Donnerstag, 14. Juli 2022
Otto, Hans

33 (1900–33). Der frühere Mitschüler Erich Kästners, in Dresden, wurde Theaterschauspieler und 1924 außerdem Mitglied der KPD. Er gefiel besonders in Rollen jugendlicher Helden und Liebhaber. Ende Januar 1933 stand er am Berliner Staatstheater bei der Premiere von Faust II noch an der Seite von Gustaf Gründgens und Werner Kauß. Im Februar 1933 hatte der »künstlerisch überragende Schauspieler« (Ulrich Liebe, NDB 19–1999) die Kündigung im Briefkasten. Statt nach Wien zu gehen, wie von Max Reinhardt empfohlen, tauchte er bald darauf zwecks Widerstandsarbeit unter, doch schon im November des Jahres ging er der Berliner SA in die Fänge. Wahrscheinlich stieß man den 33jährigen, nach einigen Folterungen, im 3. Stock der SA-Kaserne in der Voßstraße aus dem Fenster. Er starb erst im Krankenhaus, was vermutlich den Recherchen seines Mithäftlings Werner Hinze zugute kam, der nach dem Krieg von Ottos Ende berichtet haben soll. Die Behörden hatten den Vorfall selbstverständlich als Selbstmord vermeldet. Das 1952 in Potsdam eröffnete Hans Otto Theater überdauerte die »Wende«; 2006 bekam es sogar einen Neubau am Tiefen See.

Mit der Frage, ob eine salonfähige Schauspielkunst zur Steigerung menschlicher Glückseligkeit unerläßlich sei, wird man sich ja hoffentlich nicht Ottos Zorn zuziehen. Aber den meiner süddeutschen Freundin L. . Sie rennt mindestens zweimal wöchentlich ins Theater. Hat sie im Sommer öfter schlechte Laune, sind die Theaterferien schuld. Ihre Schaulust mag verständlich sein, denn in ihrer Wohnung hat sie den Wolkenkratzer einer Bank vor der Nase, während sie sich das Fernsehen als Reminiszenz an Adorno-Vorlesungen nicht gestatten kann. Ohnehin eigne Bühnen eine ganz andere Präsenz, behauptet sie. Wenn sie dürfte, würde sie ihre Wohnung sofort mit einem Zelt im Orchestergraben vertauschen. In ihrer Besessenheit ähnelt sie dem jungen Carl Zuckmayer im Schützengraben des Ersten Weltkrieges. Jede feuerfreie Minute nutzt er zum Verschlingen von Romanen der Weltliteratur – später bekennt er jedoch, am liebsten hätte er sie alle gleich dramatisiert.

Merkwürdigerweise ergeht es mir genau umgekehrt. Habe ich mich gelegentlich durch Dramen zu quälen, drängt es mich jedesmal zu deren Episierung. In Konkurrenz zum Gendarm Adam wirbt der vom Volk verehrte gute Räuber Schinderhannes (1927) um die Bänkelsängerin Julchen Blasius. Er gewinnt sie. Leider rückt ihm zunehmend auch das Militär auf die Pelle. Jetzt hat er die Nase voll und gedenkt im Hunsrück groß und gewaltsam aufzuräumen, doch Julchen ist dagegen und verläßt ihn. Die Bande des Schinderhannes wird geschlagen. Auf der Flucht kommt es zwar zur Wiedervereinigung mit der Bänkelsängerin, die inzwischen ein Kind gebar, doch auch zum Verrat. Dem gestellten und zum Tode verurteilten Volkshelden wird im Mainzer Gefangenenturm eine letzte Liebesnacht mit Julchen gewährt. Im Vertrauen, der Sprößling wird's schon richten, klettert er erhobenen Hauptes zum Scharfrichter aufs Podium. Die Hinrichtung ist das übliche Spectaculum. In dieser Hinsicht erlaube ich mir ein Detail, das meine Episierung ungebührlich verlängern wird. Während die Massen zum Podium strömen, gibt es Streit in einer schaulustigen Kleinbürgerfamilie. Mann und Frau werfen sich gegenseitig vor, sie hätten »die Butterbröter« zu Hause vergessen. Der Mann ist wütend, weil er der Hinrichtung nun ohne Butterbrotverzehr beiwohnen muß. Ähnliche Dramen dürften sich abspielen, wenn bei den Fernsehberichten von den Kriegsschauplätzen Bier und Pizza fehlen.

Man stelle sich vor: um uns die eben von mir gegebene 15-Zeilen-Geschichte mitzuteilen, mußte Zuckmayer einen ganzen Theaterabend verpulvern! Die Leute durch Handlungsarmut darben lassen und auch noch totreden – wahrlich ein starkes Stück. Sind uns beim Lesen jener 15 Zeilen alle in der Realität unvermeidlichen Anbahnungen nicht sowieso sonnenklar? Eben, weil wir sie als Muster, nicht als aufgewirbelten Staub, längst in uns tragen? Und weil uns an Nüssen der Kern ungleich mehr interessiert als die beträchtlich größere Oberfläche der Schale? Noch kürzer auf den Punkt gebracht: Theater ist 1. Umstands-krämerei, 2. Flüchtigkeit, 3. Anbiederung, nämlich an das Reale oder Leibhaftige.

Literatur ist etwas anderes. Sie hat geschriebener dichter Text zu sein und gefälligst auch zu bleiben. Durch Drama-tisierung, Verfilmung, Vertonung kann sie nur eingeengt, ja geschändet werden. Warum einen Bühnenplunder ser-vieren, der uns ohnehin Tag und Nacht in Schlafzimmern, Straßenbahnen, Büros, Parlamenten oder anarchistischen Kommunen zugemutet wird?

Literatur ist Ernst Kreuders Schwebender Weg. Sie ist jenes Theater, mit dem Richard Wagner selbstverständlich nur kokettierte, als er seufzte, nach dem unsichtbaren Orchester (verborgen im »Orchestergraben«) gedenke er nun das unsichtbare Theater zu erfinden.
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