimmerwand ihrer neuen Wohnung hatte sie groß, mit Bleistift, geschrieben: »Ich liebe dich, verlaß mich nicht, aber ohne dich kann mein Herz nicht leben.« (200) Das kann sie ja kaum auf den Wehrpflichtigen in Albanien bezogen haben.

Die Mafia ist ein Männerbund, nichts für Weiber. Die Männer beherrschen alles. Das Sizilien des vergangenen Jahrhunderts steht und fällt mit der Männlichkeit. Piera versichert, Rita und ihr »großer« Bruder Nicola, auch schon ein richtiger Mafioso, seien »wie Verliebte« gewesen. Ihren Vater Vito verehrte sie kritiklos. Mütter-liche Geborgenheit erlebte sie nie. Aber Nicola und Vito waren verschwunden. Dann kam Borsellino. Er wird nun ihr Vertrauter. Ja, mehr noch, schreibt Reski: »Er füllt die Lücke in Ritas Leben. Er ist ihr Held ..(..).. Ein Übervater aus einer anderen, besseren Welt …« (162) Aber immerhin, durch Ritas Verzweiflungstat kam unter den Frauen Siziliens und des Festlands einiges in Bewegung. Für sie ist Rita jetzt die Heldin.

* Rita Atria – eine Frau gegen die Mafia, Hamburg 1994
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