Sonntag, 10. Juli 2022
Haus Rübezahl
Um 2002


Wanderkarten von Nordhessen kennen es genau – sogar mit Namen. Es liegt als einziges festes Gebäude auf dem rund 300 Meter hohen Wartberg, der mit einigen schroffen Basaltfelsen vor bürstigem Gehölz gen Fritzlarer Dom schaut. Ihm vorgelagert ist ein stärker bewaldeter Hügel mit dem Gruselnamen Leichenkopf, an dessen Fuß ich Bott zuliebe die »Kommune Emsmühle« angesiedelt habe. Zu ihr unterhält mein Snooker spielender Zeitungszusteller aus Gudensberg gute Beziehungen. Einmal ist er dem Kasseler Landrichter, Jäger und gutbetuchten Reaktionär Horst Kallenbreuer auf den Fersen. Ihn quartierte ich schweren Herzens im Haus Rübezahl ein. Später, in meiner Erzählung »Schnitzeljagd mit Leichenschmaus«, durfte es, angemessener, das Domizil der Kunstmalerin Ortrun Kramm abgeben.

Das schlichte eingeschossige Haus mit überdachter Terrasse und einem Walmdach, das unterhalb jener Felsen aus hohen wildwachsenden Hecken lugt, war um 1950 von zwei bitterarmen Leuten errichtet worden, die es sich buchstäblich vom Mund abgespart hatten: Toni und Max Barta. Das Ehepaar stammte aus Mähren. Ich lernte es im Gefolge meiner Mutter als Knirps kennen. Max war ein Hüne mit kantigem Schädel. Lachte er wiehernd, galoppierten seine buschigen, blonden Augenbrauen. Trotz seiner blauen Augen und seines Mutes hatte er nichts Herrisches. Im Gegensatz zu ihrem Gatten war Toni Barta ziemlich dick. Sie hatte einen Kropf und Wasser in den Beinen. Schlurfte sie durchs Erdgeschoß ihres unfertigen Hauses – Keller und Dachgeschoß betrat sie nie – nahm sie stets die Möbel, Wände, Türklinken als Geländer. Sie atmete schwer, seufzte und wehklagte viel – aber niemals hätte sie sich mit ihrer hohen singenden Stimme über den lieben Gott beschwert.

Obwohl im Haus Rübezahl ständig Geldnot herrschte, glaube ich nicht, daß sich die Bartas jemals ernsthaft stritten. Vielleicht erhielten sie eine kleine Rente. Jeden überzähligen Groschen steckten sie in ihr bescheidenes Heim, das über Jahrzehnte hinweg einer Baustelle glich. Bis zuletzt fehlten hier Scheuerleisten, dort Kacheln; im Dachgeschoß auch die Zimmertüren. Für elektrischen Strom mußte ein Generator sorgen. Fehlte das Geld für dessen Reparatur, brannte in der Küche eine Petroleumlampe. Überall Unaufgeräumtheit und Armseligkeit. Seine Besorgungen und Aufträge erledigte Max mit Hilfe eines klapprigen Fahrrades, das er sicherlich mehrere tausend Male den Wartberg hinaufschob. Allerdings konnten die Bartas einen gewissen Teil ihrer dürftigen Einkünfte stationär erzielen, nämlich durch einen kleinen Ausschank. Max hielt Limonade, Kekse, auch Flaschenbier bereit; Toni backte Kuchen und kochte Kaffee. Es handelte sich dabei keineswegs um eine richtige Gastwirtschaft. Aus den umliegenden Dörfern kam mal ein Bekannter auf ein Bier vorbei; aus Fritzlar, Warburg, Kassel machten die eingeweihten Wandervögel bei den Bartas Rast.

Tatsächlich steht der Wartberg schon seit Jahrzehnten unter Naturschutz. Zum Beispiel hat er die winzige pinkfarbene Heidenelke, den stolzen Rotmilan und manchen Neuntöter zu bieten. Der Panoramablick über die Herzgegend des Chattengaus kommt hinzu. Die Chatten waren die ersten Hessen. Sie saßen zwischen Gudensberg und Niedenstein. Auf dem Wartberg hätten sie, wenn es nach mir gegangen wäre, die Flagge Vergeßt die Nationen! Nie wieder Krieg! gehißt. Max Barta hätte das Fahnentuch bemalen können. Geboren 1900, hatte er in Wien Maschinenbau und Gebrauchsgrafik studiert. Vor dem Zweiten Weltkrieg soll er zu den führenden mährischen Werbegrafikern gehört haben, wie Wikipedia zu entnehmen ist. Verwundet aus Breslau gerettet, hielt sich Max vor allem als Schildermaler und Schaufenstergestalter über Wasser. Als Künstler versuchte er sich auch. Er schnitzte Bergschrate aus Holz und malte schlesische Tannen oder nordhessische Dorfkirchen in Öl. An der östlichen Giebelwand seines Hauses gravierte er – wie hätte es anders sein können – einen überlebensgroßen Rübezahl in den weißen Verputz. Mit dickem Knotenstock und wehendem rotem Bart stapft der Sagenumwobene zu Tale. Hat er den Fritzlarer Dom angepeilt – oder wird er bereits bei den Anarchisten in der Emsmühle einkehren?

Bei aller unkonventionellen Lebensweise waren die Bartas doch sehr fromm. Von daher erklärt sich auch ihr letzter betrüblicher Schritt, ihre Bleibe, bevor sie (1989/90) starben, nicht meiner Mutter, vielmehr der Katholischen Kirche zu vermachen. Meine Mutter Hannelore hatte davon geträumt, Haus Rübezahl in ein kleines Wohnheim für Geistig Behinderte zu verwandeln. Den Bartas war sie über Jahrzehnte eine Art Tochter gewesen, die half, wo sie konnte, aber auch umgekehrt manchen Trost empfing. Auf ihr Betreiben hatte Max Barta natürlich auch das riesige Schild gemalt, das unser Geschäft am Gudensberger Untermarkt unübersehbar machte. Rot auf Gelb, vielleicht auch umgekehrt, zog sich da Rudolf Reitmeier / Rundfunk & Fernsehen über die Ladenfront. Jedenfalls hat es sich im Lauf meiner Kindheit in ein rotes Tuch verwandelt.

Meine Mutter trennte sich von ihrem Mann, als ich acht oder neun war. Sie kam, mit ihren beiden Söhnen, bei ihren Eltern in Kassel-Bettenhausen unter. Gelegentliche Besuche der Söhne beim Vater erübrigten sich bald, war es doch offensichtlich, daß er sich nicht gerade brennend für sie interessierte.

→ zu Kassel siehe auch Heft 2 Fieseler (Flugzeugbauer), Heft 13 Lyncker (Heimatforscher)
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