Montag, 11. Juli 2022
Radio Igel
Um 2005


Bekanntlich zählt die Stille zu den gefürchtesten Zustän-den der Welt. In Büros, Läden, Gast- und Werkstätten pflegt man sich ihrer bevorzugt mit Radios zu erwehren. Da wird dem empfindsamen Polsterer sogar sein Preßlufttacker zum Schutz und Schirm. Mit der wahllosen verblödenden Dauerbeschallung haßt der Polsterer den Zwangsanschluß an jenen »lärmenden Betrieb, den sie hinterher Geschichte nennen«, wie Ernst Kreuder (1954) in seiner Odenwaldmühle schrieb.

In vielen zähen Kämpfen gelang es mir immerhin, den Lärmpegel unseres Werkstattradios deutlich zu senken. Habe ich eine längere Handnaht zu machen, hole ich mir aus der Schreinerei – wo er über der Kreissäge hängt – den Bügel mit den knallroten Plastikmuscheln an den Enden und stülpe ihn über meine Ohren. Meine Mitgesellen werfen sich vielsagende Blicke zu. Sind sie sämtlich wegge-rufen worden, quittiere ich dies mit einem erleichterten Hieb auf die Aus-Taste unseres Werkstattradios. Jetzt können mir Werkzeug und Werkstoff ihre Melodien vorsingen. Mein leicht gekrümmter, zierlicher Tapezierhammer spielt Specht. Eine zu teilende Bahn Nessel wird zur Ratsche. Während sich in der Hofkastanie die übliche Rasselbande aus Spatzen tummelt, eignet sich unser Schuster-Dreifuß als Triangel. Von einem verstorbenen Sattlermeister hieß es, er habe seinen Stiften eingeschärft, wenn draußen einer am Fenster vorbeigehe, dürfe er nicht merken, daß sich hier eine Werkstatt befinde. Taucht jedoch ein Mitgeselle wieder auf, faßt er garantiert nach 20 oder 30 Sekunden gequält schnuppernd zunächst das Werkstattradio, dann mich ins Auge: »Was liegt denn hier wieder für eine bleierne Stille in der Luft!« – »Was hast du denn gegen Stille?« frage ich einmal zurück. Mein Kollege erwidert maulend, das sei doch, als ob man tot sei.

Immerhin erhärtet er damit einen Befund des kanadischen Klangforschers Murray Schafer. Nach dessen Buch Klang und Krach (1977) genießt die Stille in der modernen Literatur einen ziemlich schlechten Ruf. Die meisten Figuren/Menschen empfinden sie als unangenehm oder gar bedrohlich. Die Stille haucht sie bereits mit der Leichenstarre an. Das Seitenstück der Stille ist ersichtlich die Weile oder das Verweilen. Jeder Stillstand aber kommt unter die Räder unseres hochgerüsteten Fortschritts. Werde ich selber auf Montage befohlen, werde ich vom Igel zum Hasen gemacht. Ob im Firmenwagen, beim Kunden im Wohnzimmer oder auf einer Rohbaustelle: Radio SWF 3, Regenbogen, FFH sind immer schon eher da.
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