Sonntag, 10. Juli 2022
Natsagdordsch, Daschdordschiin

30 (1906–37), mongolischer kommunistischer Schrift-steller und Abweichler. Zwischen China und Rußland eingeklemmt, wirkt das riesige Land der Mongolen für flüchtige BeobachterInnen meist bedeutungslos. Es ist mehr als viermal größer als Deutschland, aber vergleichsweise menschenleer. Die Hälfte der gut drei Millionen Mongolen ballt sich heute bereits in der von Gebirgen, Steppen und Wüsten umgebenen Hauptstadt Ulan-Bator. Wer Weite und Stille sucht, wird sie wahrscheinlich noch immer in der Mongolei finden. Notfalls genügt Natsagdordsch' berühmtes langes Gedicht Meine Heimat von 1933. Schlankes Gras wiegt seine Ähren im Wind, die blau überwölbte Steppe gaukelt manch wundersames Bild vor; die Jurten der Nomaden nennt der Autor nicht, gleichwohl sieht man die Rauchfäden aus diesen kreisrunden, eher stumpf bedachten Zelten steigen, die offenbar gleichermaßen gut vor Hitzewellen und klirrender Kälte schützen. Ungeachtet früherer Ausfälle gegen Heimat und Lyrik muß ich einräumen, dieses innige Werk eines scheinbar schlichten Gemütes ergreift sogar mich. Daran dürfte die Übersetzerin Renate Bauwe keinen geringen Anteil haben. Sie stellt Meine Heimat und noch manches andere auf ihrer Webseite vor.*

Natsagdordsch stammte aus verarmtem Adel. Seine Mutter hatte er früh verloren. Der Vater, ein Kanzlei-schreiber, ermöglichte ihm Bildung. So wurde Natsagdordsch gleichfalls Sekretär. Bald nach der Volksrevolution 1921 gelangte er trotz seiner Jugend in hohe Partei- und Staatsämter. Daneben schrieb er Lieder und beteiligte sich, gemeinsam mit seiner ersten Frau Pagmadulam, an einer hauptstädtischen Theatergruppe, die als Keimzelle der neuen Kultur gilt. Ab 1925 folgen Studienaufenthalte in Leningrad und Deutschland, dort wohl hauptsächlich in Leipzig. Auch dabei begleitet ihn seine Frau. 1929 heimgekehrt, ist Natsagdordsch vorwiegend geisteswissenschaftlich, übersetzerisch und literarisch tätig. So schrieb er, aus Märchen schöpfend, die Vorlage für die nach wie vor vielgespielte Oper Die drei traurigen Hügel. Ein Roman blieb unvollendet.

Bald nach 1930 setzte Natsagdordsch' Niedergang ein. Maßgebliche Parteikader warfen ihm, nach Bauwe nicht ganz grundlos, Linksabweichung und westliches Gebaren vor. Selbst seine zweite Ehe mit der Sowjetbürgerin Nina Tschistakowa, die eine deutsche Mutter hatte, stieß auf Mißfallen. Im Winter 1935 wurde Tschistakowa sogar mitsamt der kleinen Tochter Ananda-Schri in die SU ausgewiesen – ohne den Gatten. Der hatte inzwischen auch schon einmal für ein halbes Jahr Bekanntschaft mit dem Gefängnis gemacht. Jetzt »resignierte und vereinsamte« er immer mehr, »ergab sich dem Alkohol und starb völlig mittellos«, schreibt Bauwe in einem 2011 überarbeiteten Porträt. Der Mann war erst 30 Jahre alt. Heute thront er in seinem Sterbeort Ulan-Bator in Bronze, wie ich vermute, auf einem fetten Klotz aus weißem Stein: der Nationaldichter.

Um 1990 ging die Mongolei den bekannten Weg in die kapitalistische Demokratie. Zu den Galionsfiguren des »Umbruchs« gehörte der meist als sehr ehrenwert gelobte Gelehrte Sandschaasuren Zorig (1962–98), auch Sanjaasürengiin geschrieben. Er machte politisch Karriere. Im Herbst 1998 hatte der 36jährige »Infrastruktur-minister« gerade gute Aussichten auf den Posten des Regierungschefs, als er in seiner Wohnung von zwei maskierten Personen überrascht und erstochen wurde. Ein schnöder Raubüberfall war es offenbar nicht. Dafür hatte er als »Infrastrukturminister« Staatsaufträge von beträchtlichem Umfang zu vergeben. Vielleicht wollte man unliebsame Enthüllungen oder ungünstige Weichen-stellungen unterbinden. Erst 2016/17 soll es zu einem Prozeß gekommen sein – jedoch hinter verschlossenen Türen. Angeblich wurden drei Personen zu hohen Haftstrafen verurteilt. Laut der einheimischen (englischsprachigen) UB Post wird aber weiter nach dem Drahtzieher des Mordes gesucht. Die Akten des Falles umfaßten 14.926 Seiten, verrät das Blatt.** Die Demokratie mag unvollkommen und undurchsichtig sein – ihren Fleiß kann niemand bezweifeln.

* http://www.mongolian-art.de/03_mongolische_literatur/literatur_index.htm
** Bayarbat Turmunkh, »S. Zorig's assassination case file to be declassified«, 4. Dezember 2017: https://web.archive.org/web/20171229113829/http://theubpost.mn/2017/12/04/s-zorigs-assassination-case-file-to-be-declassified/

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