Dienstag, 12. Juli 2022
Pražák, Josef Prokop

34 (1870–1904), tschechischer Lehrer und Ornithologe. Kann ich die Leute sogar mit der »Inszenierung einer Pandemie« (Gerd Reuther) oder wenigstens mit einer als Impfstoff getarnten Giftkloake verarschen, spricht nichts dagegen, wenn ich auch in der Vogelkunde zu »Mogelpackungen« greife. Pražák, vor allem in Wien und Prag tätig, brüstete sich in fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen mit so mancher »Entdeckung«, etwa »Unterarten« von Hauben- oder Sumpfmeisen, die sich nach und nach als betrügerisch oder jedenfalls fragwürdig herausstellte. Wer es bezweifelt, kann sich per Internet Jiří Mlíkovskýs Aufsatz Faunistic work of an ornithological swindler von 2012 besorgen. Als Pražáks Ruf ruiniert war, verkroch er sich, wohl mitsamt einer Ehefrau, in seinem Heimatstädtchen Hořiněves (bei Hradec Králové, auch: Königgrätz), wo er zunehmend der Verwirrung, dann auch der Tuberkulose anheim gefallen sein soll. Einem Nachruf* des deutschen Pfarrers und Biologen Otto Kleinschmidt zufolge hatte dem Verstorbenen die wissenschaftliche Ehre offensichtlich so wenig bedeutet, daß er nie auch nur einen Versuch unternahm, sie zu retten. Er habe auch nicht aus Gewinnsucht hochgestapelt. Vielmehr habe er ja sogar sich selbst getäuscht; das sei einfach »angeboren«, ein Grundzug seines Charakters gewesen. Ich nehme an, hier ist gemeint: sich Blütenträumen hinzugeben.

Um die Pražáksche Prahlerei unverzüglich aufzugreifen: Das von mir mitbewohnte, überwiegend verwilderte Waltershäuser Stadtrandgrundstück ist keineswegs vogelarm. Selbst der Grünspecht zählt hier zu den Stammgästen – und seit einigen Frühjahren beglückt uns sogar der Wendehals mit seinem Brutgesang. Es handelt sich um eine hohe und etwas jämmerlich klingende eintönige Rufreihe, die wie aus dem Ried gepumpt wirkt. Dabei ist der Wendehals ein eher winziger Specht. Der Laie würde ihn vielleicht für eine magere Singdrossel halten. Aber er bekommt ihn sowieso, wie auch ich, nie zu Gesicht, da der Vogel ausgesprochen unauffällig, ja geradezu tarnfarbig gekleidet ist. Wer Vogelkunde mit stumpfem Gehör betreiben wollte, sollte es lieber bleiben lassen. Die Gesänge und Rufe sind das A & O der Angewandten Ornithologie. Selbstverständlich fühlt sich jeder Vogelfreund geehrt und geschmeichelt, wenn sich ein derart seltener und anspruchsvoller Ameisenjäger und Metaphernlieferant (DDR!) wie der Wendehals in seinem Winkel niederläßt. Als hätten sich Arthur Miller und dessen zweite Gattin bei ihm um einen Untermietvertrag beworben. Die Gattin hieß Marilyn Monroe.

Wer lieber Kafka liest, wird noch nicht einmal einem Spatzen begegnen. Das gleiche gilt für Bäume oder Bäche. Kommt mal ein Zirkuspferd vor, ist es schon viel. Den von Steinen ummauerten Menschenzirkus behandelt er – und seine Prosa ist auch so kalt wie Stein. In seinem Roman Das Schloß ist dieser Menschenzirkus derart vollgestopft, daß keiner mehr durchblickt, die LeserInnen einge-schlossen. Bei Kafka gibt es kein Mitleid, weil dies aus der Erde kommt. Ungeerdete Menschen sind unbarmherzige Egoisten. Kafka war einer; man lasse sich von seiner Verzagtheit nicht täuschen.

Bei allen ernst zu nehmenden Schriftstellern ist die Prosa in Natur gebettet. Dabei haben sie oft ihre Vorlieben = Schwächen, durch die sie noch einmal menschlicher werden. Hölderlin ist in Bäume, D. H. Lawrence in Blumen, Orwell in Schmetterlinge, Marlen Haushofer in Haustiere, F. G. Jünger in Gewässer, Welskopf-Henrich in die Prärie, Robert Gernhardt in Vögel vernarrt gewesen. Um 2000 hievte er einmal meine frühe Meditation über das Aktmodell »Die Kunst des Wartens« in den Züricher Raben, und später schickte er mir unaufgefordert eine ausführliche Betrachtung über den Kuckuck. Leider ist dieser bekannte Hochstapler oder Nestbetrüger – der Kuckuck, nicht Gernhardt – in meiner Gegend nur noch spärlich zu hören. Mit dem Kuckucksruf weichen Bezauberung und Ergriffenheit. Vielleicht das übliche Schicksal des Alterns.

Bedenkt man es etwas gründlicher, ist die Naturverbun-denheit so vieler SchriftstellerInnen eher seltsam. Von Hause aus sind sie doch stets auf Ordnung erpicht, während zum Beispiel das Vogelreich einem Tollhaus gleicht. Der kunterbunte Buchfink bringt die immergleiche öde Leier – er wirft sie vom Baum herab und verlangt abschließend selbstgefällig nach einem »Gewürzbier« oder auch »Würzgebier«. Kaum ein Vogel ist so unscheinbar gefärbt wie der winzige Fitis, doch seine abfallende Wehklage zerreißt uns das Herz. Dabei hat sie um ein Haar die Struktur des Buchfinkenschlages. Für alle von blinden Systematikern und tauben Musiklehrern irregeleiteten Laien beläuft sich Vogelgesang auf Amsel, Drossel, Fink und Star. Schon der Star ist freilich eher ein Schwätzer und Knirscher. Würgt sich gar der Hausrotschwanz bei seinem Liedvortrag ein röchelndes Rasseln ab, könnte man in der Tat Lust bekommen, diese Drossel zu erdrosseln. Der Grauspecht zieht eine klangvolle Klage vor, die jeden Finkenschwarm blaß werden läßt. Dafür pflegt der mächtige »Singvogel« Kolkrabe, dem Christen eine Vorliebe für Lammfleisch angedichtet haben, wie eine dänische Dogge zu bellen, während er durch die Senke zu seinem Horst auf den Eichen rudert. Plötzlich entzückt er uns allerdings durch Glockenklang, weil er die Kirche nicht im Dorf gelassen hat. Der als »Schnepfe« verunglimpfte und entsprechend fast ausgerottete Große Brachvogel singt betörend. Sein anschwellender Flötenruf rollt aus den Maulwurfsgängen, kitzelt das hohe Riedgras, verschwebt mit dem Duft des Mädesüß über den Weschnitz-Deichen, wo der dornige Hauhechel die Schafe als die erbärm-lichsten Rufer des Tierreiches piekt. Ob Schwarzspecht, Krickente, Turteltaube, die vielfältige Klangfülle im Vogelreich ist verblüffend. Barbara von Wulffen hält es deshalb in ihrem Buch Von Nachtigallen und Grasmücken (2001) für absurd zu glauben, dieser ganze Aufwand sei nur für die gegenseitige Benachrichtigung und Identifizierung gut. Für sie singen die Vögel in erster Linie, »um Lebensfreude auszudrücken«.

Das glaube, wer gern frömmelt. Nach meinen Beobach-tungen haben Vögel im allgemeinen ein überwiegend gehetztes Dasein zu führen; ganz bestimmt aber alle »Singvögel« erheblich mehr als Geier oder Adler. Wer David Attenboroughs in jeder Hinsicht großartigen Wälzer The Life of Birds (deutsch 1999) studiert, könnte sogar argwöhnen, mit der Natur überhaupt vor einem militärisch-industriellen Komplex des möglichst durchtriebenen gegenseitigen Auffressens zu stehen. Unser Schlag hat ja ebenfalls seine Lieder, Opern, Märsche – eben Schlager. Nur an der Marschordnung fehlt es im Vogelreich. Der farbenfrohe Kleinspecht ist ein Zwerg, von dem der Turmfalke 20 Exemplare auf einmal verspeisen könnte. Doch beider triumphale »Kikiki«-Reihen lassen sich selbst von vielen Ornithologen nur anhand der Lautstärke unterscheiden. Für den Laien singen sie völlig gleich. Schluchzt am hellichten Tage ein Gebüsch, bückt sich der Laie, um vielleicht ein verirrtes Kind aufzulesen. Aber es war die Nachtigall. Dafür schreckt er um Mitter-nacht auf, weil in Nachbars Schuppen der Hahn kräht.

Kurz und schlecht, von so etwas wie Logik, System, Ordnung ist in der Natur kein Schimmer zu entdecken. Die sogenannte Sumpfschafgarbe blüht edler als eine Margerite; in unseren Wäldern mischen sich die Laub- und Nadelbäume nach Belieben. Die Natur stellt ein Chaos dar. Vielleicht ist sie dem geplagten Schriftsteller deshalb eine willkommene Erholung. In seinen Texten muß immer alles stimmen; in der Natur stimmt nichts. In ihr folgt noch nicht einmal das Fressen und Gefressenwerden harmonischen Regeln. Um 1800 fürchtet Lichtenberg**, die Welt verdanke sich einem Dilettanten. »Warum sollte es nicht Stufen von Geistern bis zu Gott hinauf geben und unsere Welt das Werk von einem sein können, der die Sache noch nicht recht verstand, ein Versuch? Ich meine unser Sonnensystem oder unser ganzer Nebelstern, der mit der Milchstraße aufhört. Vielleicht sind die Nebel-sterne, die Herschel gesehen hat, nichts als eingelieferte Probestücke oder solche, an denen noch gearbeitet
wird …«

* in der Zeitschrift Falco, Halle a. S., Jahrg. 1905, Heft 1 Oktober 1905
** Georg Chr. Lichtenberg, Aphorismen, Hrsg. Max Rychner, Zürich 1958, S. 484

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