Sonntag, 10. Juli 2022
Hundbiß, Friedrich Anton von

36 (1769–1805), süddeutscher Obervogt, bringt sich um. Der Obervogt war ungefähr dem späteren Landrat vergleichbar, nur nicht in parlamentarischen, vielmehr feudalen Diensten. Von Hundbiß' Vater hatte dieses Amt auch schon bekleidet. Amtsgebiet war die Bodensee-Insel Reichenau nebst einigen umliegenden Festlandsgebieten. Von Hundbiß junior residierte auf »seiner« Insel in der stattlichen zweigeschossigen »Kaiserpfalz«, die über etliche Nebengebäude verfügte und, mit ihrem hohen Rittersaal, auch Gerichtssitz war. Sein oberster Dienstherr war vorwiegend ein Konstanzer Fürstbischof, zuletzt, seit 1803, ein badischer Markgraf. Von Hundbiß war mit der gleichaltrigen Freiin Sophie von Rotberg verheiratet und zeugte zwei Kinder – in der Ehe jedenfalls. Theodor Humpert* möchte nicht behaupten, die Ehe sei glücklich gewesen, weiß aber auch nichts von ihr. Nach sicherlich »bösen Zungen« habe der junge Obervogt so manchem heimischem Mädchen nachgestellt. Andererseits zitiert Humpert aus einem 1805 (im Todesjahr) verfaßten Brief an Von Hundbiß' Gönner und Freund Ignaz Heinrich von Wessenberg, Konstanzer Generalvikar: »So lieb wie Sie war mir noch kein Mensch, ich könnte für Sie mein Leben geben …« Das mag unter Umständen als schwule Neigung ausgelegt werden, beweist aber wenigstens, der Generalvikar war ihm lieber als die Schraube zu Hause.

Als Obervogt hatte Von Hundbiß »die Hoheitsrechte in allen Justiz-, Polizei- und Forstangelegenheiten« inne, und er scheint sie auch mit Lust wahrgenommen zu haben. Heimatforscher Humpert steht ihm in seinem »jugend-lichen Feuereifer« kaum nach. Der Obervogt habe nicht nur die Bestechung unter Beamten und Waisenpflegern bekämpft, die nächtlichen Zechgelage nach 22 Uhr verboten und den einträglichen Weinbau auf Reichenau zu steigern versucht, sondern er sei auch mit »unerbittlicher Strenge« allem »lichtscheuen Gesindel«, das sich bei Konstanz, auf dem Bodanrück oder auf der Insel herumtrieb, auf die Pelle gerückt. Sein besonderes Verfahren gegen aufgegriffene »Spitzbuben, Tunichtgute und anderes Gaunerpack« (so Humpert) habe darin bestanden, sie erst einmal von der Polizei tüchtig »ausprügeln« zu lassen. Das habe »auch unter diesen Leuten« oft eine heilsame Wirkung gezeigt und damit der Obervogteikasse manche Verpflegungskosten im Zuchthaus erspart. Man fühlt sich hier unweigerlich an den kurhessischen Juristen und Spitzenpolitiker Ludwig Hassenpflug (1794–1862) erinnert, der zeitweise sogar die Prügelstrafe wieder einführte, um seinem Spitznamen »Hessenfluch« auch wirklich gerecht zu werden. Der Reaktionär gibt ein Glanzlicht in meiner Betrachtung »Spitznamen, aufgespießt« von 2012 ab, die ich auf Wunsch gern verschicke. Humpert merkt an, die Sippe des Reichenauer Obervogts habe sich streckenweise auch »Hundpiß« geschrieben. Da hatte sie ja den Uringestank, der ihr an den Landstreichern mißfiel.

Zwar schreibt Humpert, der Regimewechsel von 1803 – das Fürstentum Konstanz fällt an Baden – habe Von Hundbiß stark zugesetzt, aber die genauen Gründe nennt er nicht. Der Obervogt blieb nämlich durchaus im Amt. Womöglich wurden seine Bezüge gekürzt? Die schweizerischen Teile seines Amtsgebietes hatte er ja offenbar schon im Zuge der Thurgauer Unabhängigkeits-bewegung von 1798 eingebüßt. Seine Amtsführung wurde nach wie vor gelobt, owohl er sich Kritik an der neuen Landesherrschaft keineswegs verkniffen habe. Vielleicht wehte jetzt einfach ein liberalerer Wind über den Bodensee. Jedenfalls soll der Obervogt dem Generalvikar schon im Frühjahr 1805 seine »böse Schwermut« eingestanden haben. Trübe Gedanken und Todesahnungen hätten ihn heimgesucht. Wenige Monate später, am 18. September, macht sich der 36jährige »seinen« See zunutze: er ertränkt sich. Ob es einen unmittelbaren Auslöser gab (bei dieser Kühle!), scheint niemand zu wissen. Das gilt auch für das Wie. Humpert zufolge vermerkt das Totenbuch von St. Johann ausdrücklich, Näheres finde sich auf einem besonderen Blatt am Beginn des Buches – doch ausgerechnet dieses Blatt fehle, so ein Pech.

Vielleicht nahm er ein Ruderboot mit Anker – und band sich diesen dann vielmals verknotet ans Bein, bevor er »ausstieg« … Wichtiger dürfte freilich die Frage sein, was es eigentlich mit der vielbeschworenen Heimat und der Liebe zu ihr auf sich habe. Wie sich versteht, hält auch das verdienstvolle Heft meiner Quelle die Heimatliebe schmerzlich hoch. Wenn Hermine Maierheuser freilich (auf S. 128) dichtet, »Heimat, du rauschest in jeglichem Baum, / Heimat, du wirkst in der Fremde den Traum, der uns mit Mächten nach Hause treibt«, verrät sie eine Ahnung von der haarsträubenden Zufälligkeit der Angelegenheit. Erblicke ich das Licht der Welt in Baden, stehen die prächtigsten Fichten der Welt im Schwarzwald; wenn aber nicht, dann im Erzgebirge oder in Kanada. Hier wie dort hängt unsere Empfindung der Geborgenheit, ja unsere Idendität überhaupt an ganz bestimmten, einzigartigen Fichten, bilden wir uns ein. Dabei sind es überall die gleichen. In Wahrheit lauert der Unhold des BesitzerInnenstolzes, der Intoleranz und des Fanatismus in den traulichen Wäldern der HeimatliebhaberInnen. Meine Heimat ist besonders wertvoll; sie ist liebenswerter und wichtiger als deine Heimat. Dieser Irrglaube entsteigt der allgemeinen, außerordentlich hartnäckigen Neigung des Menschen, »das Eigene« zu überschätzen und notfalls das Kriegsbeil für es zu wetzen. Deshalb hält sich der Kapitalismus schon so verblüffend lange, obwohl er x-mal mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt. Im Kapitalismus darf man auf sein Eigentum pochen – mag es aus Grundstücken, Romanstoffen, Vorzügen, Meinungen, Ansprüchen, angeblichem Recht bestehen. In der Heimatliebe haben wir den Boden, aus dem Eigennutz und Selbstgerechtigkeit, Patriotismus und Doppelmoral in einem sprießen. Wenn die Inselgemeinde Reichenau heute über einen ansehnlichen Waldbesitz auf dem Bodanrück verfüge, stellt Heimatforscher Humpert fest, »so verdankt sie dies ihrem Obervogt v. Hundbiß, der am 25. Juli 1801 bei der Verteilung des sogenannten Dettinger Waldes rund 682 Jauchert** den Reichenauern zusprach.« Er schanzte es also zunächst einmal sich selbst und seinen beiden Sprößlingen zu. Den Landstreichern schenkte er die Prügel.

* »Friedrich von Hundbiß, der letzte Obervogt der Reichenau«, in: Badische Heimat, 32. Jg. 1952, Heft 2/3, S. 99–103
** 1 Jauchert = ca. 1/3 Hektar

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