Mittwoch, 13. Juli 2022
Steenken, Hartwig

36 (1941–78), erfolgreicher niedersächsischer Springreiter, der 1974 aus dem englischen Hickstead den Weltmeister-titel im Einzel (auf Simona) mit nach Hause nahm. Vielleicht meint so mancher, gegen die Traber und Galopper seien die Springreiter Weicheier. Ich greife damit noch einmal kurz das Thema des Geschwindigkeitswahns und meines Eintrags zum Freund des Pferderennens Gottlieb von >Biel auf. Gewiß ist der Springreiter zunächst besser daran, weil er nur darauf zu achten hat, beim Bewältigen des Parcours, wie das Schlachtfeld hier heißt, unter der erlaubten Höchstzeit zu bleiben. Er kann sich also auf die Hindernisse konzentrieren, um Abwürfe (von Stangen und von ihm selbst) zu vermeiden. Können allerdings mehrere ReiterInnen mit »Nullfehlerritten« glänzen (keine Abwürfe, keine Verweigerungen, keine Zeitüberschreitung), wird ein sogenanntes Stechen ausgetragen. Bei diesem geht es, im verkürzten Parcours, noch halsbrecherischer zu, weil nun, bei allen fehlerlosen Ritten, die Durchgangszeit über die Plazierung entschei-det. Hier muß er auf die Tube drücken, daß es kracht.

Im Grunde ist es natürlich immer wieder erstaunlich. Seit Jahrtausenden finden sich jede Menge des Reitens, Rennens, Schwimmens kundige ZweibeinerInnen, denen es eine besondere Genugtuung bereitet, eine schwierige Aufgabe ein paar Sekunden schneller als ein anderer Mensch zu bewältigen – und sei es, sie brächen sich, wie erwähnt, den Hals, worauf ja in der Tat nicht wenige ZuschauerInnen lauern. Vielleicht liegt das an den tiefen Wurzeln des Geschwindigkeitswahns. Mag er auch nicht aus der Altsteinzeit stammen, dann doch zumindest aus jedem Ehebett. Beobachten Sie einmal kleine Kinder. Kaum können sie sich auf ihren krummen Beinen halten, sind sie auch schon auf die Feststellung erpicht, wer zuerst bis zum Gartentor gerannt ist. Dann kommen die Fahrrad-, dann die Ponyrennen. Nun fragen Sie einmal die Rosen im Garten oder selbst die seltenen Türkenbund-lilien, die man etwa (nördlich von Eisenach) im Wald Hainich trifft, was sie von dieser Abstrampelei halten. Da schütteln sie nur ihre durchaus feurigen Köpfe. Sie dächten noch nicht einmal im Traum daran, sich für eine »Plazierung« auch nur ein Bein auszureißen.

Damit zu Steenken zurück. Man glaube nicht, er sei zuletzt vom Pferd gefallen. Neben Pferden liebte er das Fußballspiel. Auch das Autofahren verschmähte er nicht. Er war 36, als er am 12. Juli 1977 nach dem freizeitmäßig betriebenen Fußballtraining in der schweren Limousine eines Freundes mitfuhr. Der Freund steuerte. Es war schon Nacht. In Kaltenweide, keine Viertelstunde von Steenkes Hof in Mellendorf entfernt (bei Hannover), fuhr der Freund aus überall ungenannten Gründen gegen eine Mauer. Steenken erlitt schwere Kopfverletzungen, an denen er ein halbes Jahre darauf, im Koma liegend, starb. Da hatte er nichts mehr von dem ersten Profivertrag eines deutschen Springreiters, den er am 1. Juli 1977 unterschrieben hatte. Er wäre hinfort für den Mailänder Getränkehersteller Campari gesprungen.* Den haben dann die Kameraden und Angehörigen getrunken, vor Schreck.

Ich sprach von einer »Verweigerung«. Sieht der Tribünengast die schäumenden und furzenden Gäule auffällig oft vor Hindernissen bocken, sollte er sich mit dem Gedanken beruhigen, als Pferd täte das vermutlich auch er. Das Pferdeskelett sei von Natur aus weder für das Reitergewicht noch für größere Sprünge noch gar für beides zusammen vorgesehen, schreibt Gerhard Kapitzke in seinem Buch Das Pferd von A bis Z von 1993. Wie Versuche von Verhaltensforschern belegten, sei das Springen dem Pferd zuwider. Wenn das »Sportinstru-ment« Pferd inzwischen veranlaßt werden könne, über zwei Meter hohe Hindernisse im Parcours zu überwinden, sei dies kein Gegenargument. »Durch systematische Zuchtwahl, kontinuierliche Ausbildung und vor allem durch die Angst vor dem 'Raubtier auf dem Rücken' werden Springwunder produziert, die dem Zwang gehorchend das Verlangte tun.«

Manche Pferde sind sogar schon so weit, sich Scheuklap-pen und Atemschutzmasken anlegen zu lassen.

* Dieter Ludwig, »Heute wäre Hartwig Steenken …«, Ludwigs Pferdewelten, 23. Juli 2010: http://www.ludwigs-pferdewelten.de/index.php?option=com_content&view=article&id=846:heute-waere-hartwig-steenken-69-jahre-alt-geworden&catid=7:magazin&Itemid=20
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