Mittwoch, 13. Juli 2022
Cosette

Aus Zeit der Luchse (2019), Handlungszeit 1904. Redakteur Charly führt die beiden neuangekommenen Journalisten aus der Schweiz durch das Rathaus von Kusmus, dem Hauptstädtchen der Freien Balkan-Republik Mollowina.


Der dicke Redakteur deutete auf ein hochformatiges Ölgemälde, das dem Schreibtisch der Rätin genau gegenüber hing.

»Das wollte ich Ihnen auf keinen Fall vorenthalten. Ist es nicht entzückend ..?«

In milden Tönen gehalten, überwiegend Braun, zeigte das Werk ein betörendes, möglicherweise schmollendes oder verlegenes kleines Mädchen, wohl in ländlicher, arbeits-bereiter Tracht. Es blickte zur Seite. Diese ungeahnte Aufmerksamkeit für Cosette, wie es laut Charly hieß, war zuviel für das kleine Mädchen.

»Das Gemälde wurde uns neulich von einem Athener Kunstprofessor verehrt, der die Republik schon zum zweiten Male besuchte. Der Mann war mit Konstantinos Panorios, dem 1892 frühverstorbenen Schöpfer des Werkes, befreundet gewesen. Panorios hatte übrigens zeitweise in München studiert. Ein Jammer, daß er bereits als Mittdreißiger starb. Er war in Ihrem Alter, meine Herren …«

[…]

Da es in der Bücherei genau drei Sessel gab, die recht bequem wirkten, ruhten sie sich in ihnen ein wenig aus. Durch ein geöffnetes Fenster konnte man den Marktbrunnen plätschern hören. Auch ein Säugling plärrte. Sean ging ohnehin noch das eindrucksvolle Gemälde mit dem kleinen Mädchen durch den Kopf. Vermutlich repräsentiere es einen hübschen Batzen Geld? Dazu konnte Charly nichts sagen; er zuckte nur mit den Achseln. Aber nach einer Weile schimpfte er:

»In der sogenannten Zivilisation wird die Kunst grotesk überschätzt. Überall, seit vielen Jahrhunderten, aber im Kapitalismus besonders. Die verhängnisvolle Paarung zwischen Kunst und Kommerz ist schlicht ekelhaft. Oder finden Sie nicht?«

Sean stimmte ihm zu und erwähnte William Butler Yeats' hohe Meinung von der Volkskunst. Der »Dichter« und Dubliner Theatermann sei leider nur etwas ruhmsüchtig und nebelwerferisch veranlagt, aber da sei er ja nicht der einzige.

»Mit der Volkskunst hat Ihr Landsmann unbedingt recht!« befand Charlie. »In der Mollowina werden Sie nicht einen Berufskünstler finden, ob Mann oder Frau. Der künstle-rische Ausdruck muß Hand in Hand mit den übrigen, gewöhnlichen Lebensäußerungen gehen, sonst kommen nur Krämpfe und Hochmut dabei heraus.«

Vielleicht zum Glück seiner Gäste schlug in diesem Augen-blick die Glocke der Kathedrale an. Danach war es inzwi-schen 16 Uhr. Charly schien regelrecht zu erschrecken.

»Himmel!« rief er und hievte sich aus dem Sessel. »Um meines Seelenheiles willen sollte ich vielleicht doch noch ein bißchen Unkrautjäten gehen … Was sind Ihre Pläne für die nächste Zeit?«
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