Montag, 11. Juli 2022
Eine schöne Ehe
Um 2005


Vor rund 100 Jahren kam der dritte Band von Meyers Großem Konversationslexikon heraus. Danach hat es im Jahr 1903 bereits mehrere Formen der Brotschneide-maschine oder auch des Brothobels gegeben. Rund 60 Jahre später strahlte meine selige Großmutter Helene wie eine Königin, weil sie aus den Händen ihres Gatten Heinrichs zum soundsovielten Hochzeitstag eine elektrisch betriebene Brotschneidemaschine empfing. Damit hatte sich das lästige Kurbeln erübrigt. Jetzt brauchte sie bloß noch die Scheibenstärke einzustellen – und schon sah ich die Brotscheiben für eine große Familie (mein Vater hatte dem Städtchen Gudensberg das erste Rundfunk- und Fernsehgeschäft gebracht!) geradezu auf den Küchentisch flutschen. Für Kasernen können aufgrund dieser Errungenschaft in Windeseile ganze geburtenschwache Jahrgänge aufgepäppelt werden, falls uns die Afghanen überfallen.

In meinen Bott-Erzählungen kommt öfter die bei Gudens-berg gelegene anarchistische Landkommune Emsmühle vor. Dort würde man sich vergeblich nach irgendeiner Form der Brotschneidemaschine umsehen. Das Gerät wird verschmäht. Zum einen lebten Kommunarden nicht in Windeseile; zum anderen sei es ein realsozialistischer Irrglaube zu meinen, die Menschen seien gleich. Nicht nur ihre Kräfte und Begabungen, auch ihre Bedürfnisse sind verschieden. A. will daumendicke, B. hauchdünne Brotscheiben. C. bevorzugt ein Gefälle nach links, D. möchte Stufen, egal wohin. Doch mehr noch: In der Weise, wie er sich mit Hilfe eines Brotmessers eine Scheibe vom Brotlaib abschneide, verkörpere und offenbare sich die Eigenart eines Menschen. Unter Brotschneidemaschinen werde diese geopfert, wie bei Guillotinen.

Als gelernter Handwerker kann ich mich dieser Argumen-tation nur schwer verschließen. Ein Tapezierhammer wird so »subjektiv« wie eine Spitzhacke geführt. Halten wir uns auch Kommunarden oder Kommunardinnen vor Augen, die mit Spaten, Sense, Heugabel umgehen. Immer mischt sich die Eigenart des Handhabers in die uralte Aufgabe. Es kommt hier bestenfalls zu Ähnlichkeiten – nie zu Repro-duktionen. Eben das ist jedoch bei Brotschneidema-schinen, Mähdreschern und Fabriken der Fall, die solche Geräte herstellen. Sie stoßen immer das Gleiche aus. Die maschinelle Produktion arbeitet exakt. Warum? Ersichtlich nur deshalb, weil ihr Normen zugrundeliegen. Sie normiert ihre Produkte und normiert damit die ganze Welt. Sie macht uns normal. Fällt einer aus der Norm, beispielsweise durch Selbststudium oder Fernsehabsti-nenz, taugt er nichts. Das ist noch das mindeste! Vielleicht ist er sogar anormal oder abnorm.

Bekanntlich gingen die moderne Technik und die kapitalistische Warenproduktion vor rund 250 Jahren eine Ehe ein, die immer inniger wurde. Ich habe mich schon öfter nach dem Grund dieser großen Zuneigung gefragt. Hier drängt er sich endlich auf. Denn wie die Maschinerie auf Norm beruht, so auch die kapitalistische Warenpro-duktion. Ihr liegt der alles regelnde, freilich auch alles entsinnlichende Tauschwert zugrunde. Ohne den Tauschwert – der sich im Lauf der Jahrhunderte vom Warenkörper löst und dadurch zum Geld wird – wäre das moderne Marktgeschehen unmöglich. Das Geld – auf genormter Zeit beruhend – schert gerade so alle Dinge über einen Kamm, wie der Automat Schokoladenoster-hasen oder Tageszeitungen ausstößt. Im wesentlichen ist unsere, von Adam Smith gepriesene »Schöne Gesell-schaftsmaschine« nichts anderes als eine Stanze. Sie konnte nur einem gnadenlos quantitativen Denken entspringen.

Demnach handelt es sich bei der Ehe zwischen moderner Technik und kapitalistischer Warenproduktion um einen Männerbund. Darin herrschen Gewalt und Gleichma-cherei. Deshalb dürfen jetzt auch Frauen Porsche fahren, »Arbeitsagenturen« leiten, Kriege führen. Darin herrschen Gleichgültigkeit, Perfektion – Leere. Denn nach Klaus D. Frank ist das Perfekte immer auch das Tote. Das Lebendige hat und erstrebt nie Perfektion. Es überrascht uns gern – und sei es durch Fehler. Es fällt aus der Norm.
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