Dienstag, 12. Juli 2022
Lyncker, Karl

32 (1823–55), nordhessischer Heimatforscher und Sagensammler. Der Sohn eines glücklosen Kasseler Kaufmanns ist zunächst Schreiber des Justizamtes im nahen Städtchen Wolfhagen. Er büffelt Latein, betätigt sich aus eigenem Antrieb als Archivar und Heimatkundler und knüpft entsprechende Kontakte mit Historikern. Zur Wolfhagener Stadtgeschichte leistet er entscheidende Vorarbeit. Ab 1844 ist er, zwecks Gelderwerb, wieder in Kassel, zunächst als Sekretär der Halberstadtischen Fräuleinstiftung, später als Buchhalter im Bankhaus Louis Pfeiffer. Er kann sich nun verstärkt seinen Forschungen widmen. 1854 erscheint (in Kassel) seine Sammlung Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. Aber schon ein Jahr darauf, im Mai, erliegt Lyncker im Gefolge eines ungewöhnlich harten Winters der Lungenschwind-sucht, 32 Jahre alt.

Laut Volker Schilling* war der Verstorbene Wander- und insbesondere Schmetterlingsfreund. Auch habe er hin und wieder Gedichte verfaßt. Von daher vermute ich, er sei Junggeselle und eher Mönch als Zechbruder gewesen. Ob er erzfromm oder radikaldemokratisch gestimmt war, wissen wir offenbar nicht. Verbürgt ist nur, daß er in jenem Winter zunehmend von Husten geschüttelt wurde. Ungünstig für Kontur.

Ich will mich ersatzweise an einem Schnellporträt der Stadt Kassel versuchen. Sie hat einige Dinge oder Ereignisse zu bieten, auf die sie nicht gerade stolz ist, weshalb sie möglichst selten davon spricht. Zu den ersten Synagogen, die im deutschen Herbst 1938 brannten, zählte die in der Unteren Königstraße. SS-Fürst Josias aus dem nahen Barockstädtchen Arolsen ließ grüßen. Als Nazihochburg und »Stadt der Reichskriegertage« beschickte Kassel den Präsidentensessel des Berliner »Volksgerichtshofes« mit Roland Freisler. Er hatte sein Abitur auf dem heimischen Wilhelmsgymnasium gemacht. In den eigenen Mauern hatte Kassel die »Sonderrichter« Fritz Hassencamp und Edmund Kessler vorzuweisen, die den 29jährigen ungarischen Diplomingenieur Werner Holländer am 20. April 1943 wegen »Rassenschande« zum Tode verurteilten. Sie selber wurden sieben Jahre darauf mit jener bekannten Begründung freigesprochen, die nur von DDR-Bürgern nicht bemüht werden darf: da sie sich an damals geltende Gesetze gehalten hätten, stelle ihr grausamer Urteilsspruch wegen einiger Stelldicheins mit deutschen Mädels keine vorsätzliche Rechtsbeugung dar. Holländer war bei Henschel beschäftigt gewesen. Ob die lohnende Waffenschmiede gegen den Justizmord protestierte, ist nicht bekannt. Dagegen wissen wir, daß sich Kassel ihr und den Flugzeugwerken Fieseler zuliebe im Oktober 1943 von den Briten in Schutt und Asche bomben ließ. Zu Gerhard Fieseler siehe Heft 2.

Jetzt kommt das Aufbauende, das jeden Kasseläner stolz Machende. 1.) Die Sprach- und Märchenspezialisten Gebrüder Grimm, Zeitgenossen von Lyncker. 2.) Der noch ältere Herkules, eingeweiht von Landgraf Karl 1717. Es handelt sich um eine wuchtig aufgebockte riesige Bronze, die einen nackten Mann darstellt, der sich auf anderthalb Keulen stützt. Da das Bauwerk den Bergpark von Schloß Wilhelmshöhe krönt, beherrscht Herkules locker das gesamte Kasseler Becken. 3.) Die Treppenstraße (1953). Sie gilt als erste geplante und ausgeführte deutsche sogenannte Fußgängerzone. Neuerdings wird befürchtet, sie könnte, aufgrund der sattsam bekannten Regierungsnotstandserlasse, die der Ausrottung eines Virus' oder des Mittelstandes dienen, veröden. Wenn ja, wird sich 4.) Hans Eichel im Grabe umdrehen. Schließlich kämpfte er, Jahrgang 1941, dereinst, als Chef der Kasseler »Jungsozialisten«, mit dem Megaphon in der Hand gegen die damals recht umstrittenen »Notstandsgesetze«. Dann wurde er Oberbürgermeister (bis 1991), noch später Gerhard Schröders Finanzminister und damit zu einem der verschlagensten »Sozialreformer« der deutschen Nachkriegsgeschichte. Schließlich 5.) die berühmteste Messe der künstlerisch ambitionierten Windbeutel und SchaumschlägerInnen dieses Planeten, die Documenta, nach der die Stadt inzwischen auch heißt.

Ist die Moderne Kunst so wichtig, sollten wir vielleicht noch ein wenig bei ihr verweilen. 2013 nahm das FBI ein US-Kunsthändlerduo wegen des Verdachts zahlreicher Fälschungen fest, die zunächst von »Experten« überwiegend nicht erkannt, vielmehr als Jackson Pollock, Mark Rothko, Robert Motherwell und dergleichen ausgegeben worden waren, wie die FAZ berichtete.** Offenbar lagen die »HinterwäldlerInnen«, die um 1970 angesichts solcher modernen Werke naserümpfend knurrten Das kann mein Fünfjähriger auch, gar nicht so schief. Sie hatten jedoch den Dreh mit den Inszenatoren noch nicht durchschaut. Gerade bei der Moderner Kunst kommt es ja zu ungefähr 95 Prozent keineswegs auf diese selber, vielmehr auf ihre Inszenierung an. Für die wichtigsten Agenten des Kunsthandels, die sogenannten KunstkritikerInnen, bedeutet das, ein fragliches Kunstwerk nicht etwa zu beschreiben und vielleicht von seiner Eigenart her zu verstehen, vielmehr uns mitzuteilen, welche Meinung man von ihm haben muß, zu welchem Behufe es natürlich auch viel allgemeines Wissen und viel Phrasensondermüll in die Setzkästen zu gießen gilt. Anders ausgedrückt, es bedeutet »mit Engelszungen Inserate reden«, wie der Maler und Essayist Hans Platschek schon 1966 schrieb. Das läßt sich in seinem Buch Über die Dummheit in der Malerei von 1984 nachlesen.

Im selben Jahr erschienen zufällig Walter Kolbenhoffs Erinnerungen Schellingstraße 48, die eine hübsche Anekdote von der Dummheit in der Modernen Lyrik zu bieten haben. Damals Redakteur des Rufs, fanden nach dem Kriege in Kolbenhoffs Münchener Wohnung öfter »informelle« Dichterlesungen statt. In diesem Rahmen erlaubte sich Stammgast Günter Eich eines Tages einen listigen Scherz, ohne sich wahrscheinlich über dessen Rückschlagskraft im klaren zu sein. Um Vortrag gebeten, griff sich Eich im Nachbarzimmer ein schmales Bändchen heraus, kam zurück, schlug es auf und begann mit dem Vorlesen. Sofort andächtige Stille. Als Eich den ersten Text beendet hatte, war es noch einmal eine Minute still, ehe eine Frau seufzte: »Es war wunderbar, es war ergreifend ..!« Doch Eich winkte ab und erwiderte zwinkernd: »Ach, das könnt ihr auch. Ihr könnt ja lesen. Ich habe mir erlaubt, euch das Inhaltsverzeichnis dieses Gedichtbänd-chens vorzulesen. Von mir ist es übrigens nicht.«

Der russische Clown Karandasch, gestorben 1983, brachte das Phänomen der Inszenierung oder Zelebration von letztlich austauschbaren Windbeuteln in seiner Nummer mit dem Teller auf den Punkt. Er benötigt zunächst Minuten, bis er einen Stuhl zufriedenstellend im Sand der Manege aufgebaut hat. Beispielsweise muß ein Bein mit einer sorgfältig gefalteten Zeitungsseite unterfüttert werden. Dann noch einmal Minuten, um einen Teller und einen Hammer auf dem Stuhl zu drapieren, wobei beide als echt und einwandfrei in der Gegend herumzuzeigen sind. Weiter hat sich der Clown die Ärmel aufzukrempeln, den Hut zurechtzurücken und dergleichen mehr. Schließlich nimmt Karandasch die beiden Kultgegenstände entschlossen vom Stuhl, legte eine Kunstpause ein – und zerschlägt den Teller. Dann präsentiert er die Scherben, lüftet seinen Hut, verbeugt sich würdig und geht ab.

* »Karl Lyncker / Der Verfasser der ersten Wolfhager Chronik«, in Geschichte erleben, ein Buch des Heimat- und Geschichtsvereins 1956 Wolfhagen, ebendort 2006, S. 165/66
** Niklas Maak, »Beltracchi auf Amerikanisch«, 21. August 2013: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstfaelscher-skandal-in-new-york-beltracchi-auf-amerikanisch-12538461.html

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