Montag, 11. Juli 2022
Handfestes
2022


In der aufschlußreichen Broschüre Puppen und andere Spielwaren aus Waltershausen von 1986 hat mich ein Foto aus der hiesigen größten Puppenfabrik besonders belustigt. In dieser aus rotem Backstein gemauerten Fabrik hausen seit 2003 Kommunarden. Damals jedoch liefen dort noch die berühmten biggi-Puppen vom angeblich volkseigenen Band. Eine gutgepolsterte, wuschelköpfige Dame im geblümten Kittel zieht ein Schmollmündchen, während sie aus ihren Kulleraugen den gleichfalls dunkelhaarigen Puppenkopf begutachtet, den sie in Händen hält. Ein Bewunderer textet: »Die Meisterin vom Montageband – sieht sie nicht wie ihre Puppen aus?«

Ja, das könnte bald unser aller Schicksal sein: zu Puppen zu mutieren. Aber ich will nicht gleich zu allgemein werden. Hoffentlich lebt die Meisterin nicht mehr, denn ich muß ihr zudem Wurstfinger bescheinigen. Dafür kann sie allerdings nichts. Zur Strafe hat der Zufall auch mich mit den falschen Händen ausgestattet. Das wäre also, nach der Stimme, schon wieder ein körperlicher Makel an mir. Jedenfalls passen meine Polstererpranken nicht gut zu dem ganzen Rest. Für KlavierspielerInnenhände würde ich meine Spanische Gitarre verkaufen. Aber sie sind selten. Bölls Hans Schnier – ein gitarrespielender Clown – bescheinigt Männerhänden allgemein die Beschaffenheit angeleimter Holzklötze. Zu allem Unglück sind Hände auch noch verteufelt schwer zu malen, wie sich bei jedem Rundgang in einer Gemäldegalerie überprüfen läßt. Das Wiener Kunsthistorische Museum hat zum Beispiel ein Porträt zu bieten, das der Niederländer Anthonis Mor 1549 anfertigte. Weit entfernt, Holzklötzen zu ähneln, hängen die Hände des dargestellten Herrn Antoine Perrenot de Granvelle an seinem schwarzen Rock herab wie plattgeklopfte Euter von Zwergziegen. Von solchen Witzfiguren mußten sich Mor und Kollegen aushalten lassen! Besonders bedauernswert sein spanischer Kollege Bartolomé Esteban Murillo, der sein hübsches Gemälde Buben beim Würfelspiel verdarb, indem er die Buben mit Krallen statt Händen ausstattete. Das um 1670 geschaffene Werk hängt in der Münchener Alten Pinakothek. Angesichts dieser Mißgeburten an den Ausläufern unserer Arme verfuhr Welskopf-Henrichs Rose des Indianer-reservats Queenie King nur folgerichtig, wenn sie ihren zudringlichen angesoffenen Nachbarn Harold Booth mit dem Messer an ihre Hüttenwand nagelte: durch die Hand gestochen. Er hätte sie andernfalls vergewaltigt.

Um auch ein »positives« Beispiel, also eine gelungene Darstellung von Händen anzuführen, will ich ein Werk des schwedischen Malers und Kunstschriftstellers Sven Richard Bergh erwähnen, das mir in meinem Brockhaus (Band 3 von 1987, S. 120) aufgefallen ist. Das Gemälde von 1886 zeigt Die Frau des Künstlers – wohl Helena Maria Klemming (1863–89). Die Ärmste, so hübsch sie auch war, wäre also ebenfalls eine Kandidatin für mein LdF gewesen. Auf dem Bild liegen ihre Hände, mit den Innenflächen nach oben, leicht gekreuzt auf ihrem Schoß, wohl im Rahmen einer Näharbeit. Ob ihr Bildner sie immer so gut behandelte, wie ihm ihre langfingrigen Hände gelangen, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Wichtiger als dieses eine Gemälde ist allerdings der Vorzug von Händen überhaupt. Denn daran wird neuerdings kräftig gerüttelt. Mit der Ausrufung der jüngsten soge-nannten Pandemie war das bekannte – und vor allem in der ehemaligen DDR beliebte – Händeschütteln plötzlich tabu. Das muß man sich einmal klarmachen! Durch Jahrtausende hinweg waren Hände ein auszeichnendes Instrument oder Symbol menschlichen Vermögens und Sichverbindens. Der »Handschlag« besiegelte sogar Verträge. Das »Handauflegen« heilte; zuweilen be- oder verzauberte es auch. In der Puppenfabrikkommune war es selbstverständlich, sich bei feierlichen Anlässen, im Kreise, bei den Händen zu halten. Durch die Hände verströmt und vermischt sich das Leben. Jetzt sollen wir aber tot sein.

Der letzte Satz ist vielleicht zu verwaschen. Gewiß wünschen uns die großen DrahtzieherInnen leblos wie Puppen oder Marionetten, aber das dient gerade der Abschaffung des Todes. Als Puppen, Computermäuse oder Schaltkreise sind wir unsterblich. Damit spiele ich auf den Zusammenhang mit weiteren Abschaffungen an, denen wir seit einigen Jahrzehnten beizuwohnen haben. Meines Erachtens ist er offensichtlich. Abgeschafft werden: die Nähe, das Herzliche, das Körperliche, der Raum, die Gestalt und dergleichen mehr. Alles, was sich nicht zeitlich, nämlich digital, erfassen und steuern läßt, wird abgeschafft. Diese Warnung, »Zeit frißt Raum!«, predige ich seit Jahren. Mit der Gestalt wird übrigens auch die Melodie abgeschafft, wie ich gewissen Musikern beiläufig bestätigen möchte. Nämlich: von ihnen.

Ich führe zum Abschluß noch ein anderes bedauerliches Opfer der Abschaffung des Raumes an. Es ließ sich einstmals fast so gut wie ein gediegenes Buch zur Hand nehmen. Sie erraten es? In meiner Jugend brauchte man nur eine gut gemachte, nicht zu großformatige und noch nicht mit scheunentorgroßen Bildern überladene gedruckte Zeitung aufzuschlagen – schon war der Raum, ja das Universum eröffnet. Da konnte man seine Blicke schweifen lassen und sich genießerisch für das eine oder das andere entscheiden. Versuchen Sie das einmal am Bildschirm! Sie scrollen und klicken und hüpfen wie ein Affe im Zoo. Sie steigern das Tempo, weil Sie ja sowieso keine Zeit haben. Aber gerade die uhrenhafte, absolut gleichförmige, lineare »Zeit« war es, die den gedruckten Zeitungsraum zerstörte. Der dreieinige Gott des Computers heißt Abfolge–Reihung–Durchgang. Den Glauben, auch in einer Internetzeitung könnten Sie noch verweilen oder in Vergangenes tauchen, werden Ihnen spätestens die Laufzeilen und Schilder über das gerade »Neuste« rauben, die den Bildschirm und Ihre Stirn unablässig mit Zecken spicken. Durch seine hartnäckige ständige »Aktualisierung« wird Ihnen der Webmaster der Internetzeitung das Denkvermögen aus dem Hirn saugen und Ihnen dafür das Gefühl einimpfen, alles sei gleichermaßen wichtig wie belanglos. Das ist die ideale Basis für das Mitwirken der Schafsköpfe zu Hause an der Politischen Willensbildung und den Staatsgeschäften. Es beläuft sich aufs Glotzen.
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