Donnerstag, 14. Juli 2022
Veteranyi, Aglaja

39 (1962–2002). Die vielseitige rumänisch-schweizer Künstlerin stammte aus einer Zirkusartistenfamilie, Mutter Akrobatin, Vater Clown. 1967 aus dem »kommu-nistischen« Rumänien geflohen, lebte Veteranyi seit 1977 mit ihrer Mutter in der Schweiz. Hier gelang es der faktischen Analphabetin, sich Deutsch beizubringen und eine Züricher Schauspielschule zu besuchen. Ab 1982 war sie sowohl als Schauspielerin wie als Schriftstellerin tätig. Sie unterrichtete auch Schauspiel. Doch als ihre wesentliche Überlebens-Waffe erwies sich das Schreiben. Zumal ihre autobiografisch geprägten Texte, in denen ihre schwere Kindheit und ihre Sprachheimatlosigkeit zum Ausdruck kamen, wurden gelobt und mit einigen Auszeichnungen bedacht. 1999 erregte sie bei einem Wettbewerb Aufsehen mit Auszügen aus ihrem »Roman« Warum das Kind in der Polenta kocht, der noch im selben Jahr bei einem Stuttgarter Verlag herauskam. 2001 geriet sie in eine »psychische Krise«, vielleicht auch »Psychose«, der sie offensichtlich nicht gewachsen war.

Während einige Quellen in unverschämter Allgemeinheit davon sprechen, Veteranyi habe »ihre Ängste« nicht mehr ausgehalten (hinter welchem Selbstmord stünden keine Ängste?), wird lediglich WDR-Redakteur Ludwig Metzger in einem Filmporträt von 2003 konkreter. Danach* erlebt das kleine Mädchen die Bukarester Zirkuswelt (»Staats-zirkus«!) keineswegs als romantisch, vielmehr rauh und hartherzig. Vom Betriebsklima einmal abgesehen, ist der Vater »ein finsterer Clown«, und die Mutter wird an ihren Haaren in die Zirkuskuppel gezogen, wo sie dann, aufgehängt, im Scheinwerferkegel kreist und dabei auch noch jongliert und so weiter. Das ist alles für viel Angst gut. Nach der Flucht und der Scheidung der Eltern wird es nicht unbedingt besser. Veteranyi bleibt bei der Mutter. In Spanien muß die Halbwüchsige als langhaarige, mehr oder weniger entblößte Varieté-Tänzerin auftreten. Ihr letzter Lebensgefährte N., der zunächst, in Zürich, nur ihr Schüler war, spricht im Hinblick auf die ganze Kindheit und Jugend seiner Geliebten nicht unzutreffend von »Mißbrauch«. Aber ihr Schicksal beeindrucke auch durch einen »exotischen« Zug, räumt er ein. Endlich in der Schweiz an die Schauspielschule gelangt, kommen Veteranyis verdammten Haare endlich ab. Seitdem ist die junge, gut gebaute Künstlerin im schelmischen (dunklen) Bubilook zu sehen. Einmal hat sie, nach 20 Jahren, auch ein Wiedersehen mit ihrem Vater, der beim Münchener Zirkus Roncalli auftritt. Sie sprechen sich aus und versöhnen sich nahezu. Bald darauf stirbt der finstere Clown. Zu spät.

Veteranyis »Psychose« setzt 2001 nach einer Sommerreise ins heimatliche Rumänien ein. Ohnehin heißer Boden, recherchiert sie dort auch noch über Friedhöfe, Totenkult und Klageweiber. N. meint, eine gewisse »Todessehn-sucht« seiner Gefährtin sei wohl unverkennbar gewesen. Jetzt »zerfällt ihr Gesicht«, statt des Herzens sitzt ihr »ein Loch« in der Brust, sie hat Angst zu ersticken, ihre Augen werden »trocken«. Wegen ihren Panikanfällen und sonstigen Qualen sucht sie zahlreiche Ärzte auf, von der Schulmedizin bis zum Wunderheiler. Mehrere sagen, ihre Beschwerden seien »psychosomatischer« Natur, sie liege mit sich selber in Unfrieden. Derweil scheint der Wahn zuzuschlagen. So hat sie unter anderem befürchtet blind zu werden, nimmt Salbe – und zuletzt läßt ihr Augenlicht in der Tat nach. KünstlerInnen verfügen meist über eine gute Einbildungskraft. Bei alledem schwindet auch Veteranyis Hoffnung; sie unternimmt erste Selbstmordversuche. Eine in Metzgers Dokumentation abgespielte Tonbandkasette, auf der sie von ihren Nöten spricht, ist erschütternd. In einer Februarnacht des folgenden Jahres stiehlt sich die 39jährige von der Seite ihres schlafenden Gefährten, klemmt einen Besen in die geöffnete Haustür und geht an einen nahen Steg am Zürichsee, auf dem die beiden schon oft saßen. Dort wird sie vormittags entdeckt, ertrunken im seichten Wasser liegend.

Da die Tänzerin durchaus schwimmen konnte, ist anzunehmen, sie trug Sorge dafür, rasch unterzugehen. So liest man beispielsweise von Entschlossenen, sich einen mit Steinen gefüllten Rucksack überzuziehen. Ob Drogen helfen, weiß ich nicht. In Veteranyis Fall hat vielleicht auch die Wassertemperatur »geholfen«. Sie beträgt im Zürich-see im Schnitt für den Monat Februar fünf Grad. Nun stelle man sich einmal die finstere Kälte vor, der sich diese verzweifelte Frau in jener Winternacht »anzuvertrauen« hatte!

Am Film wirkt auch Veteranyis Schwester mit, eine Zirkusartistin, die vermutlich denselben Vater hatte, eben jenen, für Veteranyi »finsteren Clown«. Die Schwester brachte sich nicht um. Ich nehme an, der Vater spielte die verhängnisvollste Rolle auf Veteranyis Weg in die »Psychose«. Von ihrem späteren, schweizer Werdegang her hatte sie eigentlich keinen »klassischen« Anlaß, sich zu ängstigen, mit ihrem Schicksal zu hadern, vor dem Leben zu flüchten. Es war ihr ja gewogen. Sie kam als Künstlerin gut an, hatte einen verständnisvollen Partner und Liebhaber, offenbar auch keine Geldsorgen. Zweifelte sie dennoch »an der Realität«, wie schon als Zirkuskind, dann eben wegen ihrer biografischen und genetischen Wurzeln – die sie offensichtlich anders als ihre Schwester erfährt und mitsichführt.

Durch eine merkwürdige Besessenheit des »finsteren Clowns«, auf seinen Urlaubsreisen mit Kind und Kegel kilometerweise (teure) »Super-8«-Schmalfilme zu drehen, wird er nicht gerade lichter. Er dreht überwiegend Horrorfilme, wo er zischende Schlangen zertreten und seine Töchter aus den Klauen dunkelhäutiger, sie entführenden »Buschmänner« retten muß. Möglicher-weise hatte Veteranyi auch jene »Todessehnsucht«, von der N. spricht, von ihrem Erzeuger – aus Angst vor ihm. Aber wer weiß das schon. Theoretisch käme ja auch N. selber als »Unhold« in Frage, obwohl er im Film sowohl tapfer wie souverän auftritt. KritikerInnen könnten Metzgers Film vorwerfen, zu einseitig vorzugehen, weil er keine (vergleichweise) unbefangenen Zeugen zu Wort kommen läßt und damit zum Beispiel auch nicht beleuchtet, wie glücklich oder unglücklich Veteranyi in ihrer letzten großen Liebschaft war.

Sollte N. kein Unhold gewesen sein, hatte er vermutlich viel auszuhalten, und das wahrscheinlich schon vor jenem Besuch rumänischer Friedhöfe. Ich habe den Verdacht, mit Veteranyi hätten wir im Grunde »nur« den klassischen unbefriedeten, jederzeit von Zerfall bedrohten Künstlertypus vor uns, der alle Mühe hat, sich für ein paar Jahre oder Jahrzehnte zusammenzuhalten. Das schlösse dann viel Widersprüchlichkeit und viel Schwanken ein. Es deutet sich auch auf der erwähnten Tonbandkasette an. Bleibt solch ein Mensch ungeliebt (erfolglos), leidet er; wird er aber geliebt und gefeiert, leidet er ebenfalls: an seinen Schuldgefühlen seiner Bevorzugung wegen. Prompt grämt er sich auch dann, wenn einer seine Bedrängnis zu teilen und zu lindern versucht: weil er diesem zur Last fällt. Und es stimmt ja leider auch. Die Anstrengung, die man mit solchen Menschen hat, ist so wenig eingebildet, wie es die »Schmerzen« sind, von denen Veteranyi auf dem Tonband spricht. Furchtbar. Aber vielleicht hat sie ja Frieden gefunden.

* Hier Himmel – Aglaja Veteranyi, rund 70 Minuten, erstmals im Oktober 2003 auf 3sat zu sehen
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