Donnerstag, 14. Juli 2022
Shub, Luca

(† 2001), das vierte, jüngste und letzte Kind des bekannten Pantomime-Clowns Peter Shub. Der Vierjährige hatte im Sommer 2001 im Innenhof-Restaurant des Alten Rathauses Hannover mit Familie Shub gespeist. Als er seine Pizza verdrückt hatte, stand er auf und ging zu einer offenbar recht großen und schweren Skulptur, die in der Nähe stand. Als er sie angefaßt habe, so der Vater später, sei sie umgekippt und habe den Jungen erschlagen. Die Skulptur sei nicht gesichert gewesen – was der aus den USA stammende Clown »für Deutschland erstaunlich« fand.*

Es ist genauso schwer, einen solchen krassen Vorfall nicht zu kommentieren wie ihn zu kommentieren. Aber vielleicht ist es auch überflüssig, ihn zu kommentieren. Shub, geboren 1957 in Pennsylvania, führe uns »mit winzigsten Details« vor, »wie Freude, Missgunst oder falsche Fährten entstehen«, lese ich bei Stuttgart Live in der Ankündigung eines erst im kommenden März stattfindenden Auftrittes. Ich fürchte fast, die riesige falsche Fährte, die mit Masken, Impfpässen und den entsprechenden Einlaßkontrollposten gepflastert ist, wird von Shub lieber ausgespart. Immerhin liegt ein gewisser Trost darin, daß heutzutage überhaupt noch Komiker-Innen auftreten dürfen. Zwar hatte eine jüngere Phase der Postmoderne um 1990 als »Spaßgesellschaft« von sich Reden gemacht, aber das ist 30 Jahre her. Es ist vorbei. Heute wird im Gegenteil alles unternommen, um den zweibeinigen Bewohnern dieses Planeten das Kichern, Lachen und Tanzen auszutreiben. Man möchte nur noch vor Angst schlotternde, mißgünstige, bösartige Schafs-köpfe. Allerdings lassen sich das noch nicht alle gefallen, wie etwa Danser Encore zeigt, ein mitteleuropäisches Flashmobstück von 2020/21.**

Mich hat leider noch niemals einer als Komiker gelobt oder auch nur bezeichnet. Vielleicht steht dem meine Vorliebe für die Humor-Unterabteilung »Sarkasmus« entgegen. Von dieser Vorliebe wußten Sie gar nichts? Na, dann erlaube ich mir einmal ein Beispiel aus meinen Miniaturen Vor der Natur anzuführen, das einmal Maximilian Zander hervorstrich. »Vorausgesetzt, in jedem Gewitter offenbare sich Gottes Allmacht«, heißt es im Stück Lichtenberg, »wären die Blitzableiter, die wir auf unseren Kirchen anbringen, ein Ausdruck göttlicher Selbstironie.« Dieser Gedankenblitz dünkte Zander »noch tiefer und sarkastischer als Lichtenbergs Funke«, auf den mein Miniaturtitel anspielt. Spricht Brockhaus bei Sarkasmus von bitterem Hohn und beißendem (verletzendem) Spott, verschweigt er wohlweislich, daß der von mir vertretene Sarkasmus zwar öfter Gott oder den Papst, nie dagegen Genossen trifft. Er setzt nie ein armes Schwein herab, sitzt es doch sowieso schon in der Scheiße. So etwas lieben nur die ZynikerInnen in »rotgrünen« Parteivorständen oder bei Bild, Spiegel, taz. Der Sarkasmus greift immer (selbsternannte) Götter an.

Gewiß können sich solche auch hinter Genossenlarven verstecken. Um Mitternacht bekommt Victor Serge Besuch von der GPU – Hausdurchsuchung. Bei seinen Leninübersetzungen stutzen die Leute. »Beschlagnahmen Sie die auch?« fragte ich ironisch. »Machen Sie keine Witze«, erwiderte der eine, »auch wir sind Leninisten.« Vortrefflich; wir Leninisten waren unter uns.

Ich vermute weiter, beim Sarkasmus müsse stets der Tod als der schrecklichste Gott im Spiel sein. Daher die Nähe zum Galgenhumor. 1984 verübte die IRA einen Bomben-anschlag auf das Parteitagshotel der britischen Konserva-tiven in Brighton. Industrieminister Norman Tebbit kam schwerverletzt ins Krankenhaus. Vor der Narkose nach Allergien befragt, erwiderte Tebitt: »Bomben.«

* »Scheitern ist verpönt«, Hinz & Kunzt (Hamburg), 21. Februar 2016: https://www.hinzundkunzt.de/scheitern-ist-verpoent/
** Danser Encore in Berlin

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