Mittwoch, 13. Juli 2022
Auf dem Podest
Aus »Die Kunst des Wartens«, 2000 im Züricher Rabe erschienen,
Nr. 59



Oft werde ich gefragt, ob man sich auf dem Podest nicht langweile. Wäre ich Jules Renard, würde ich erwidern: »Ich langweile mich nirgendwo, denn in meinen Augen heißt sich langweilen sich selbst beleidigen.«

An dem Ort, wo das Aktmodell so offensichtlich der Zeit ausgesetzt ist, findet diese Haltung ohne Zweifel erschwerte Bedingungen zu ihrer Verwirklichung. Um so nachhaltiger erlernt man sie dort. Dabei kann von Untätigkeit keine Rede sein. Ein Feldweg arbeitet auch, indem er sich schlängelt. Ist das Schlüsselbein nicht Fenstersturz, Joch, Schwinge? Deshalb kommt Akt von actus, was Handlung heißt. Stehen, zum Beispiel, ist der Versuch nicht umzufallen. Auch im Sitzen oder Liegen lastet man zunehmend, wogegen ein Aktmodell allerlei unternimmt. Sowohl das Lasten wie meine von außen kaum merklichen Gegenmaßnahmen spüre ich gern, denn dadurch spüre ich mich. Ich habe Freude daran, die unterschiedlichen Richtungen, somit das Widersprüch-liche und Spannende einer bestimmten Position zu spüren. Es durchzieht mich.

Im Grunde unterliege ich als Aktmodell einer körperlichen Inanspruchnahme, die mir die Möglichkeit bietet, mich zusammenzuhalten, ohne zu verklumpen. Man hält sich auf der Kippe. Das ist ein schönes Gefühl, falls man es beherrscht. Falls nicht, werden Unruhe, Angst, Schwindel für eine Katastrophe sorgen. Ich suche in meinem Körper immer wieder den Dreh- oder Schwerpunkt auf, das dient der Konzentration. Dabei mache ich mir meine Kurzsich-tigkeit zunutze, indem ich beim Modellstehen nie meine Brille trage. Ich sammle mich.

Das Ganze läßt sich vielleicht noch anders ausdrücken. Von Toulouse-Lautrec, dem französischen Maler, wollte jemand wissen, woran er gerade arbeite. »Ich versuche mich selbst zu ertragen.«

[…]

Setze ich bei einem Ausstellungsbesuch meine Brille ab, kommt es einer Offenbarung gleich. Sehe ich doch nun, als mäßig kurzsichtiger Mensch, verschwommen. Nun zeigen mir die Gemälde ihre wesentlichen Züge, die der Künstler in einem Irrgarten aus Formen und Farben und durch allerlei Pinselhaarspaltereien verbarg. Sie treten wie Götter aus dem Nebel, für den das Absetzen der Brille sorgte.

Daher mein Vorschlag, an den Kunstakademien nur noch kurzsichtige BrillenträgerInnen aufzunehmen und vorm Aktsaal einen Wächter zu postieren, dem der Aktschüler dann seine Brille auszuhändigen hat, bevor er den Saal betritt. Klebt er nämlich nicht am Umriß, verliert sich der Aktschüler garantiert in Einzelheiten. Dann wird er von den abenteuerlichen Höhen und Tiefen, Helligkeiten und Schatten gefangengenommen, die sich zum Beispiel um Sägemuskel, Rollhügel, Kniescheibe tummeln. Ich erlebte AktschülerInnen, die sich an jedem einzelnen Schamhaar aufhielten. Bloß das Ganze, das ein Zusammenspiel ist, macht dem Aktschüler keine Lust. Er kriegt die entscheidenden Bögen nicht raus.

Oft bannt ihn zuerst und für immer das Gesicht, als befinde er sich auf einer Schule für Paßfotografie. Niemand klärt ihn darüber auf, daß Akt kein Mienenspiel ist, sondern Körpersprache. Allerdings fällt er am liebsten auf die Augen herein, den totesten Punkt des Weltalls, wenn ich mir diese Steigerung erlauben darf. Da strichelt und radiert er vierzig Minuten an ihnen. »Die Augen sind der Spiegel der Seele«, käut er inbrünstig etwas – von Hermann Hesse oder Novalis? – Angelesenes wieder, wenn man ihn von den Augen abzubringen sucht. Darauf die trockene Bemerkung eines Mitschülers: »Küsse einmal deine Freundin im Dunkeln und sage ihr dann, ihre Seele spiegele sich in ihren Augen.«

Ich bin sicher, der Blick sagte uns schlechterdings nichts, wenn es uns gelänge, die Augen isoliert zu sehen; per Revolver eingeschüchterten Damen hinter Bankschaltern gelingt es zuweilen. Denn die Seele ist kein Rohr. Sie ist weder der Kamin in unser Innerstes noch die unten lodernde Glut. Vielmehr ist sie eine Haltung. Und diese kann ja nur, der Name legt es nahe, aus unserem Verhalten hervorleuchten, das stets auf unserem ganzen Körper beruht. Was wir davon nicht sehen oder ertasten, steuern Erinnerung und Ahnung bei. Darin, daß wir dabei vor Trugschlüssen nie sicher sind, liegt der Reiz des Lebens.

Oft hält man Sentimentalitäten für Ausgeburten des Verschwommenen. Sie kommen uns uferlos vor. In Wahrheit sind ihre Quellen allein Details. Ein Stöpsel an einer sanft geschwungenen Prallheit, an der wir als Säugling lagen. Auf der versengten Schafweide das einsame, kecke Holunderbäumchen, das der Schäfer fürsorglich wässert. Ein verheultes Gesicht. Der Burgvogt schief gegen die Witterung gestellt. Aus der Musikbox weht es Sailing, sailing, während man im Kerzenschummer in seinen Bierkrug starrt – einzelne Vorfälle.

Sie verlören ihre Sentimentalität, wenn man das Unwe-sentliche ausschiede und das Übrige wirksam verknüpfte. Man muß die entscheidenden Bögen herausbekommen. Brille ab, mein Freund, du siehst zu scharf.
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