Dienstag, 2. August 2022
Pesch im Pech

In seiner Hochzeit hütete Willi Pesch (1907–40) das Fuß-balltor von Fortuna Düsseldorf, die in der zeittypischen »Gauliga Niederrhein« und damit in der höchsten Klasse spielte. 1933 wurde er mit seinem Club Deutscher Meister, 1936 Vizemeister. Insofern müßte er also »objektiv« eine Zierde am Hakenkreuz gewesen sein. Das Subjektive, darunter sein Bildungsgang, scheint nirgends bekannt zu sein. Nun gut: er war verheiratet und hatte eine Tochter, wie mir das Düsseldorfer Stadtarchiv verrät. Frontsoldat war er offensichtlich nicht. Eigentlich schon zurückgetreten, sprang Pesch, inzwischen »Sportwart« in seinem Club, in der Saison 1939/40 noch einmal in die Bresche beziehungsweise zwischen die Pfosten, weil sein Nachfolger Willi Abromeit zur Wehrmacht eingezogen worden war. Diese Aushilfe endete jäh am Mittwoch dem 15. Mai 1940 am Düsseldorfer Worringer Platz. Das heißt, damals hieß er vorübergehend Horst-Wessel-Platz.

Am besagten Tag brachte es Pesch, erst 32, aus eher unsportlichen Gründen in die Zeitung.* Danach war kurz nach 15 Uhr ein Straßenbahnzug der Linie 14 die Ackerstraße hinuntergesaust. Da er die Kurve am Horst-Wessel-Platz ungebremst nahm, wurden vier Fahrgäste, die auf der Plattform standen, aufs Plaster geschleudert. Sogar die (senkrechte?) mittlere Haltestange sei weggeflogen. Vermutlich hätten die Bremsen versagt. Unter den Schwerverletzten habe sich auch der bekannte Torwächter der Fortuna befunden: Schädelbruch. Er starb noch am selben Tag im Krankenhaus. Weitere Namen werden nicht genannt.

Was geschah mit Peschs Gattin? Wir wissen es nicht. Maria Helene Pesch geb. Krall war zwar etwas älter als ihr Mann, doch auch sie starb bereits mit 36, nämlich im April 1942, also rund zwei Jahre nach Pesch. Aus Gram? Am Krieg? Von eigener Hand? Wir wissen es nicht. Sollte die Tochter noch leben, geht sie jetzt auf die 90 zu. Name bei mir. Vielleicht dringt ja mein Werk bis nach Düsseldorf vor und eine hellwache, noch nicht der angeblich furchtbaren Sommerhitze oder den genauso schlimmen Affenpocken erlegene Heimatforscherin krempelt die Ärmel auf. Am 28. Juli wars mir in meinem von Bäumen beschatteten Häuschen zu kühl – ich warf meinen treuen Ofen an. Er nimmt wahlweise Holz, Kohle oder getrockneten Kuhmist. Soll Putin der Schreckliche ruhig den Gashahn zudrehen!

Ich komme noch einmal auf den Düsseldorfer Unfallort zurück. Der junge aufstrebende SA-Sturmführer Horst Wessel (1907–30), aus monarchistisch gestimmtem Pfarrhause stammend, hatte sich mit seinen »braunen Bataillonen« um 1928 in die Straßen etlicher Berliner Arbeiterbezirke vorgewagt, schauten doch schon, »die Fahne hoch, aufs Hakenkreuz voll Hoffnung Millionen.« Leider erlebte er den einzigartigen Siegeszug der von ihm für ein schlichtes SA-Kampflied geschmiedeten Verse nicht mehr, denn sie wurden erst nach seinem »Heldentod« als Horst-Wessel-Lied zur Parteihymne der NSDAP erhoben. Dr. Joseph Goebbels war auf Draht gewesen: »Ein neuer Märtyrer für das Dritte Reich«, hatte er gleich nach Wessels Ableben (Februar 1930, im Krankenhaus) in seinem Tagebuch festgestellt.** So entstanden auch unverzüglich Lieder und andere Kunstwerke über Wessel selbst. Der 22jährige Sturmführer war eines Tages von der Gegenseite, nämlich einigen Leuten des kommunistischen Rotfrontkämpferbundes, in seiner Friedrichshainer Wohnung aufgesucht worden. Wie sie später beteuerten, hätten sie Wessel lediglich vermöbeln wollen, aber dann habe er mit der Hand in seine Tasche gegriffen, worauf »Ali« Höhler, von Hause aus ein »schwerer Junge«, sich gezwungen gesehen habe, auf Wessel zu schießen.

Wie auch immer die Details gelegen haben mögen, der Zwischenfall kostete 1935 dem wohl 30jährigen Frisör und Aushilfskellner Hans Ziegler und dem 28jährigen jüdischen Malergesellen Sally »Max« Epstein den Kopf, beide Kommunisten. Sie kamen nach einem erneuten Prozeß in dieser Sache, bei der sie »Schmiere gestanden« haben sollen, in Berlin-Plötzensee unters nun faschistisch befehligte Fallbeil. Sicherlich hatten die beteiligten Kommunisten Gründe genug für ihren Besuch bei Wessel gewußt, ihren 17jährigen Genossen Camillo Roß eingeschlossen, von dem es heißt, er sei am selben Januartag 1930 von anderen SA-Leuten angeschossen worden. Offiziell wies die KPD jede Verstrickung in den tödlichen Denkzettel-Akt gegen Wessel zurück. Vielmehr soll sie Gerüchte der Art gestreut haben, Wessel sei, wegen Mietsäumigkeit und Ärger mit anderen Hausbewohnern, in den Krieg zwischen zwei Zuhälterbanden geraten. Der damaligen Rolle des deutschen Kapitals und des sowjetischen Zentralkommitees eingedenk, könnte hier einer murmeln: So kann man es ausdrücken.

Doppeltes Pech hatte der erwähnte mutmaßliche Schütze Albrecht Höhler, ein gelernter Tischler. Er war zunächst, wegen Totschlags, »lediglich« für sechs Jahre ins Zuchthaus gewandert. Kaum saßen jene braunen Horden jedoch in den Regierungssesseln, wurde der 35jährige Häftling, im September 1933, nach einem Verhör erledigt. SA-Leute paßten ihn bei seiner Rückführung ins Zuchthaus Wohlau, Schlesien, nach Raubritterart ab und erschossen ihn. Sie sollen auf höhere Anweisung gehandelt haben.** Soweit ich weiß, wurde dieser dreiste Justizmord, wie viele andere, nach 1945 nie untersucht und geahndet.

* »Verkehrsunfall am Horst-Wessel-Platz«, Düsseldorfer Nachrichten, 16. Mai 1940
** Daniel Siemens, »Christussozialist im Straßenkampf«, Spiegel, 9. Oktober 2007: https://www.spiegel.de/geschichte/nazi-ikone-horst-wessel-a-948281.html

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