Samstag, 9. Juli 2022
Matavuljs Herrlichkeit

Meine zwei Geschichten Zeder Zamir werden (2012) vom jungen kroatischen Kriminalkommissar Danilo Matavulj erzählt. Erstmals zu Gast bei dem blonden, aus Deutschland stammenden Musiker und Snookerspieler Fritz, kommt die Rede auf das berühmte einheimische Buch Seine Herrlichkeit Frater Brne. Der Blick vom Gartentisch geht auf die Hafenstadt Zamir.


Eigentlich hätte ich gerne Fritzens Bemerkungen über Vedrana nachgehangen, die mir wie seine vorzügliche zarte und doch krustige Forelle hinuntergegangen waren, aber der Schwenk zu Simo Matavulj unterband das brutal. Der erwähnte Roman (von 1892) galt als Matavuljs Hauptwerk. Er spielte in unserem Küstenstrich und dort vorwiegend in einem auf einer Flußinsel gelegenen katholischen Kloster. Ich sagte:

»Ja, ich kann mir denken, das Werk ist nicht ganz dein Fall. Uns haben sie in der Schule auch damit gequält. Ich fand es einfach doof.«

Fritz lachte. »Sehr gut! Mehr dürfte man eigentlich nicht dazu sagen.«

Allerdings besann er sich rasch um. Er nahm plötzlich Haltung an und hieb sogar mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Das Werk ist eine Katastrophe!« versicherte er mir. »Die Lexika behaupten, es sei angenehm volkstümlich, es sei knapp, es sei humorvoll. Aber nichts davon stimmt. Es langweilt durch ausführliche Schilderungen banaler Ereignisse und auch banaler Streiche, wie du dich vielleicht noch erinnern wirst. Ausgeprägte Merkmale des Volkscharakters wie etwa Hinterhältigkeit, Doppelmoral, Frömmigkeit, mit Bauernschläue gepaarte Strohdummheit stellt das Werk nie in Frage. So sind die Leute eben. Ihre Schlechtigkeiten werden tausendmal von ihrer Kunstfertigkeit im Reden, Prahlen, Lügen aufgewogen, vor der Lehrer Matavulj wiederholt seinen Hut zieht. Natürlich stellt er auch die alles beherrschende Kirche, ob katholisch oder orthodox, nie in Frage. Im Gegenteil, sie ist die große Wohltäterin des Landes. Matavulj verleiht den mehr oder weniger feisten Schmarotzern, die sich in ihren Klosterzellen bedienen lassen und im Nebenberuf allesamt Wucherer sind, ausgefallene Spitznamen wie Backtrog, Wedelschwanz, Latte, und schon hat er sie liebenswert gemacht. Über Politik redet sein Werk schon gar nicht. Ich will Matavulj eine gewisse literarische Begabung nicht absprechen, aber sein Horizont scheint mir doch recht begrenzt. Gegen Claude Tilliers Landarzt Onkel Benjamin gehalten würden Matavuljs Mönche und Popen, so dick sie auch sind, in der Tat zu einer bedeutungslosen Zaunlatte schrumpfen. Aber irgendein Zaunkönig hat seinen Roman zur Weltliteratur erklärt – und jetzt müssen sich sogar Deutsche und Franzosen damit abmühen. Bist du eigentlich mit diesem Matavulj verwandt?«

Ich schüttelte meinen Kopf. »Meine Eltern sagten immer: leider nicht.«

Fritz streckte mir spontan seine Hand entgegen: »Na, Gott sei Dank!«
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