Samstag, 9. Juli 2022
Nobel, Emil

20 (1843–64), Opfer des Fortschritts (seines Bruders). Den Nobelpreis kennt natürlich jeder. Bekanntlich läßt er in jedem Herbst, wenn die Blätter fallen, den Aktienkurs einiger Dichter und Denker emporschnellen, wodurch freilich auch der Preisstifter in aller Munde, wenn auch nur in den wenigsten Gehirnen ist. Wir werden ihn uns gleich vorknöpfen. Die Dotierung des von Alfred Nobel um 1900 gestifteten Preises stand 2020 auf rund 950.000 Euro je Kategorie. Ich fürchte, nur wenigen der vielen, die schon für den Nobelpreis vorgeschlagen worden sind, wäre er gar zu peinlich. Ein Arthur Koestler, dem niemand mangel-haften Ehrgeiz vorwerfen kann, hätte den Nobelpreis schon deshalb mit Handkuß genommen, weil sich dann Simone de Beauvoir, die er angeblich einmal verführte, und der Anwalt der Sowjetunion Jean Paul Sartre einträchtig schwarz geärgert hätten.

Sartre selber lehnte den Nobelpreis (1964) erfreulicher-weise ab. Laut Beauvoirs Erinnerungen scheint ihn allerdings nicht die Herkunft des Geldes bedrückt zu haben; ihm ging die politische Instrumentalisierung des Nobelpreises (im Kalten Krieg) gegen den Strich. Jedenfalls darf vermutet werden, Sartre hätte sein Preisgeld wohl kaum in ein neues Badezimmer seiner Villa gesteckt – wie Mauriac. Chruschtschow ist der Nobelpreis nie angetragen worden, obwohl er sich fast so glänzend wie Schiller als Tyrannenmörder in Szene zu setzen verstand. Trotzdem mußte er nicht auf jeglichen Westkomfort verzichten. Beauvoir in ihren Erinnerungen: »Er zeigte uns das Schwimmbad, das er sich am Meeresufer hatte einrichten lassen; es war ungeheuer groß und von einer Glaswand umgeben, die man durch einen Knopfdruck öffnen konnte: selbstgefällig führte er uns das Manöver mehrere Male vor.«

Heinrich Böll und Elias Canetti verweigerten sich 1972 und 1981 dem Nobelpreis nicht. Bei Canetti verblüfft das wenig, ist er doch möglicherweise noch eitler als Chruschtschow und Grass zusammen gewesen. Bölls Kohle ging wohl teilweise in nach ihm benannte (grüne) Stiftungen ein, die sich später als Schmieden glühender Karrieristen entpuppten, wobei Claudia Roth der eigene Nachname zustatten kam. Otto Krätz hat neulich (2002) darauf hingewiesen, in 100 Jahren seien nur 29 Frauen, dagegen 700 Männer eines Nobelpreises für würdig befunden worden. Möge Roth sich also strecken; im Bereich des Friedens ist immer etwas zu machen. Bekanntlich wird der Nobelpreis nicht nur für Literatur vergeben. Zum Beispiel erhielt ihn 1945 (rückwirkend für 1944!) der Chemiker Otto Hahn wegen seiner Verdienste um die Kernspaltung. Soweit ich weiß, hatte Hahn die Zeit von 1928 bis Kriegsende recht angenehm überstanden, nämlich als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem. Ein prominenter Instituts-Kollege von ihm war Fritz Haber gewesen, der den Nobelpreis 1918 für die Erfindung des Kunstdüngers eingesackt hatte. Weil das schon fragwürdig genug war, sah man über Habers Beteiligung an der Entwicklung des Giftgases hinweg. Sie spielte eine Rolle beim Selbstmord seiner Gattin Clara Immerwahr.

Zwar nahm auch der britische Dramatiker Harold Pinter (2005) den Nobelpreis an, doch war er immerhin mutig genug, in seiner Preisrede die Verbrechen des US-Imperialismus und von dessen Spießgenossen anzuprangern. Damit zum Frieden. Mit Preisträger Henry A. Kissinger wurde 1973 auf bis dahin selten dreiste Weise der Bock zum Gärtner gemacht. Christopher Hitchens kam in seinem Kissinger-Buch von 2001 aufgrund neuer Dokumente zu dem Schluß, der US-Außenminister habe den Vietnamkrieg keineswegs beenden, vielmehr in die Länge zu dehnen geholfen. Erwiesen ist, daß Kissinger als Sicherheitsberater des Präsidenten Nixon an den völkerrechtswidrigen Flächenbombardements in Laos und Kambodscha beteiligt war und zu den Drahtziehern jenes Militärputsches zählte, der unter anderem dem chilenischen General René Schneider und 1973 dessen gewähltem sozialistischem Präsidenten Salvador Allende das Leben kostete. In jener Zeit sei Kissinger ohne jeden Zweifel der faktische Chef sowohl der »verdeckten« Auslandsoperationen wie der Ausspionierung der eigenen BürgerInnen durch die CIA gewesen, läßt sich bei deren Chronisten Tim Weiner (2007) lesen. Was Barack Obama angeht, wie zahlreiche Schurken vor ihm vor den Wahlen zum »Hoffnungsträger« gestylt, habe ich schon keine Lust mehr, von ihm zu reden. Er bekam den Friedenspreis 2009, bevor er Libyen plattmachen ließ.

Auch vom Preisstifter Alfred Nobel her folgt der Kriegs-nobelpreis konsequent der Tradition. Vater Immanuel hatte sich mit Rüstungsgeschäften am Krimkrieg (1853–56) gesund gestoßen; wegen unglücklicher Kräfteverteilung an diplomatischer Front ging er dann aber trotzdem bankrott. Sohn Alfred half aus der Patsche, indem er (1866) das Dynamit erfand. Schon einer der ersten, vorausgehenden Laborversuche, in einem Schuppen auf dem väterlichen Anwesen im Süden Stockholms im Verein mit wechselnden Mitarbeitern vorgenommen, führte zu einer mittleren Katastrophe. Am 3. September 1864 lagerten 123 Kilogramm Nitroglyzerin im Schuppen. Als der Schuppen um 10 Uhr 30 in die Luft flog, wanderten fünf Personen mit: voran Alfreds jüngster Bruder, der knapp 21jährige Emil Nobel, dazu der Ingenieur Hertzman, die Dienstmagd Maria, der Laufbursche Herman und der Tischler Johan Peter Nyman. Einem zeitgenössischen Reporter zufolge waren lediglich »formlose Massen von Fleisch und Knochen« von ihnen übrig geblieben. Alfred war während dieser Explosion zufällig außer Haus gewesen. Soweit zum Auslöser dieser Betrachtung, Emil.

Dies alles konnte Alfred nicht daran hindern, eine Aktiengesellschaft zu gründen und für zahlreiche weitere Explosionen zu sorgen, bei denen zunächst die eigenen Fabrikgebäude oder Leute zu Schaden kamen. Ab 1866 hatte auch das deutsche Volk an dieser Entwicklung teil: Nobel eröffnete eine Fabrik in Hamburg-Krümmel und wohnte sogar einige Jahre dort. Bald nach dem Ersten Weltkrieg wird sie von dem einheimischen Riesenkonzern IG Farben übernommen, weil dieser bereits den Zweiten Weltkrieg wittert. Allein die »eigenen« Toten diverser deutscher Sprengstoff-Fabriken* hätten wahrscheinlich für die Gründung der Deutschen Kriegsgräberfürsorge (1919) ausgereicht. Im September 1939 sind auf dem zerfurchten Gelände in Krümmel, das später noch durch ein Atomkraftwerk gekrönt wird, um 3.000 Leute beschäftigt. Als stern-Reporter Günther Schwarberg 1986 eine Geschichte über die noble Krümmelei schreibt, wird sie von seiner (in Hamburg sitzenden) Chefredaktion abgelehnt.

Alfreds Goldgrube war der Panamakanal, mit dessen Bau 1879 begonnen wurde. Er verschlang Unmengen an Dynamit – nebenbei auch ungefähr 50.000 vom Gelbfieber dahingeraffte Kanalarbeiter. Nach 10 Jahren ging die französische Baugesellschaft in Konkurs, wodurch tausende von Kleinanlegern ihre Ersparnisse loswurden. Otto Krätz: »Einzig Nobel war der große Gewinner.« Der sah sich nie bemüßigt, auch nur einen Nachruf auf die Opfer seiner skrupellosen Sprengstoffproduktion zu verfassen. Er habe sich auch niemals öffentlich mit dem Mißbrauch und dem militärischen Gebrauch seiner Produkte auseinandergesetzt, schreibt -ju-.* 1888 ließ sich der geschäftstüchtige Schwede sein rauchfreies Schießpulver Ballistit patentieren, das, nach -ju-, überhaupt erst den Bau von Maschinengewehren ermöglichte. Dafür bemitleidete sich Nobel als einen verkannten Dichter. Er starb 1896. Offenbar brachte er niemals etwas Genießbares zu Papier – außer der Unterschrift unter jenes Testament, mit dem er Bares für geniale GeistesarbeiterInnen stiftete, um sich für alle Zeiten in deren Abglanz sonnen zu können. Mal sehen, wer sich noch alles von diesem Lumpen aushalten läßt.

* -ju-, Artikel »Dynamit« auf der Webseite der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Stand September 2020: https://geschichte-s-h.de/dynamit/
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