Donnerstag, 14. Juli 2022
Trotz & Töne
2022


Meine größte musikalische Schwäche dürfte mein Gesang sein. Ich meine damit weniger meine technische Unbehol-fenheit beim Singen, vielmehr die Blässe meiner Gesangs-stimme. Sie ist zu farblos und zu dünn. Möglicherweise gilt das nur fürs Singen. Jedenfalls versicherten mir schon mehrere Leute unabhängig voneinander, an mir sei ein Rundfunk- oder Synchronsprecher verloren gegangen. Haben sie recht, wäre es nicht die einzige Chance, die ich verpaßt hätte. Hüten Sie sich vor einem Ehrgeiz, der mit Unschlüssigkeit gepaart ist. Er bringt es nie zu was.

Zurück zum Gesang. Ich könnte mich natürlich mit dem Gedanken trösten, andere kämen auch nicht unbedingt als John Lee Hooker auf die Welt. Bei uns zum Beispiel Kai Degenhardt oder Manfred Maurenbrecher. Von Manfred weiß ich, er liebte zu unserer gemeinsamen Trotz & Träume-Zeit Bob Dylan, Van Morrison, Randy Newman. Aber für mich sind auch diese weltberühmten Sänger nicht gerade umwerfend – es sei denn, weil man sich lieber die Ohren zuhält und dabei stolpert. Irgendwelche Götter pflanzten die Rio Reisers spärlich. Nebenbei brüllt Morrison oft, statt zu singen, und wenn er zuweilen den Fehler begeht, mit Hooker auf einer Bühne oder Platte zu singen, sollte man ihn wirklich zu Tarzan in den Urwald schicken.

Warum bestimmte Gesangs- oder Sprechstimmen auf den einen große Faszination ausüben, auf den anderen dagegen nicht, dürfte allerdings kaum zu enträtseln sein. Im Internet wird von Psychologen und Logopäden durchaus viel über einschüchternde (grollende) oder unangenehme (etwa piepsige) Stimmen gelabert. Sie verführten uns sogar häufig zu Rückschlüssen auf Erscheinung und Wesen des Sprechenden oder Singenden, falls er gerade unsichtbar sei. Aber das Rätsel selber – die unterschiedlichen Vor-lieben der HörerInnen – umschiffen sie, als stünden sie vor dem Loch Ness. Warum stehe ich, allein vom Höreindruck her, auf Jerry Garcia von Grateful Dead, John McCrea von Cake und Sven Regener von Element Of Crime, Sie dagegen nicht?

Die Erscheinung eines Gesangskünstlers spielt doch sowieso überhaupt keine Rolle. Hier sind wir nur Sklaven der postmodernen Verbilderungssucht. Der betörendste Tenor der Weimarer Republik, Ari Leschnikoff von den Comedian Harmonists, erinnerte mit seiner knorrigen Untersetztheit an einen bulgarischen Rebstock. Jerry Garcia wirkt auf der Bühne dicklich bis dümmlich; der vollbärtige John McCrea, Baseballmütze auf, könnte gerade vom Dreh eines typischen, ekelhaften US-Werbefilms für Hundefutter gekommen sein. Die entscheidende Erotik dieser nicht unbedingt filmreifen »Frontmänner« liegt in ihren eigentümlichen Stimmen.

Immerhin fällt mir jetzt eine Vorliebe auf, die der inzwischen knapp 60jährige Kalifornier McCrea mit Randy Newman teilt. Sie lassen die (englischen) Worte oft buchstäblich auf ihrer Zunge zergehen; sie lutschen und verspeisen sie wie Pralinen. Ich dagegen, so fürchte ich, pflege die Worte meiner Gesangstexte überwiegend lieblos auszustoßen wie Tropfen beim Niesen. Man achtet beim Singen gar nicht auf sie; nur auf die befreiende Wirkung des Atem- und Wasserschwalls kommt es einem an. Genau deshalb war ich auch immer auf der Querflöte so schlecht. Da hat man die Töne, mit Lippen und Zwerchfell, zu formen.
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