Montag, 11. Juli 2022
Coleen

(† 2010), Kind aus Nordthüringen, im Alter von drei Jah-ren von vier Bullterriern getötet. Coleens Berufswünsche sind nicht bekannt. Vielleicht wäre sie Gärtnerin, Hartz-IV-Empfängerin oder Diät(en)planerin eines Erfurter Landtagsabgeordneten geworden. Sie stammte aus dem nordthüringischen Oldisleben, einem Nachbardorf von Sachsenburg, wo sie an einem Freitagnachmittag Ende Mai 2010 ihre 44jährige Tante besuchte, die ihr Haus unter anderem mit vier American Staffordshire Terriern teilte. Zum Tatzeitpunkt hielt sich das Kind im Haus, die Tante im Garten auf. Aus ungeklärten Gründen jäh von den Kampfhunden angefallen, flüchtet sich Coleen in die Arme ihrer ebenfalls im Haus anwesenden Urgroßmutter, die das kleine Mädchen zu schützen sucht, aber zu Fall kommt. Die 72jährige Frau wird von den Hunden schwer verletzt, das Mädchen buchstäblich zerfleischt. Es stirbt an Ort und Stelle, noch ehe der alarmierte Rettungswagen eintrifft.

Die Hunde, die keinen Zwinger besaßen, wurden noch am selben Tag von einem Amtsarzt eingeschläfert. Wie sich herausstellte, waren sie nicht angemeldet gewesen. Einige entsetzte DorfbewohnerInnen bekannten, sie hätten schon seit langem vor den kurzhaarigen bulligen Tieren Angst gehabt. Eine Gutachterin bezeichnete die vier Kampfhunde als »tickende Zeitbomben«. Trotzdem kam die illegale Hundehalterin ein Jahr darauf vorm Amtsgericht Nordhausen wegen »fahrlässiger Tötung« mit einem Jahr Haft auf Bewährung und 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit davon. Ihr Verteidiger hatte sogar auf Freispruch plädiert.*

Nach Pressemeldungen registrierten die Ordnungsämter Thüringens für das folgende Jahr 2011 genau 482 »Beiß-angriffe« von Hunden unterschiedlichster Rassen. Dabei seien in 281 Fällen Menschen verletzt worden, 73 von ihnen schwer. Daneben wurde ein 62jähriger Hofbewoh-ner, im November desselben Jahres, in Wülfingerode, Kreis Nordhausen, von seinem eigenen Dobermann getötet. Er hatte ihn am späten Abend noch einmal aus dem Zwinger auf den Hof gelassen, wohl aus Gefälligkeit, zwecks Auslauf. Da fiel ihn der kurzhaarige schwarzbraune Wächter an. Das hatte schließlich den gleichen therapeutischen Effekt, für den Hund.

Bundesweit soll es jährlich zu ungefähr 30–40.000 Bißverletzungen durch Hunde kommen. Todesopfer: im Schnitt drei. Die meisten Opfer sind Kinder, betont ein Zeitungsredakteur.** Grundsätzlich stellt der Mann die Hundehaltung mit keinem Komma in Frage. Das ist krassen Unrelevanten wie mir vorbehalten, die sich deshalb (und aus 100 anderen Gründen) vermutlich den Haß breiter Volksschichten zuzögen, sofern sie kein Schattendasein führten. Übrigens wächst das Hundevorkommen in Deutschland. Derzeit hätten wir schon fast 9 Millionen Hunde, versichert der Redakteur. Ich nehme an, hier waltet dasselbe Gesetz, das die Verarmten und Entrechteten bislang in Krisenzeiten vermehrt an die Kinokassen trieb. Und da sie jetzt nicht mehr ins Kino dürfen und auch keine Partys mit Zweibeinern mehr gestattet sind, wegen der Ansteckungs-gefahr, sind sie eben in der Lage, verstärkt Hundefutter einzukaufen. Das können sie wahlweise mit Maul-korb=Atemschutzmaske oder Online tun. So oder so, laufen sie an der Leine.

* »Gericht verurteilt Halterin zu Bewährungsstrafe«, Spiegel, 31. März 2011: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/toedliche-hundeattacke-gericht-verurteilt-halterin-zu-bewaehrungsstrafe-a-754280.html
** Markus Brauer, »Beißattacken durch Hunde …«, Stuttgarter Nachrichten, 12. April 2018: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.beissattacken-durch-hunde-sieben-fakten-ueber-gefaehrliche-hunde.07f89516-3c90-4e20-97b0-2c060c43141d.html

°
°