Dienstag, 2. August 2022
Uwe trickst

In diesem Sommer ist der weltberühmte Fußballer Uwe Seeler gestorben. Mit 85 übetraf er seinen einstigen Kollegen und Busenfreund Klaus Stürmer um genau 50 Jahre. Ob diese Kluft und gewisse Mißhelligkeiten zwi-schen den Freunden in der Flut der Nachrufe aufscheinen, dürfte eher unwahrscheinlich sein.

Stürmer, ein gelernter Radiomechaniker aus Glinde bei Hamburg, geboren 1935, hieß meines Wissens wirklich Stürmer. Und dann wurde er eben auch einer – in seiner Hochzeit, wie Seeler, beim Hamburger SV. Nebenbei war er, in Glinde, auch noch Gastwirt. Als Spielmacher und Torjäger des HSV bildete er um 1960 mit Mittelstürmer Uwe Seeler ein gefürchtetes, bald legendäres Gespann auf deutschen Oberliga-Plätzen. Den beiden Freunden wurde allerorten das beliebte sprichwörtliche »blinde Verständnis« bescheinigt. Später, dem Ruf des Geldes folgend, im schweizer Fußball aktiv, erlag Klaus Stürmer (1971) als 35jähriger einer Krebserkrankung. Er hinterließ Thoby Stürmer, die Witwe, und Sohn Roger. Zu Stürmers Wesen kann ich leider nichts sagen, weil das Internet in dieser Hinsicht stumm wie ein Hering bleibt.

2014 enthüllte der nun verstorbene Freund auf dem Sport-gelände in Glinde eine Gedenktafel für Klaus Stürmer. Das klingt nach unverwüstlicher Treue. Ein jüngerer Artikel des Lehrers und Journalisten Tobias Romberg* läßt allerdings selbst auf diese märchenhafte Busenfreund-schaft Seeler–Stürmer einen Wermutstropfen aus dem bekannten Faß von Ruhm und Kohle fallen. 1960 trug der HSV das Finale um die Meisterschaft gegen den 1. FC Köln aus. Er gewann es knapp mit 3:2, weil Uwe Seeler noch kurz vor dem Abpfiff das Siegtor gelang – wie jedenfalls in allen offiziellen Annalen verzeichnet sei. In Wahrheit kam das Meistertor von Klaus Stürmer, wie Bilddokumente beweisen würden. Als Stürmer auf seinem Sterbelager hörte, Seeler rühme sich dieses Tores nach wie vor, habe er geweint. Romberg:

»Kurz vor Spielschluss erhält der HSV auf halblinker Position, Torentfernung etwas mehr als 25 Meter, einen Freistoß. Charly Dörfel hebt den Ball über die Mauer in den Strafraum. Etwa sechs Meter vor dem Tor springt Klaus Stürmer akrobatisch in die Luft und lupft den Ball über den herausgeeilten FC-Keeper. Der Ball fliegt aufs leere Tor zu. Dann kommt Uwe Seeler, weit und breit keine Abwehrspieler zu sehen. Kurz vor der Torlinie – oder vielleicht auch erst dahinter – schiebt Uns Uwe den Ball, der ohnehin ins Tor gegangen wäre, ein …«

* Tobias Romberg, »Die Straße des Stürmers und das verflixte 13. Tor«, hier am 25./26. Januar 2021 in der Osnabrücker Rundschau nachgedruckt: https://os-rundschau.de/sport/fussball/stuermer-stuermer-und-das-strassenschild/
°
°