Sonntag, 10. Juli 2022
Falten im Kopfkissen
2022


Ein ungebildeter Schriftsteller ist ärgerlich und, vor allem für ihn selber, oft peinlich. Aber wie kommt man zu Bildung? Durch ein Studium der Germanistik oder Philosophie oder Geschichte oder gleich alles zusammen? Nie und nimmer. Das bewirkt eher das Gegenteil. Jedenfalls kommt man bestimmt nicht über nacht zu ihr.

Als mich Gudrun vor Jahrzehnten mit den Unfrisierten Gedanken des Polen S. J. Lec (1909–66) bekannt machte, war ich von solchen knappen Aphorismen verblüfft und begeistert. »Einsamkeit, wie bist du übervölkert!« So etwas kannte ich noch nicht. Wieder einige Jahre später fand ich genau dieselbe verblüffende Kürze in einem Buch von Jule Renard wieder – nur war der Franzose schon 1910 gestorben. »Das Beben des Wassers unter dem Eis«, las ich da gleich auf den ersten Seiten (15).* Schließlich noch Lichtenberg. Als ich neulich wieder einmal zu seinen Aphorismen griff**, mußte ich ihn zähneknirschend als Vorläufer oder Vater von Lec und Renard beziehungsweise die beiden als Papageien anerkennen. »Theorie der Falten in einem Kopfkissen.« Auf solche knappen Sätze (S. 447) belaufen sich etliche Einträge Lichtenbergs. Der Physiker und Verfasser sogenannter »Sudelbücher« starb an seinem Lehrort Göttingen 1799.

Was Rychner in Auswahl von Lichtenbergs Gesudele präsentiert, kommt mir allerdings heute merklich schwächer als vor rund 25 Jahren vor, dabei oft zu flüchtig, unsauber und entsprechend oberflächlich. Das deutet bereits auf das Problem der Zeit, nämlich des Lebensalters eines bestimmten Lesers hin. Meine Verehrung für Renard bekam sogar schon um 2005 Kratzer, wie ich aus meinen Unterlagen ersehe. Notiert er beispielsweise »Der Tod ist der Normalzustand. Wir bauen zu sehr auf das Leben« (301), ist das ohne Zweifel ein starker Gedanke – nur die Formulierung kam mir nun doch zu schwach vor. Ich schlug vor: >>Wenn man bedenkt, wie lange einer tot ist, wird man das Leben nicht mehr überschätzen.<< Renards bekanntestes und angeblich auch bestes Buch Rotfuchs (Übersetzung Walter Widmer, Zürich 1946) las ich um 2010. Es verärgerte mich geradezu, weil weder die Charaktere noch die Komposition des episodenhaft erzählten »Romanes« schlüssig sind. Die komposito-rischen Mängel scheint sogar Renard selber noch während der Schlußredaktion (Herbst 1894) in seinem Tagebuch eingeräumt zu haben, wie ich Hanns Grössels Nachwort zu den Ideen entnehme (350). »… ein schlechtes Buch, unvollständig, schlecht gebaut, weil es mir nur schubweise gekommen ist ..(..).. man könnte es beliebig kürzen oder verlängern …« Und so etwas wurde nun schon zu Renards Lebzeiten in »unzähligen Auflagen«, wie Widmer im Vorwort versichert, in die Buchläden gepumpt. Die Pumpstationen dürften bekannt sein. Einige Kurzprosastücke, mit denen Renard in der Manesse-Anthologie Vögel in der Weltliteratur (1986) vertreten ist, kommen mir inzwischen ebenfalls reichlich blaß vor. Offenbar war der Mann nicht so gut, wie ich einst dachte. Aber »Weltliteratur«, das war und ist er gleichwohl. Einmal dazu erklärt, gibt es kein Zurück mehr.

Obwohl unser Leben gewöhnlich vorwärts verläuft, bringen Renard/Ronte einen Satz, der die Teleologie zu durchkreuzen scheint. »Jeden Tag bin ich Kind, Mann und Greis«, lautet ein Eintrag auf S. 307. Das Gefühl, das hinter diesem Gedanken steckt, ist mir keineswegs fremd. Aber ich weiß auch, daß Rom nicht an einem Tag erbaut worden ist. Wahrscheinlich verdankt sich »Reifung«, wie man den Prozeß ja auch nennen könnte, mindestens zwei Bedingungen, die nicht immer Hand in Hand gehen müssen: der Zeit und der Tiefe. Manche begabten Leute erbohren sich in wenigen Wochen soviel Einsicht, wie sie Oskar Maria Graf selbst durch Wiedergeburt nicht erlangt hätte. In der Regel genügen wenige Wochen allerdings nicht. Lesen, lesen, lesen, das ist für gute Schriftsteller schon die halbe Miete. Was dafür entfällt, hat freilich auch seinen Preis: Verzicht, Verzicht, Verzicht. Vor allem auf sogenannte Geselligkeit = Öde und Geschwätz …

Jetzt habe ich zum Beispiel dieses dicke »Lexikon« ins Netz gestellt.*** Glaubt einer im Ernst, ich dürfte für die kommenden fünf Jahre mit mindestes 10 Leuten rechnen, die es wirklich lesen? Studieren? Durchdenken? Nie und nimmer. Ich rechne mit bestenfalls zwei Leuten. Denn allein die reine Lesezeit für einen solche Wälzer ist enorm. Die hat heute keiner mehr. Kein Lektor, kein Kritiker, niemand. Zu allem Unglück dürfte mein Werk auch noch recht tiefschürfend und beziehungsreich sein – das verschlingt man nicht wie einen Krimi von Chandler oder Mankell. So beläßt man es bei Stippvisiten. Und sollte der Lexikograf unwahrscheinlicherweise Aufsehen erregen, wird man das nachplappern, was sich irgendein Klappen-texter oder »Laudator« aus den Fingern gesogen hat.

Renards Rotfuchs war ein Knabe. Ein Fuchs jedoch, wie er hin und wieder um die hiesigen Hühnergehege schnürt, ist etwas ganz anderes. Seine Welpen hängen ihm vielleicht für ein paar Monate am Hinterbein, und dann wissen sie, wozu Hühner gut sind. Mehr brauchen sie auch nicht zu wissen. Sie sind nach wenigen Monaten fertige Füchse. Jetzt halten Sie die langwierige und oft vertrackte Kindheit der Sorte »Mensch« dagegen! Ein Wahnsinn. Und dann noch für Jahrzehnte von einer Falle in die andere tappen, bis man begriffen hat, das so mancher Kanon Kanonen entspringt.

* Ideen, in Tinte getaucht, München 1986, Auswahl und Übersetzung (aus Renards umfangreichem Tagebuch) Liselotte Ronte. Das Wähle-rische hat Ronte übrigens nicht daran gehindert, Renard oder sich selber dutzende von Wiederholungen durchgehen zu lassen.
** Hrsg. Max Rychner, Manesse-Verlag 1958
*** Gemeint ist das inzwischen auf Eis gelegte LdF, 1.250 Seiten stark
→ Zum Thema Schreiben siehe auch Heft 1 Köhlmeier + Deutsch lernen, Heft 4 Verantwortung, Heft 12 Winseln (Literaturpreise)

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