Donnerstag, 14. Juli 2022
Foulspiel Suker

Aus Zeder Zamir, 2012. Das beste Pferd im Stall des führenden Zamirer Snookerclubs ist Liubina Suker, genannt »das Messer«. Allerdings steht die rothaarige ehemalige Friseuse, inzwischen grüne Politikerin, plötzlich unter Mordverdacht. Deshalb wird sie von Kriminalkommissar Danilo Matavulj beim Training beobachtet.


Aber als ich aus der Toilette trat, war sie unverändert mit ihren Übungen beschäftigt. Ich nahm wieder an der Bar Platz und bat Zamirsteigtauf um ein Mineralwasser und einen Pastis. Er mied meinen Blick. Offensichtlich war ihm die dicke Luft zwischen mir und seinem As nicht entgangen. Ich fragte mich fieberhaft, wie ich mich jetzt am besten – am besten für die Ermittlungen! – aus der Affäre zöge. Sollte ich mein Unternehmen »Observierung« vielleicht abblasen und kurzerhand verschwinden? Oder gerade umgekehrt um einen Polizeiwagen bitten, damit ich bei der Observierung mobiler wäre? Gleichzeitig fragte ich mich, von welchen Erwägungen jetzt Suker durchzuckt würde, denn davon hing ja wiederum meine Taktik ab. Wie sehr hatte sie meine Enthüllung, ihren vermutlichen Anmarsch- und Fluchtweg über die rückwärtige Hinterhof-mauer betreffend, überhaupt beeindruckt? Vielleicht war sie, viel schlichter, einfach nur auf mich persönlich wütend, weil ich nicht Wachs in ihren Händen war?

Die Entscheidung wurde mir von Branko Vlasic erlassen: er betrat den Salon. Der Kleiderschrank trug eine braune Weste zum zitronengelben kurzärmligen Hemd und war wieder glänzend frisiert. Als er zum Tresen kam, bedachte er mich allerdings mit einem ähnlich begeisterten Blick, wie ich ihn bereits an Zamirsteigtauf festgestellt hatte. Es fehlte nicht viel, und er hätte wieder kehrtgemacht. Aber er ließ sich sein Queue geben und ging zu Tisch vier.

Seine Geliebte begrüßte ihn nur durch ein Nicken. Sie bauten die Kugeln auf und spielten. Und ich sah zu.

Nach einigen Spielzügen sagte ich mir zerknirscht, jetzt sei ich so klug wie zuvor. Alle Fragen, die ich mir gestellt hatte, hingen noch im Raum. Aber auch jene »dicke Luft« hing noch im Raum. Vlasic verpaßte eine Stellung auf Schwarz – und plötzlich fauchte Suker, sowas haue man doch mit Unterschnitt rein! Sie meinte natürlich die vorausgegangene Rote. Vlasic widersprach ihr jedoch maulend. Daraus entspann sich binnen von Sekunden ein Wortgefecht, das den halben Salon aufhorchen ließ. Suker beschimpfte Vlasic als trübe Tasse, Vlasic verbat sich ihren Schwiegermutterton, Suker fluchte, er wälze ja die Verantwortung nur zu gern auf die Frauen ab, Vlasic schleuderte die Weiße auf den Teppichboden und nannte Suker eine rothaarige Zimtzicke, was sie mit der gellenden Feststellung vergalt, er sei ein Lämmerschwanz!

Vlasic zuckte zusammen, warf sein Queue beiseite, trat die auf dem Boden liegende Weiße mit der Schuhspitze unter den Nachbartisch und ging bedrohlich langsam auf Suker zu. Seine Arme hingen herab. Die Finger seiner Hände kneteten sich.

»Was hast du da gesagt ..?«

»Ein Lämmerschwanz!« wiederholte sie schreiend. »Ein Lämmerschwanz!«

Da ihr Queue an der Fußbande lag, griff sie in ihrer Raserei in die Ablage an der Kopfbande, zerrte die »Brücke« hervor, umfaßte den Stiel dieses Hilfsgerätes mit beiden Händen, holte aus und hieb ihm dessen Kopf aus Metall mit aller Kraft ins Gesicht.

Verdammt, dachte ich und sprang von meinem Hocker, das war zu viel! Während sich Suker sofort mit merkwürdig festem Schritt zum Ausgang wandte und Vlasic vor Schmerzen wimmerte und rücklings gegen die Bande eines Nachbartisches sank, rannte ich durch die Reihen der Tische und der überwiegend gelähmten Leute hinter Suker her und rief:

»Bleiben Sie stehen!«

Sie hielt tatsächlich inne, griff unvermutet zu einem Tablett mit Snookerkugeln, das gerade neben ihr auf einem Tisch stand, drehte sich um, brüllte Du Drecksbulle und warf mir das gefüllte Tablett mit Wucht in die Fresse, um es einmal unverblümt zu sagen.

Immerhin konnte ich einen Teil der Kugeln und der Tablettkanten abdämpfen, weil ich instinktiv die Arme hoch gerissen hatte. Der Rest brachte meinen Schädel zum Dröhnen und meine Füße ins Straucheln. Aber nun war ich natürlich ebenfalls wütend. Ich fing mich und erreichte die aufstehende Salontür.

Suker hatte bereits die Freitreppe hinter sich gebracht und flitzte auf die Nachbarhäuser zu, um sich darin irgendwie dünne zu machen. Auf dem Vorplatz hätte sie schließlich nicht die geringste Deckung gehabt, und auf der Hauptstraße wäre sie in die Autos gerannt. Ich brüllte erneut »Bleiben Sie stehen!«, fügte aber dieses Mal hinzu: »Ich bin bewaffnet!«

Natürlich hustete sie mir etwas. Ich zog meine Pistole, kniete mich vor die seitliche Brüstung der Treppe, stützte beide Hände auf den Steinen auf und bemühte mich, auf ihre Beine zu zielen, bevor ich abdrückte.

Sie kippte kurz vor dem Eingang des nächsten Hauses gegen den Vorgartenzaun und versuchte sich an den Eisenstäben festzuhalten, während sie auf den Bürgersteig glitt.

Ich erhob mich, wischte mir etwas Blut von den Augen und wandte mich zur Tür. Das erste, was ich sah, waren die Blümchen auf Zamirsteigtaufs gewölbter Weste. Ich sagte:

»Sofort den Krankenwagen, bitte!«

Die Weste verschwand, dafür drängten sich andere Leute in die Tür.

Ich drehte mich wieder um und stieg die Treppe so zügig hinunter, wie es meine Benommenheit zuließ. Ich mußte nach meinem Opfer sehen.
°
°