Mittwoch, 13. Juli 2022
Randles, Paul

37 (1965–2003), US-Spieleentwickler aus dem Staat Washington, wo er auch starb: Krebs. Offenbar hat er hauptsächlich Brett- und Kartenspiele entwickelt und, zuletzt, auf eigene Rechnung verkauft. Einige Spiele aus seinem Stall, etwa Piratenbucht, sollen Renner sein. Wahrscheinlich verdiente er einen Haufen Geld. Den steckte er dann, vielleicht, in »Chemotherapien«, die ihn noch kränker machten. Laut einer Gedenk-Webseite* hatte er eine Gattin, zwei Katzen und eine ungewöhnliche Gabe zum Geben. Somit zehrte er vor allem davon, seine Freunde, ja die ganze Welt beschenken zu dürfen. Nebenbei war er Golfspieler, was übrigens auch eine Stange Geld kostet. Ein Brustbild zeigt ihn mit Golfkappe – und lachend.

Denkt man, mangels biografischen Stoffs, über das Wesen des Spiels nach, stößt man zunächst auf die landläufige Auffassung, es stehe dem »Ernst des Lebens« gegenüber. Wahrscheinlich ist sie falsch. Zwar weist F. G. Jünger in seiner betörend geschriebenen Untersuchung Die Spiele von 1953 darauf hin, der Nichtspielende sei nicht unbedingt immer ernst, während dem Spiel ein ihm eigener Ernst innewohnen könne, doch den wesentlichen Unterschied zwischen Spiel und Leben macht er meines Erachtens nicht deutlich genug: Kennzeichen des Spiels sei seine Selbstgenügsamkeit; es könne nicht an Zwecke gebunden werden, die über seine Grenzen und Regeln hinausreichen.

Danach handelt es sich um einen ganz bestimmten Ernst, der dem Spiel – in seinen gehüteten Formen – völlig fremd ist. Er liegt im Unwiderruflichen und Verketteten unseres Lebens. Im Leben vermehrt jeder Augenblick eine Last, die auf uns ruht. Wäre sie ein Tornister, könnten wir sie kurzerhand abwerfen, doch sie ist mit uns verwachsen – gleichsam unser ständig anschwellender Buckel. Hätte dieser zumindest einen Deckel, könnten wir vielleicht den einen oder anderen Augenblick wieder herausfischen, um ihn zu vernichten. Wer wüßte nicht ein Lied davon zu singen, sich jäh unter einer Beschämung zu ducken, die uns vor vielen Jahren traf, oder sich unter Reue zu winden, sobald wir an eine nicht ergriffene Chance erinnert werden, durch die wir vielleicht das Ruder unseres Lebens herumgeworfen hätten? Wer wüßte nicht, daß der Spielraum, in dem wir uns noch verändern können, mit jedem Tag enger wird? Daß niemand sich selber entkommt?

Nur das Spiel gewährt uns diese Chance. Hier werden die Karten neu gemischt, die Steine vom Tisch gewischt, alles neu macht der Mai. Mit jeder neuen Partie steigt man wie Phönix aus der Asche. Im Gegensatz zum Leben ist das Spiel wiederholbar. Und da es bestimmten und es beschränkenden Regeln folgt, ist es auch ungleich überschaubarer als jeder kleinste Abschnitt unsres Lebens. Zumal am Kartenspieltisch hält sich das Unwägbare und Unvorhergesehene – es mag schrecklich oder entzückend sein – in wunderbar engen Grenzen. Da wird nach Regeln gekämpft, die sich jeder Trottel einprägen kann. Da gilt es lediglich, Tröten ins Feld zu werfen, die seit den Pharaonen und Mona Lisen keine Miene verziehen. Und so überall. Ob du mit deinen Freunden Schach, Snooker oder Fußball spielst, du betätigst dich nicht auf einem weiten Feld, das deine treuherzigen oder ausgefuchsten Erwägungen zu »Pappelblättern« herabstuft, die »jedem Anhauch der Welt« preisgegeben sind. Das gilt erst im Profisport, der von soundsovielen finsteren Mächten gesteuert wird.

Die »Pappelblätter« stammen vom französischen Denker Alain. In seinem Buch Lebensalter und Anschauung von 1927, Kapitel »Die Spiele«, hat er sich ausführlich im obigen Sinne geäußert. Er unterstreicht darin den folgenden Aspekt. »Spiel kennt kein Erinnern und kein Denkmal: das unterscheidet es von der Kunst. Spiel will durchaus nichts wissen von erreichter Stellung, von Zeugnissen, von Vorrechten, die vergangene Dienste ins Gedächtnis rufen: das unterscheidet es von der Arbeit.« Bringt Randles also nicht mit Waschmitteln oder Drohnensteuerungen, sondern eben mit Spielgeräten Geld ins Haus, hat es nichts zu bedeuten: Er verfolgt seine berufliche Laufbahn.

Bekanntlich kürzt die Arbeit gern ab – versuchen Sie das einmal in einem Snookersalon! Sobald sie die 15 Roten mit einem Rutsch ihres Armes kurzerhand in die Ecktaschen schieben, wird ein gestrenger Mensch mit weißen Hand-schuhen aus dem Schatten treten und Sie am Schlawitt-chen packen, um Sie an den nächsten Garderobenhaken zu hängen. Im Spiel werden Fouls geahndet; im Leben belohnt.

* https://www.celestis.com/participants-testimonials/paul-j-randles/
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