Montag, 11. Juli 2022
Oestreich, Michael

35 (1802–38), ostwestfälischer Orgelbauer. Die dürren Angaben lassen dennoch die Vermutung aufkeimen, sein Lebensweg sei nicht ganz so glatt und gradlinig wie eine Orgelpfeife verlaufen. Er stammte aus einer im Raum Fulda ansässigen Orgelbauer-Sippe, wandte sich aber, mit Ende 20, um 1830 nach Dringenberg (zwischen Paderborn und Höxter), um dem Meister Arnold Isfording als Geselle zur Hand zu gehen. Vielleicht hatte er gewittert, daß der Meister schon 1831 das Zeitliche segnen würde. Oestreich übernahm den Laden des 67jährigen und gleich auch Isfordings Witwe Anna Maria oder Anna Catharina, je nach Urkunde, geb. Waldhoff. Der 31jährige hatte inzwischen die amtliche Befugnis erwirkt, im (preußischen) Regierungsbezirk Minden Orgeln zu bauen, zu reparieren und zu stimmen. Laut freundlicher Auskunft des Dringenberger Heimatvereins war Anna, Tochter eines »Ackersmannes« aus Istrup, günstigerweise erst 29. Vermutlich brachte sie, neben der Werkstatt, auch ihre zwei Kinder mit in die neue Ehe ein. Drei kamen dann noch hinzu. Dafür verlor ihr Mann eine ganze Orgel, wenn man der deutschen Wikipedia trauen darf. Es handelte sich um eine von Oestreich gebaute kleine transportable Orgel, die er einem Bösingfelder Gastwirt (bei Hameln) als Pfand wegen Zechschulden habe überlassen müssen. Sie wurde nach Oestrichs Ableben umständlich freigekauft und schließlich in der Kirche von Bad Lippspringe (bei Paderborn) untergebracht.

Die Gründe für Oestreichs Ableben (wahrscheinlich mit 35) schränkt das Dringenberger Kirchenbuch auf »Zehrfieber« ein. So nannte man damals die Tuberkulose. Vielleicht war das Zehrfieber aber vom Höllenfeuer seines Temperamentes und seiner Ehe geschürt worden. Jedenfalls darf man häufige Löschversuche in Kneipen vermuten. Ein Detail macht mich allerdings stutzig: Die Strecke Dringenberg–Bösingfeld. Sie bemißt sich bereits in der Luftlinie (nach Norden) auf 45 Kilometer. Die damaligen Transportverhältnisse berücksichtigt, ist wohl kaum anzunehmen, Oestreichs Stammkneipe sei ausgerechnet von dem erwähnten Pfandnehmer in Bösingfeld betrieben worden. Hatte er am Ende eine Geliebte dort? Und dann mußte er auch noch seine Kleinorgel dahin schaffen, falls er sie nicht sowieso gerade auf dem Pferdefuhrwerk hatte, weil er unterwegs gern musizierte.

Denkt man genauer darüber nach, sind mit Orgeln noch andere gewaltige Probleme verbunden – Stichwort Lärm. In der hiesigen Puppenfabrikkomunne, in der ich früher wohnte, wurden zuweilen »Workshops« für Schulkinder jeglichen Alters veranstaltet – ein Wunder, daß die bröckligen Ziergiebel über den Treppenhäusern sogar heute noch stehen. Allein 30 Kinder, die in einem geräumigen Innenhof nichts anderes tun, als an, unter oder auf langen Klapptischen ihr Frühstück einzunehmen, haben die Sprengkraft dreier Horst-Lange-Hummeln. Lange verglich 1937 in Schwarze Weide eine schnöde Dorfkirchenorgel mit einer offenbar extrem angeschwol-lenen Hummel, die ringsum gegen die mit Blei eingefaßten Kirchenfensterscheiben dränge. Kirchenglocken sind dann wahrscheinlich die Hodensäcke Gottes und Satans, während sie miteinander ringen.

Von daher bin ich unsicher, ob ich den Stadtpfarrer Ulrich Boom aus Miltenberg am Main bewundern soll. Er hat 2007, just im letzten Jahr meines Kommunelebens, den Aschaffenburger Mutig-Preis für 20 Minuten Glockenläuten erhalten. Ein Jahr zuvor hatten nämlich Neonazis versucht, auf dem Marktplatz eine Kundgebung abzuhalten. Dies vereitelte Boom von der Jakobuskirche aus – über 800 Meter! Ja, das können die Christen eben: Gewalt mit Gewalt beantworten. Wenn sie in einigen größeren deutschen Städten Sturm gegen Moscheen laufen, sollten sich die Minarettsänger vielleicht Musikkapellen mit Verstärkertürmen mieten. Ich kenne deren Wirkung, da ich eine Zeitlang das Vergnügen besaß, schräg gegenüber von einer sogenannten linken Kneipe zu wohnen, die jeden Samstag um 21 Uhr ein sogenanntes Konzert gab. Sobald meine Scheiben klirrten, sah ich zur Uhr um festzustellen, ob die Genossen RockmusikerInnen wieder ihren Verspätungsrekord gebrochen hatten, auf daß sich meine Samstagsnacht noch kürzer gestalte.

Wie sich versteht, wies das revolutionäre Kneipenkollektiv es entrüstet zurück, seine Konzerte in die Nähe von CIA-Kursen für Lärmterror und akustische Folter zu rücken. In den Händen der Guten werden aus Granaten Schoko-ladeneier und aus Rammbässen Engelszungen. Im übrigen beobachten wir in der Frage des Lärmes eine Ignoranz, die dem dummdreisten Übergehen aller mörderischen Zivilisationserscheinungen, die nicht dem Corona-Virus gleichen, doch sehr ähnlich ist. Dabei dürften allein die Opfer des Verkehrs, des Chemiekeuleneinsatzes, der Krankenhausinfektion, der Justiz- und Bürokratenwillkür und der imperialistischen Kriege oder »Sanktionen« Tag für Tag, weltweit, in die Hunderttausenden gehen – Tag für Tag. Aber ich will nicht ablenken. Zur Stunde scheint sich der kälteste April, an den ich mich erinnern kann, zu einer Wende in den Sommer zu entschließen. Da müssen wir sofort unsere Waffen schmieren. Die wirkungsvollsten Nachbarterrorisierungsgeräte außerhalb regulärer Schlachtfelder stellen wahrscheinlich Motorsensen dar. Ihr jaulendes Mähgeräusch hält stets gute Höhe und ist wahrlich schneidend. Sie übertrifft Kettensägen und sogar Zwergtraktoren, die von den Leibesumfängen ihrer LenkerInnen gesprengt werden, während sie auf 12 Quadratmeter Rasen hin- und herfahren. Eine herkömmliche Sense könnte zwar verschlankend wirken – auf die Profitspanne gewisser Industrien jedoch auch.

Autoren wie Tschechow, Theodor Lessing, F. G. Jünger wiesen bereits vor Jahrzehnten auf den aggressiven Charakter maschineller Geräusche hin. In den völlig berechtigten Lobliedern auf das Handwerkzeug fehlt dieser Hinweis meistens. Das Fauchen einer herkömmlichen Sense ist nahezu einschmeichelnd. Über die schlichte Bügelsäge, mit der ich mein Brennholz zerkleinere, hat sich noch nie ein Schmetterling oder – im Winter – ein Buntspecht bei mir beschwert. Im Bohren und Schrauben bin ich erfreut zur Handarbeit zurückgekehrt. Selbst die Spitzhacke, mit der ich Platz für ein Betonfundament schaffe, geht im Vergleich als Musikinstrument durch.

Der Kapitalismus haßt das Musische so gut wie die Muße. Daher seine Vorliebe für das schon früher behandelte Explosive. Alfred Nobel, der Panama-Pionier, wußte es: der kürzeste Weg zum Erfolg ist die Sprengung. Leider enttäuscht in dieser Frage E. G. Seeliger. Während sich bei ihm Musik auf Mozart beläuft, kennt er Lärm überhaupt nicht. Auch Stichworte wie Alarm, Glocke, Hundegebell, Krach, Orgel, Sirene wird man in seinem Handbuch des Schwindels (von 1922) vergeblich suchen. Dabei war er jahrelang Lehrer gewesen! Vielleicht litt der Geißler unzähliger Sperren an einer Ohrensperre.
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