Dienstag, 12. Juli 2022
Mauern (bemalt)

Zwei kurze Auszüge aus der 2020 verfaßten Schlackendörfer-Geschichte »Pingos«, Handlungszeit 1965/66, betreffen wohl das Thema Natur, bieten sich aber auch als Überleitung zum letzten Heft dieser Reihe an. Der Vorfall mit der bemalten Inselbahn kostet Schlackendörfer nebenbei das Leben.


Witzigerweise haßte der typische Mitteleuropäer Grenzen in städtebaulicher Hinsicht keineswegs, ganz im Gegenteil. Er war geradezu in sie vernarrt. Es ging Schlackendörfer auf, nachdem er wegen Maud öfter in Muro weilte. In Muro herrschte eine wohltuende nahezu vollständige Ab-wesenheit von Zäunen, Mauern, Hecken und dergleichen Instrumenten des Abteilens. Nur ein paar Hühner und Pferde waren eingepfercht. Dachte er dagegen an Karlskirchen oder Porto Vecchio, sah er sich einer einzigen Ausschweifung des Abteilens gegenüber. Was tat man dort nicht alles, um sich den Nachbarn, den Hund des Nachbarn, Ganoven und BesucherInnen, ja die ganze Welt vom Leibe zu halten! Selbstverständlich wurde dieser Festungskrieg mit allerlei Schnörkeln und Bändern verbrämt – eben mit Ästhetik, um an Brancusis Schülerin zu erinnern. Als er einmal mit Maud über seine Beobach-tung sprach, erzählte sie ihm eine hübsche Geschichte aus Torquay an der englischen Südküste. Die rote Irin hatte um 1955 vorübergehend einen Liebhaber in der damals noch kleinen Küstenstadt. John sei schon Anarchist, aber nach wie vor leidenschaftlicher Statistiker gewesen, was er studiert hatte. So hätte er sich eines Tages vor einen Stadtplan gesetzt, um einmal über den Daumen zu peilen, wieviel Meter an handfester Begrenzung ein jedes Grundstück in Torquay aufweise, Fried- und Schulhöfe eingeschlossen. Diesen Wert habe er dann per Rechen-schieber mit der Anzahl der Grundstücke multipliziert. Die abschließende Kilometerzahl sei gigantisch gewesen; sie habe sie leider vergessen. John multiplizierte sie dann auch noch mit einem Mittelwert der Kosten des Bauens und des Errichtens der Zäune – und der Pfundgesamt-betrag sei in die Hunderttausende gegangen, für nur eine kleinere Stadt! »Davon hättest du dir ein fußballstadion-großes Tonstudio einrichten können, mein Schatz«, schloß sie ihr Gedenken an Liebhaber John.

[…]

Die Plakatierungsdebatte war durch den Unmut vieler Leute über vermehrtes Erscheinen von Plakaten, Spruchbändern, an die Mauern gepinselte oder auf Anstecker geschriebene Parolen und dergleichen ausgelöst worden – also, wie Beppe es dann zusammenfassend nannte, über »die Beschlagnahmung des öffentlichen Raumes durch einige Hohlköpfe aller Ebenen« … Die Hohlköpfe verteidigten ihr Begehren hauptsächlich mit ihrem »natürlichen Recht«, den öffentlichen Raum für Nachrichten und Botschaften zu nutzen. Doch die Argumentation der Gegenpartei um Beppe setzte sich durch. Diese Genossen traten für das natürliche Recht, ja sogar die Würde der Dinge ein. Man dürfe ein Haus oder einen Baum nicht zum Träger von Texten oder Bildern herabstutzen. Sie seien etwas für sich, das eine bestimmte Ausstrahlung habe und aufgrund dessen erkannt und anerkannt sein möchte. Für Nachrichten oder Botschaften habe man schließlich eigens dafür geschaffene Einrich-tungen, voran [das Wochenblatt] die POV, ferner die Schwarzen Bretter in den GO's und so weiter. Eine Zeitung fungiere von vornherein als Mittel für Mitteilungen – eine Hauswand oder ein Hemd nicht. Hauswände, Hemden und Fensterscheiben besäßen verschiedene Eigenschaften, die uns zum Beispiel schützen könnten. Würden sie dage-gen bepflastert, gespickt, verunstaltet, griffen sie uns an.

Als Schlackendörfer die Richtlinie gegen Plakatierung einmal nachgelesen hatte, war er belustigt und bewunderte nebenbei wieder einmal Beppes Scharfsinn. Als er dann jedoch, Ende Mai, von Maud kam und in der Kastanienallee in die Inselbahn steigen wollte, sah er beinahe rot. In der Regel bestanden die »Durchgangszüge« aus drei Waggons und dem Triebwagen – allesamt durch kurze schaukelnde Schleusen verbunden und rein orange lackiert. Nun aber war ein Waggon recht wild und bunt, wenn auch nicht ganz ungekonnt, auf beiden Seiten, wie er sich überzeugte, jeweils um die Fenster und Türen herum mit verschiedenen Bildern und Sprüchen bemalt. Die größten Lettern verkündeten Fuck die POV. Die größte dargestellte Person hatte ein Gebiß wie ein Bagger aus dem Marmorbruch und selbstverständlich einen Penis wie ein geiler Hengst. Die Zugführerin hatte den Sänger aus Reez bereits gesehen und rief aus ihrem Fenster: »Schlackendörfer, haben die denn ein Rad ab?!«
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