Dienstag, 2. August 2022
Baloghs letzter Zug

Seeler erlag verschiedenen Krankheiten, die wohl haupt-sächlich auf Unfälle und Stürze zurückgingen. Bei dem torgefährlichen »Halblinken« Fritz Balogh, geboren 1920, lag die Angelegenheit eher unähnlich. Er hatte seit Kriegsende beim Oberligisten VfL Neckarau gespielt, einem erfolgreichen Mannheimer Vorortclub. Mit eben diesem Verein am 14. Januar 1951 auf der Rückreise von einem Auswärtsspiel beim FC Bayern München, fiel (oder sprang) der 30jährige Stürmer aus unbekannten Gründen gegen 21.30 Uhr in der Nähe des Bahnhofs Nersingen (bei Ulm) aus dem fahrenden Zug und war vermutlich auf der Stelle tot. Nach einem Gedenkartikel* von 2011 hatte er einen Schädelbasisbruch erlitten. Man nahm zunächst einen Unfall an, doch niemand weiß Genaues: Baloghs buchstäblicher Fall ist, zumindest für Scheerer, bis heute ungeklärt.

Leider gibt der Artikel des Sportredakteurs keinen Hinweis auf die damalige Gemütsverfassung des 30jährigen. Balogh habe zuletzt mit seinen Kameraden im Speisewagen gesessen und diesen (vielleicht zum Austreten) verlassen. Als sie ihn bald darauf, beim Eintreffen in Ulm, vermißten, setzte die Bahnpolizei eine Suche in Gang und fand nur noch Baloghs Leiche neben den Gleisen, etwa 700 Meter vom Nersinger Bahnhof entfernt. So blieb es bei der be-kannten nichtssagenden Formel vom »tragischen Unfall«, über die, soweit ich sehe, auch die Mannheimer Lokal-presse zum Thema Balogh nie hinausgekommen ist.

Keine zwei Monate vor seinem Tod hatte Balogh die Ehre des ersten Länderspiels gehabt. Der kleingewachsene, aber enorm flinke und trickreiche, auch hübsche junge Fußballer, der in Neckerau mit Frau und Tochter lebte, war vor allem in Süddeutschland beliebt und gefeiert. Bundestrainer Sepp Herberger soll große Stücke auf ihn gehalten haben. Von daher kann Balogh kaum abgrundtief enttäuscht gewesen sein. In München hatte es allerdings, an jenem klirrend kalten Januartag, ein 3:5 gesetzt. Angenommen, Balogh hatte in München einen Elfer verschossen. Dann gab es im Speisewagen wahrscheinlich nicht viel zu lächeln.** Wäre das jedoch ein hinreichender Grund sich umzubringen? Diesbezüglich sollte man eher an Krankheit oder Familienunglück denken, ob das Herz oder den Geldbeutel betreffend. Nur schweigen Familien, nach allen Erfahrungen, in solchen Fällen wie ein Grab.

Was die polizeilichen Ermittlungen angeht, erwähnt Scheerer lediglich eine »pathologische Untersuchung«, nicht aber deren Ergebnis. Wer weiß, ob sich die Polizei zum Beispiel auch den Zug vornahm. Standen Fenster oder Türen offen? War eine Türverriegelung defekt? Gab es Zeugen? Selbst ein Mord ist ja nicht völlig ausgeschlossen. Möglicherweise hatte Balogh Feinde oder aber eine zufällige Begegnung im Zug, die zu einem handfesten Streit ausartete. Von alledem ist nirgends etwas zu hören. Sollten die Ermittlungen so schlampig erfolgt sein, wie zu befürchten steht, hätte der damals zuständige Staatsanwalt sicherlich keine Straße verdient.

1949 hatte Balogh, der hauptberufliche Fußballer, gemein-sam mit seiner Frau im Hauptbezirk seines sportlichen Wirkens ein Toto-Lotto-Geschäft eröffnet. Dieser Familienbetrieb kann eigentlich nicht hoch verschuldet gewesen sein, denn er überdauerte bis heute.*** Ende 1982 zog Baloghs Tochter die Hülle vom Straßenschild des soeben gekürten Baloghwegs, wie sich einem Foto aus einem Mannheimer Blatt entnehmen läßt. Dieser Weg stößt in Neckarau rechtwinklig auf den Rhein. Wer sich wegen der erbärmlichen Entwicklung im Profifußball ertränken wollte, brauchte nur in ihn einzubiegen und immer geradeaus zu gehen.

* Wolfgang Scheerer, »Das Rätsel um den Todessturz des National-stürmers«, Südwest Presse, 20. Januar 2011
** Porträtfoto bei 11 Freunde: https://11freunde.de/artikel/einer-flog-durch-neckarau/404401
*** Neckarau Almenhof Nachrichten vom 10. Juli 2009, Seite 10

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