Montag, 11. Juli 2022
Meier, Silvio

27 (1965–92), Werkzeugmacher, Drucker, Folkmusikfan und Hausbesetzer. Er stammte aus Quedlinburg am Harz, zog später nach Ostberlin. Er lachte gern. Fotos zeigen ihn schmalgesichtig, dafür mit kräftiger Hakennase. Er gehörte zur linken DDR-Subkultur. Schon 1987 hatte er eine harte Begegnung mit »Skinheads«, also faschistisch gestimmten jungen Leuten. Sie mischten in der Zionskirche ein Konzert der einheimischen Rockband Die Firma und der Westberliner Gruppe Element of Crime auf, das Meier mitorganisiert hatte. Zuletzt wohnte er, in Friedrichshain, im zweiten Haus, das nach der »Wende« in Ostberlin besetzt worden war. Dort hatte seine Gefährtin C. gerade ein Söhnchen bekommen. Am 21. November 1992 abends war der 27jährige mit drei Freunden zum Club Eimer in Berlin-Mitte unterwegs. Es kam zum Streit mit fünf Skinheads, die Meier wegen ihrer Aufnäher zur Rede gestellt hatte: denen zufolge waren sie stolz darauf, Deutsche zu sein. Einer von ihnen zog ein Messer und erstach Meier. Zwei Freunde wurden schwer verwundet. Im besetzten Haus herrschte natürlich Entsetzen. Die Täter kamen später mit wenigen Jahren Gefängnis davon. Die Polizei habe alles getan, um den Mord zu entpoliti-sieren, sagte einer der Verletzten in einem Rückblick.* Es gibt bis heute regelmäßige Mahnwachen zum Gedenken an Meier. 2013 wurde eine Friedrichshainer Straße nach ihm benannt.

Zur Todeszeit Meiers hatte sich meine Westberliner Musikgruppe, Trotz & Träume, längst aufgelöst. Um 1980 hatten wir wiederholt in besetzten Häusern gespielt. Wir selber wohnten aber in einem Kreuzberger Hinterhaus zur Miete. Wir hatten mit der Hauseigentümerin Glück; sie war keine Halsabschneiderin.

In Waltershausen wohne ich am Stadtrand. In der Stadt unterwegs, schaue ich zuweilen an meinem jüngsten baupolitischen Ärgernis vorbei. Unweit unserer winzigen Altstadt liegen zwei Fabrikbrachen, die durch eine schmale, kaum befahrene Einbahnstraße getrennt werden. Auf der Ostseite schickte man sich im Herbst 2019 plötzlich an, ein mittelgroßes Einfamilienhaus zu errichten! Ich dachte, ich sehe nicht recht. Schräg gegenüber, auf der westlichen Fabrikbrache (hinter der die Waltershäuser Feuerwehr liegt) dämmert nämlich seit Jahren ein nur geringfügig kleineres und durchaus gut erhaltenes Einfamilienhaus in den Gestrüppen und Schutthügeln vor sich hin – offensichtlich unbewohnt. Es war beim Abriß einer Puppenfabrik verschont worden. Die Leute, die jetzt den Neubau errichteten, hätten sofort einziehen können. Das hätte ihnen und vor allem der Volkswirtschaft manchen Aufwand erspart. Warum das ältere Haus leersteht, konnte ich nicht herausbekommen. Ich erfuhr lediglich, die beiden Brachen gehörten zwei verschiedenen Eigentümern. In diesem Umstand liegt also vermutlich die unüberwindliche, wenn auch in der Einbahnstraße unsichtbare Hürde. Aber jeder weiß es ja: dieses Goldene Kalb namens Privateigentum zerrt keiner aus der Einbahnstraße. Womit ich keineswegs um eine Wiedererweckung des Staatseigentums gebeten haben möchte.

Millionen Vermögenslose in diesem Lande, darunter auch Bekannte von mir, stöhnen jetzt wieder unter der Knute des Mietsystems. Die VermieterInnen können vermieten, müssen aber nicht. Die Vermögenslosen dagegen müssen wohnen. Und eben Miete zahlen, sei sie vergleichsweise niedrig oder haarsträubend hoch.

Gewiß, wir sind das Mietsystem gewohnt. Man macht sich jedoch zu selten klar, wie jung und wie abartig es ist. Wenige vom Schicksal und vom Staat begünstigte HauseigentümerInnen ziehen ihren Profit aus der Not von Vielen, irgendwo ein Dach über dem Kopf zu finden. Das hat es über Jahrtausende hinweg nie gegeben. Die Jäger und Viehzüchter der Jungsteinzeit hatten ihre Hütten oder Häuser so gut, wie sie manche SüdseeinsulanerInnen sogar noch heute haben. Die PrärieindianerInnen zankten sich vielleicht gelegentlich um die günstigsten Standplätze, aber der Zeltplatz im ganzen gehörte allen. Noch die mittelalterlichen Dörfer und Städte Europas kennen wahrscheinlich so gut wie keine Mietwohnungen. Die Bauernhäuser bargen die Bauersfamilie, die Patrizier-häuser die Patriziersfamilie, vermietet wurde da nichts. Ich nehme an, die Sache wurde erst mit der sogenannten Industrialisierung ernstlich interessant. Bauern, Handwerker, Soldaten wurden herdenweise von ihren Schollen in die Fabriken getrieben und waren nun auf Verschläge angewiesen, in denen sie Nacht für Nacht und sonntags ihre Arbeitskraft wiederherstellen konnten. Die Benutzungsgebühr für die Verschläge konnte man ihnen gleich vom Lohn abziehen. BürgerInnen, die fast so ausgefuchst waren wie die ersten Goldschmiede (die gegen Zinsen Kredite=Papiergeld aufgrund eines nichtvor-handenen Goldbestandes ausgegeben hatten), erfanden den neuen Beruf »Vermieter«. Da das Erbsystem ohnehin schon bestand, kamen einige BürgerInnen in der Folge gleich als VermieterInnen auf die Welt. Die meisten Leute wurden allerdings Mieter.

Die bekannte, schon oft verspottete Sehnsucht nahezu sämtlicher Kleinen Leute nach dem Eigenheim ist natürlich verständlich. Sie ist so natürlich, wie jedes Kaninchen seinen Bau und jeder Sperling sein Nest hat. Wieviele Personen das Eigenheim fassen soll, ist dabei erst einmal nebensächlich. Im Falle der hiesigen Puppen-fabrikkommune sind es leider nach wie vor lediglich um 20; dafür in der thüringischen Zwergrepublik Konräteslust bereits rund 3.000. Dort verteilen sie sich auf etliche Häuser. Wesentlich ist, daß mich aus meinem Eigenheim niemand heraussetzen kann, es sei denn, mit roher Gewalt. Diese Gefahr bestand auch in der Steinzeit schon. Die sanfte Gewalt ist dagegen ein neuzeitliches Phänomen, eine Errungenschaft des Fortschritts. Man klagt, sanktioniert oder mobbt jetzt die Leute heraus.

* »Solidarität macht Mut«, AIB (Berlin-Kreuzberg) 57, 13. Oktober 2002: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/%C2%BBsolidarit%C3%A4t-macht-mut%C2%AB
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