Sonntag, 10. Juli 2022
Das Schein-Lexikon
Um 2010


Es macht sich die Form herkömmlicher Nachschlagewerke wie Wörterbuch, (Real-)Lexikon, Enzyklopädie in literarischer Absicht zunutze. Die Lexikon-Form kann dabei mehr oder weniger verfremdet werden. Die Scheinhaftigkeit des angeblichen Lexikons kann offen eingeräumt oder kunstvoll verbrämt werden. Die Nähe zu Fingierungen, Fälschungen, Fakes kann groß oder gering sein. Selbst die alphabetische Anordnung der einzelnen Textstücke halten nicht alle Autoren für unabdingbar.

In der Spätantike wird die Bezeichnung Lexikon für Wörterbücher der griechischen Sprache verwendet. Das erste deutschsprachige als Lexikon bezeichnete Nachschlagewerk dürfte vom Barockdichter Gotthilf Treuer stammen, der 1660 einen rund 2.000 Seiten starken Zitatenschatz mit dem für Schein-Lexikographen schon wegweisenden Titel Deutscher Daedalus, begreiffendt ein vollständig außgefuhrtes Poetisch Lexicon vorlegt. Es bleibt nicht bei der Poesie. Als Medium, das ein systematisiertes Chaos präsentiert, strebt das Lexikon nach mehr. Es hat System, weil es sich beim Alphabet ohne Zweifel um ein strenges Ordnungsprinzip handelt. Allerdings unterwirft es die Phänomene, die es erfaßt, genauso zweifellos dem puren Zufall, was bedeutet, es löst das Chaos nie auf. Folgt Berta auf Anton, ist nichts über ihre Beziehung oder über ihr Verhältnis zur Umge-bung von Xanten ausgesagt. Aber das Ordnungsprinzip Alphabet ist verblüffend aufnahmefähig; nach Ansicht des Aufklärers Denis Diderot und seiner MitstreiterInnen – die als die ersten »Enzyklopädisten« gelten – paßt sogar die ganze Welt hinein. Spätestens hier – in Mitteleuropa um 1750 – mußten sich skeptische und gewitzte Köpfe finden, die mit einem (erstmals wohl von mir so genannten) Schein-Lexikon zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen suchten: einerseits Parodie der vielen fragwürdigen Wissensanhäufungsbemühungen der zivilisierten Menschheit, andererseits Präsentation der ureigenen, mehr oder weniger genauso fragwürdigen subjektiven Welt des Schein-Lexikon-Schöpfers.

Den Urvater des deutschen Schein-Lexikons haben wir womöglich in Gottlieb Wilhelm Rabener zu sehen. Der sächsische »Aufklärer« wartete 1745 mit einem offensichtlich satirisch gemeinten Versuch eines deutschen Wörterbuchs auf, das verständlicherweise von Lichtenberg begrüßt wurde, der bald darauf mit seinen Sudelbüchern in ähnlicher Richtung ging. Wegweisende ausländische Schein-Lexika waren Ambrose Bierces Wörterbuch des Teufels von 1906/1911 (USA) und Franz Bleis Bestiarium Literaricum von 1920, das die – zumeist berühmteren – Schriftstellerkollegen des Österreichers in Tiere verwandelt. Seeligers Handbuch des Schwindels von 1922 habe ich schon oft genug erwähnt. In jüngster Zeit warteten verschiedene Autoren mit Spezial-Schein-Lexika auf, die sich wahlweise solchen interessanten Fachgebieten wie Fabeltiere und Engel, Träume, Stilblüten, Fiktive Orte, Fiktive Künstlerbiografien, Nie geschriebene Bücher und dergleichen Absonderlichkeiten widmen.

Leider sind dem Schein-Lexikon-Autor nicht nur in thematischer Hinsicht keine Grenzen gesetzt, sondern auch was die Leichtfertigkeit angeht, mit der er sein Werk arbeitet. Eine alphabetische Anordnung verschiedener Beobachtungen kann selbstverständlich recht bequem sein, indem sich der Autor jede nennenswerte Mühe erspart, andere Zusammenhänge herzustellen. Er zieht der Durchdringung die Reihung vor. Das Erzählen verkommt zum Aufzählen. Andererseits kann das Schein-Lexikon in bewundernswerten Fällen eine beißende Kritik jener Wissensanhäufungsbemühungen (auch der Windbeutel- und Schaumschlägerei) darstellen und dem Alphabet trotzdem eine neue oder jedenfalls aufschlußreiche Sicht auf die Dinge abringen. Übrigens kann es auch die Willkür aller Einengungen verhöhnen oder geißeln, nämlich auf sogenannte Sachgebiete, Themen, Motive, also die Willkür von Abgrenzung und Auswahl. Es selber stemmt sich in den meisten Fällen gegen die bekannte Mauer zwischen »wissenschaftlicher« und »schöngeistiger« Literatur. Man wird wohl behaupten können, jedem guten Schein-Lexikon eigne Ambivalenz. Das sehr gute Schein-Lexikon atmet den Geist der Polemik und der Selbstkritik zugleich.

Die Gattung der Schein-Lexika ist noch wenig erforscht. Zu keinem geringen Teil wird die Forschung schon durch die Schwierigkeit vereitelt, einen angemessenen und einigermaßen breit akzeptierten Namen ihres Sachgebietes zu finden. Die Bochumer Germanistin Monika Schmitz-Emans arbeitet abwechselnd mit den Begriffen lexikographisches Schreiben / enzyklopädisches Schreiben / Lexikofiktion. Vor der Suchmaschine seines Internet-Browsers steht der Forscher ratlos. Ein unanfechtbarer Erfinder des Schein-Lexikons kann bislang so wenig präsentiert werden wie eine Vorhersage darüber, ob sich diese Gattung womöglich mit der Ausbreitung sogenannter Internet-Enzyklopädien erübrigen wird. Bekanntlich stehen und fallen diese nicht mit dem Alphabet, weil sie mit punktgenauer Suchmaschine arbeiten.

Ich möchte zum Schluß dieser kleinen Bestandsaufnahme ein nahezu seriöses Schein-Lexikon aus der Feder des österreichischen Biochemikers und Essayisten Erwin Chargaff hervorheben, der ja viele Jahrzehnte in New York lebte. Er brachte 1986 Serious Questions: An ABC of Sceptical Reflections heraus. Eine von ihm selbst vorgenommene deutsche Bearbeitung erschien dann drei Jahre später unter dem hübschen Titel Alphabetische Anschläge. Chargaff begnügt sich mit je einem Artikel unter jedem Buchstaben des Alphabets. Das genügt ihm für einen weltkritischen Rundschlag. Interessanterweise denkt er unter V (»Versuch mit unzulänglichen Mitteln«) über den Essay nach. Zuviel Fachwissen schade ihm, da es die aus dem Inneren kommende Überzeugung (des Essayisten) vergifte. Zu den wesentlichen Vorrausset-zungen eines gelungenen Essays zählt Chargaff ein bestimmtes Temperament – einerlei, welches. Er meint das schreibende Subjekt. »Die Gedanken, die den Text zusammenhalten, fügen sich zu einem Stil, aus dem ein Mensch herausblickt.«

Hat Chargaff recht, ist bei Kollektivwerken wie den herkömmlichen Lexika oder Enzyklopädien die Gefahr gebannt, ihre Artikel mit Essays, vielleicht auch die VerfasserInnen dieser Artikel mit Menschen zu verwechseln. Bei Wikipedia werden diese Schattenwesen »BenutzerInnen« genannt.
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