Montag, 11. Juli 2022
Teichrosen
Um 2005


Als Raumausstattermeister, Restaurator, Schmeichler ein As, hat mein Chef den entsprechenden zahlungskräftigen Kundenkreis. Die Bergstraße ist dafür das geeignete Pflaster. In jeder zweiten Villa sitzt ein hohes Tier. Als die 17jährige Tochter eines Merck-Managers (Pharmazie), die bei klarem Wetter die Türme des Wormser Doms hätte zählen können (sechs), vom Grufti-Ruf ereilt wurde, schwärzte sie eigenhändig ihre Zimmerwände, fand aber erst Ruhe, als wir auch die Heizkörper umlackierten und schwarze Innenjalousien anbrachten. Die Fensterscheiben zu streichen, wäre lohnkostengünstiger gewesen. Ein Dr. Soundso, der nach Feierabend bevorzugt in einem von mir restaurierten Napoleon-III-Armlehnstuhl aus Nußbaum sitzt, ist Vizepräsident der Frankfurter Bundeszentralbank, wohnt allerdings im Grünen. Da heißt es sich vorher stets kämmen, denn auch dort hängen Überwachungskameras.

Der Erfindungsreichtum meines Chefs erweist sich gleichermaßen verblüffend am Werkstück wie auf Kunden-fang. Jetzt hat er mit Maler P. eine gemeinsame »Vernis-sage« auf dessen verwunschenem Mühlengrundstück ausgeheckt. So karren wir am gewählten Juniwochenende mit unseren Lieferwagen Antiquitäten und Dekorationen im Wert von rund 100.000 Euro in den Odenwald, um damit des Malers Bachufer, Kräutergarten, Hofpflaster, Scheune zu verzieren. Während sich ein zebraartig bezogenes »Hirschsofa« vom Bootssteg aus auf die gelben Teichrosen zu stürzen droht, schaukeln in den Eschen bunte Kissen und Tapetenbahnen wie Papageien. Unter der Hoflinde demonstriert Geselle R. die »Pikierung« eines Stuhlpolsters mit Roßhaar. Die an der Landstraße aufgefädelten Limousinen der steinreichen Kunden lassen gerade noch die Lokalpresse vorbei.

Der eher stümpernde Maler entpuppt sich als begnadeter Tenor, in dessen Atelier das Klavier nicht zufällig auf dem Podest steht. Von einem geschulten Gast begleitet, zieht er nun mit betörendem Silberklang die Müllerinnen oder Monde aus dem Schubert. Alle Rotkehlchen werden vor Neid ganz gelb. Unsere Chefin schlägt ihre Augen dankbar zum Abendhimmel, weil Gott an diesem Tag nicht eine Träne der Rührung vergoß. Er segnete ausgefallene Geschäftsideen schon immer.
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