Sonntag, 10. Juli 2022
Das Haus der Wasseramsel
Um 2000, aus dem Reigen mit Miniaturen Vor der Natur


Um die alte Weide, die sich gar nicht so gram übers Flüßchen beugt, faucht der Winterwind. Sie hütet das Haus der Wasseramsel. Paul hing es ungefähr zwei Katzenbuckel hoch über dem Wasser an einem alten Schüreisen auf. Seine Rotgetigerte hätte jetzt leichtes Spiel. Der Regen, der vom steilen Hausdach rann, hat sich in dicke Eiszapfen verwandelt, die wie Pfosten auf dem Flüßchen stehen, das an dieser Stelle zugefroren ist.

Doch die Wasseramsel benutzt ihr Holzhaus nur saisonal. Im Winter ist sie damit beschäftigt, sich an den rau-schenden, eisfreien Stellen ihres Flüßchens auf den Frühling und ihre Mutterpflichten einzupendeln. Da wiegt sie sich auf einem umspülten Stein. Wird sie irgendwann ungehalten, geht ihr von eifrigem Blinzeln begleitetes Wiegen in erbostes Knicksen über. Willst du wohl kommen, verfluchte Wasserassel. Scheiß Kälte! Trotzdem stürzt sie sich in das eisige Wasser. Sie durchfuhrwerkt es. Sie paddelt, wirft sich umher, stochert im Grund, hüpft wie ein Korken wieder nach oben, boxt, wieselt, spritzt. Hat sie am Eisrand des Strudels wieder Tritt gefaßt, schüttelt sie sich wie eine Zwergwasserratte. Dann knufft und glättet sie ihr größtenteils erdbraun gefärbtes Gefieder und verfällt in wiegendes Behagen.

Das ist nur verständlich, ruht doch ein Klumpen Wasser-geziefer in ihrem Gedärm. Ihr weißer Brustlatz korres-pondiert mit den Flecken, die sie auf ihren Stammsteinen hinterläßt. Paul behauptet, das wahre Haus der Wasser-amsel sei das Wasser.
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