Mittwoch, 13. Juli 2022
Blüher, Peter

32 (1941–74), DDR-Fußballspieler. Ende Mai 1974 schlitzt Heidrun Blüher in Ostberlin-Friedrichshain, Lichtenberger Straße, einen Brief von der Kreisvolkspolizei in Lübben (Spreewald) auf. Sie zieht das Anschreiben sowie eine Telefonrechnung, zwei unausgefüllte Scheckformulare und einen Zahlungsabschnitt der Staatlichen Versicherung über 263 Mark hervor. Gezahlt oder nicht? Wofür? Etwa für den Wagen? Dies alles wird aus meinen Unterlagen nicht klar. So oder so dürfte sich die Witwe aber ziemlich bitter gesagt haben: Die nützt ihm jetzt nichts mehr, die Versicherung … Und dann hat sie vielleicht wieder geweint. Die Papiere hatte man im Wagen ihres 32 Jahre alten Mannes Peter gefunden, nachdem er in oder bei Lübben verunglückt und im dortigen Krankenhaus gestorben war. Er hatte auch seinen Personalausweis bei sich. Nur nicht sie, die Gattin.

Laut Totenschein tat der diplomierte Physiker und ehemalige Berufsfußballer Peter Blüher seinen letzten Atemzug am 18. Mai um 3 Uhr 15 in der Frühe. Vielleicht machte sich vor dem Krankenhausfenster gerade die erste Amsel singbereit. Der dunkelhaarige Pechvogel im Bett hatte unter anderem einen Schädelbruch erlitten. Von seiner stattlichen Torwart-Größe, 1,85, war möglicherweise nicht mehr viel übrig. Blüher, Sohn eines Landwirts und Müllers und einer Kontoristin, hatte seine ersten Meriten als jugendlicher »Balltöter« in seiner Heimatstadt Finsterwalde errungen, Bezirk Cottbus. 1961 wurde der kaum 20jährige vom SC Motor Jena verpflichtet. Ende 1965 schien er es »geschafft« zu haben, rief ihn doch kein Geringerer als der 1. FC Union Berlin, immerhin ein Hauptstadtclub, der 1968 sogar das DDR-Pokal-Finale gewann. Da lief Torwart Blüher freilich schon nicht mehr auf, wie von Dr. Hanns Leske zu erfahren ist. Zwar habe der Zugang aus Jena großen Anteil am ersten Oberliga-aufstieg der Union gehabt, doch bereits nach einer Spielzeit habe ihm Rainer Ignaczak »den Rang abgelaufen«. Leske gilt als »Sporthistoriker«. Am Schluß seines großformatigen Prunkbandes über DDR-Fußballtorhüter* (der mich antiquarisch, mit Porto, 22 Euro gekostet hat) sind wir vielleicht von Leskes knapp dreiseitigem Literatur- und Quellenverzeichnis beeindruckt – nachdem wir in seinem Eintrag zu Blüher nicht einen Einzelnachweis entdeckt haben, schon gar nicht zu dessen ortlosem angeblichem »Motorradunfall«.

Im Internet wird wahlweise auch von Blühers Verkehrsunfall gesprochen. Ein Ort, sowohl des Unfalls wie des Sterbens, wird nirgends genannt. Das gilt selbst für das beliebte DDR-Wochenblatt Die neue Fußballwoche. Die fuwo, wie sie oft nur genannt wird, ist sogar kaltblütig und höhnisch genug, in ihrer schwarz eingerahmten, verdammt kurzen, jedoch mit Porträtfoto illustrierten Todesmeldung** das genaue Datum des Unfalls oder Sterbens zu verschweigen. Dafür erfahren wir, nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn habe sich der Diplom-Physiker bei der Union als Übungsleiter im Nachwuchsbereich betätigt. Wo er vielleicht ansonsten erwerbstätig war, erfahren wir nicht. Auch seine familären Verhältnisse werden nirgends angedeutet. Hier könnte die Botschaft lauten: Machen Sie sich keine Sorgen, liebe LeserInnen, er fehlt keinem.

Wie unter Umständen nicht jeder weiß, waren die Fußballhelden des ostdeutschen Sozialismus nur dem Schein nach Amateure. Faktisch wurden sie, zumal in der Oberliga, von staatlichen Betrieben, zuweilen auch Behörden ausgehalten. Ich glaube, die Recken des SED-Vorzeigeclubs Dynamo Berlin wurden unmittelbar von Erich Mielkes MfS, dem »Ministerium für Staatssicher-heit«, bezahlt. Sonderprämien, ob in Gestalt einer Waschmaschine oder einer Wohnung, waren gang und gäbe. Übrigens hatte diese Entwicklung just um 1960 in Jena eingesetzt***, als Blüher zu Motor ging. Ihr verdankte er vermutlich auch sein Auto. Die DDR war eben eine Leistungsgesellschaft, da mußte sie sich auch Unfallwagen leisten. Genauer war sie ein Papagei. Sie äffte als solcher getreulich alles nach, was es auf der einen Seite in Moskau und auf der anderen in Düsseldorf zu erspähen gab, etwa Autos, Rennboote, Fernsehgeräte und nuklear betriebene Armbanduhren. Über diese peinliche Nachäffung des Westens kann man sich gar nicht genug aufregen. Und nun wohne ich auch noch im Osten. Allerdings blieb man hier immer deutlich hinter dem Niveau der westlichen Bestechung zurück – und dabei ist es auch geblieben. Damals begingen viele DDR-Sportler eben aus dem Grund der Verlockung »Republikflucht«. Zwischen 1950 und 1989 soll diese, im ganzen, über 600 Spitzensportlern gelungen sein.

Ob sich Blüher je oder gar zuletzt mit solchen systemfeindlichen Fluchtgedanken trug, kann ich natürlich nicht wissen. Es ist jedoch eher unwahrscheinlich. In einer schmalen 1979 »abgelegten« Blüher-Akte****, die mir, auf Antrag, die Berliner Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) übermittelte, wird sogar hervorgehoben, der Fußballer habe, in seiner aktiven Zeit, häufig im Ausland, auch im »kapitalistischen«, zu tun gehabt – und dies offensichtlich nicht dazu genutzt, sich abzusetzen. Dann war er bei der Union ausgemustert worden und für den »Leistungssport« sowieso zu alt. Wie sich (für einen autoritär gestimmten Staat) versteht, war Blüher wiederholt vom MfS »überprüft« worden. Anhaltspunkte dafür, es habe Versuche gegeben, ihn fürs Ausspionieren zu werben, kann ich in der Akte nicht entdecken.

Nach verschiedenen Dokumenten, darunter zuletzt die Todesanzeige des Lübbener Krankenhauses, war der Diplom-Physiker bei der »IPH-Berlin« erwerbstätig. Möglicherweise war das bereits seit Jahren sein »Trägerbetrieb«, sein Sponsor also. Hinter dem Kürzel verbirgt sich, falls ich nicht irre, das Institut Prüffeld für elektrische-Hochleistungstechnik. Man könnte argwöhnen, Blüher sei vielleicht West-Spion gewesen und nun, im Mai 1974, auf dem Weg in die Schweiz gewesen. Da Lübben ungefähr auf halbem Wege zwischen Berlin und Finsterwalde liegt, glaube ich aber eher, er war zu seinem Heimatstädtchen unterwegs, oder umgekehrt, von diesem aus zurück zur Frau. In der Akte des MfS wird Peter Blüher als intelligenter, umgänglicher, wenn auch eher unpolitischer Mensch beschrieben. Er sei im Privat- und Familienleben aufgegangen. Man zähle ihn »zu den Bürgern unseres Staates, die wenig Schwierigkeiten bereiten«, so jedenfalls im Dezember 1965. Trifft das Urteil zu, hätten wahrscheinlich auch unsere jüngsten Berliner Panikregierungen ihre Freude an ihm gehabt. Nebenbei wäre Blüher im harmlosen Falle nicht nur zu seiner Frau, sondern auch zu zwei Kindern zurückgekehrt. Die werden in der erwähnten Todesanzeige des Krankenhauses angeführt, wenn auch ohne Namen. Heidrun Blüher, geboren 1942, war nur geringfügig jünger als ihr Mann. Die Ehe wurde 1962 geschlossen. Das war recht früh, würde ich sagen. Es war kurz nach Blühers Einstieg bei Motor Jena.

Dies alles – was sich nicht im Internet oder bei Herrn Dr. Leske fand – habe ich in Monaten mühsam zusammen getragen. Aber im Grunde ist es nur ein Klacks. Das Wesentliche fehlt noch immer. Und selbst der Unfallhergang ist eher undurchsichtig, wie ich finde. Das einzige dazu steht im Totenschein. Blüher sei mit einem Pkw von der Straße abgekommen und gegen einen Telefonmasten geprallt. Dadurch u.a. Schädelbruch, wie schon erwähnt. Keine Autopsie angeordnet. Gez. Oberärztin M. Ionascu. Von weiteren Betroffenen ist nicht die Rede. Auch die Möglichkeit, Blüher habe den (in der DDR am Fuß meist einbetonierten) Telefonmasten mit Absicht aufs Korn genommen, wird mit keinem Komma angedeutet. Es war eben ein Unfall. Warum hätte er sich auch umbringen sollen? Wegen der längst zu dicken Luft zu Hause? Wegen der 263 Mark? Wegen der alten Abfuhr bei Union – oder wegen der neuen auswärtigen Geliebten, die sich leider schon wieder sträubte? Alles Unfug.

Gewiß ließe sich die Wahrscheinlichkeit eingrenzen, wenn man wüßte, wer und wie die Person Blüher war. Aber gerade damit liegt es ebenfalls im Argen. »Sporthistoriker« Leske bringt es noch nicht einmal fertig, ein paar fußballerische Eigenarten / Schwächen / Stärken des Torhüters anzuführen. Zu seinem Charakter sagt er null. Ich fürchte, die Mutter des ganzen Werkes über die Magneten ist nicht gerade die Sorgfalt gewesen.

* Magneten für Lederbälle von 2014
** Nr. 22 vom 28. Mai 1974, S. 14
*** Michael Kummer, »Wir hießen eben Amateure«, Neues Deutsch-land, 2. Oktober 2015: https://www.nd-aktuell.de/artikel/986447.wir-hiessen-eben-amateure.html
**** MfS Allg. P. 3847 / 79, jetzt wohl im Bundesarchiv
→ Siehe auch Fußballtorwart Enke (Selbstmord) in Heft 4

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