Mittwoch, 13. Juli 2022
Kuhlotterie
2000


Der Zufall lenkt meine Wanderschuhe zum Sportplatz der TSG Hinterschwänzingen. Laute Blechmusik lockte mich an. Wie ich sehe, feiert der glorreiche Spielmannszug des Sportvereins sein 75jähriges Bestehen. Aber was im Augenblick gespielt wird, ist mir nicht ganz klar.

Soweit sie nicht dem Bratwurst- und Bierstand oder umliegenden Gebüschen zustreben, umlagern die Musikanten und ihre zahlreichen Gäste ein Spielfeld von doppelter Tennisplatzgröße, das mit Stäben und rotweiß schraffiertem Plastikband abgesteckt worden ist. Die Leute schmatzen, schwatzen, lachen, trinken sich zu, haben freilich stets ein Auge auf die Kuh. Diese strahlt wenig Begeisterung aus. Stakt sie ein paar Schritte, um den dürftigen Sportplatzrasen zu untersuchen, wirkt sie umso verstörter, wenn sie dann wieder ins Publikum äugt.

Wie mir freundlicherweise ein schon grauhaariger Einheimischer mit Goldenem Sportabzeichen am Revers erläutert, bestreitet Kuh Alma das Spiel gewissermaßen allein – ohne sich allerdings über ihre Rolle im Klaren zu sein. Die VeranstalterInnen unterteilten das Spielfeld in 200 gleich große Quadrate. Die gedachten Linien, die jederzeit durch Schnurschlag nachvollzogen werden können, sind durch Pflöcke am Spielfeldrand markiert. Zwischen diesen Pflöcken stecken kleine Tafeln mit Buchstaben oder Zahlen, die es gestatten, jedes Quadrat – wie bei einem Schachbrett – genau zu bestimmen. Gegen fünf Euro Einsatz wurden sämtliche Quadrate vor der Ziehung unter die Einheimischen gebracht. Man bediente sich dabei der Form der Verlosung, weil die äußeren Quadrate ohne Zweifel benachteiligt sind. Dort drängelt sich das Publikum. Es würde nur einen Volltreffer geben, so ist es vereinbart worden. Dabei soll der Gewinn zu gleichen Teilen an den von Alma auserwählten Quadratbesitzer und den glorreichen Spielmannszug gehen, jeweils 500 Euro.

Ich habe Glück. Wie mir mein Gewährsmann versichert, hat sich die Ziehung dieser Kuhlotterie schon über anderthalb Stunden hingezogen, doch kaum bin ich ins Bild gesetzt worden, sprutzt der Segen. Die Leute johlen bereits, bevor er sich als Fladen auf dem siegreichen Quadrat ausgebreitet hat. Es ist P-7! Nun prasselt der Beifall. Er gilt genauso dem Glückspilz, der auf die Schultern gehoben wird, wie der schwarzweiß gefleckten Glücksfee Alma, die für mein Empfinden allerdings nicht sonderlich erleichtert wirkt. Gäbe sie morgen saure Milch, könnte es ihr wohl keiner verübeln.

Die Möglichkeiten, sich als Zweibeiner auf vergleichsweise billigem Wege etwas Vergnügen zu verschaffen, scheinen unbegrenzt zu sein, sage ich mir, während mich die Posaunen und Piccoloflöten wieder Richtung Wald blasen. Ich schreibe eben.
°
°